DOKUMENTE

Adolf Behne

Glasarchitektur-Manifest*
(1920)

[...] Kein Material überwindet so sehr die Materie wie das Glas. Das Glas ist ein völlig neues, reines Material, in welchem die Materie ein- und umgeschmolzen ist. Von allen Stoffen, die wir haben, wirkt es am elementarsten. Alle anderen Stoffe wirken neben dem Glase abgeleitet und wie Reste. Das Glas wirkt außermenschlich als mehr denn menschlich. Daher hat der Europäer recht, wenn er fürchtet, die Glasarchitektur möge ungemütlich werden. Ganz bestimmt. Das wird sie. Und das ist nicht ihr geringster Vorzug. Denn aus seiner Gemütlichkeit muß erst einmal der Europäer herausgerissen werden. Man steigert das Wort gemütlich nicht umsonst ins 'Saugemütliche'. Fort mit der Gemütlichkeit. Erst wo die Gemütlichkeit aufhört, fängt der Mensch an. Die Glasarchitektur hebt den geistlosen Beharrungszustand der qualligen Gemütlichkeit, in der alle Werte stumpf und matt werden, auf und setzt an ihre Stelle den Zustand eines hellen Bewußtseins, einer kühnen Aktivität und eines Schaffens immer neuer, immer schönerer Werte. [...]

*zitiert nach Jost Hermand u. Richard Hamann. Expressionismus. [Epochen deutscher Kultur von 1870 bis zur Gegenwart. Bd. 5] Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main, 1977. S. 154f. [ursprünglich erschienen in Frühlicht, Heft 1]