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DOKUMENTE
Walter Gropius
Programm des Staatlichen Bauhauses in Weimar
(1919)
Das Staatliche Bauhaus in Weimar ist durch Vereinigung der ehemaligen Großherzoglich
Sächsischen Hochschule für bildende Kunst mit der ehemaligen Großherzoglich Sächsischen
Kunstgewerbeschule unter Neuangliederung einer Abteilung für Baukunst entstanden.
Ziele des Bauhauses
Das Bauhaus erstrebt die Sammlung alles künstlerischen Schaffens zur Einheit, die
Wiedervereinigung aller werkkünstlerischen Disziplinen -- Bildhauerei, Malerei,
Kunstgewerbe und Handwerk -- zu einer neuen Baukunst als deren unablösliche
Bestandteile. Das letzte, wenn auch ferne Ziel des Bauhauses ist das Einheitskunstwerk --
der große Bau --, in dem es keine Grenze gibt zwischen monumentaler und dekorativer
Kunst.
Das Bauhaus will Architekten, Maler und Bildhauer aller Grade je nach ihren Fähigkeiten
zu tüchtigen Handwerkern oder selbständig schaffenden Künstlern erziehen und eine
Arbeitsgemeinschaft führender und werdender Werkkünstler gründen, die Bauwerke in ihrer
Gesamtheit -- Rohbau, Ausbau, Ausschmückung und Einrichtung -- aus gleichgeartetem
Geist heraus einheitlich zu gestalten weiß.
Grundsätze des Bauhauses
Kunst entsteht oberhalb aller Methoden, sie ist an sich nicht lehrbar, wohl aber das
Handwerk. Architekten, Maler, Bildhauer sind Handwerker im Ursinn des Wortes, deshalb
wird als unerläßliche Grundlage für alles bildnerische Schaffen die gründliche
handwerkliche Ausbildung aller Studierenden in Werkstätten und auf Probier- und
Werkplätzen gefordert. Die eigenen Werkstätten sollen allmählich ausgebaut, mit fremden
Werkstätten Lehrverträge abgeschlossen werden.
Die Schule ist die Dienerin der Werkstatt, sie wird eines Tages in ihr aufgehen. Deshalb
nicht Lehrer und Schüler im Bauhaus, sondern Meister, Gesellen und Lehrlinge.
Die Art der Lehre entspringt dem Wesen der Werkstatt:
- Organisches Gestalten aus handwerklichem Können entwickelt.
- Vermeidung alles Starren; Bevorzugung des Schöpferischen; Freiheit der
Individualität, aber strenges Studium.
- Zunftgemäße Meister- und Gesellenproben vor dem Meisterrat des Bauhauses oder
vor fremden Meistern.
- Mitarbeit der Studierenden an den Arbeiten der Meister.
- Auftragsvermittlung auch an Studierende.
- Gemeinsame Planung umfangreicher utopischer Bauentwürfe -- Volks-und
Kultbauten -- mit weitgestecktem Ziel. Mitarbeit aller Meister und
Studierenden -- Architekten, Maler, Bildhauer -- an diesen Entwürfen
mit dem Ziel allmählichen Einklangs aller zum Bau gehörigen Glieder
und Teile.
Ständige Fühlung mit Führern des Handwerks und Industrien im Lande. Fühlung mit dem
öffentlichen Leben, mit dem Volk durch Ausstellungen und andere Veranstaltungen.
Neue Versuche im Ausstellungswesen zur Lösung des Problems, Bild und Plastik im
architektonischen Rahmen zu zeigen.
Pflege freundschaftlichen Verkehrs zwischen Meistern und Studierenden außerhalb der
Arbeit; dabei Theater, Vorträge, Dichtkunst, Musik, Kostümfeste. Aufbau eines heiteren
Zeremoniells bei diesen Zusammenkünften.
Umfang der Lehre
Die Lehre im Bauhaus umfaßt alle praktischen und wissenschaftlichen Gebiete des
bildnerischen Schaffens.
- Baukunst,
- Malerei,
- Bildhauerei
einschließlich aller handwerklichen Zweiggebiete.
Die Studierenden werden sowohl handwerklich (1) wie zeichnerisch-malerisch (2) und
wissenschaftlich-theoretisch (3) ausgebildet.
- Die handwerkliche Ausbildung -- sei es in eigenen, allmählich zu ergänzenden oder
fremden, durch Lehrvertrag verpflichteten Werkstätten -- erstreckt sich auf:
- Bildhauer, Steinmetzen,Stukkateure, Holzbildhauer, Keramiker, Gipsgießer,
- Schmiede, Schlosser, Gießer, Dreher,
- Tischler,
- Dekorationsmaler, Glasmaler, Mosaiker, Emailleure,
- Radierer, Holzschneider, Lithographen, Kunstdrucker, Ziseleure,
- Weber.
Die handwerkliche Ausbildung bildet das Fundament der Lehre im Bauhaus. Jeder
Studierende soll ein Handwerk erlernen.
- Die zeichnerische und malerische Ausbildung erstreckt sich auf:
- freies Skizzieren aus dem Gedächtnis und der Phantasie,
- Zeichnen und Malen nach Köpfen, Akten und Tieren,
- Zeichnen und Malen von Landschaften, Figuren, Pflanzen und Stilleben,
- Komponieren,
- Ausführen von Wandbildern, Tafelbildern und Bilderschreinen,
- Entwerfen von Ornamenten,
- Schriftzeichen,
- Konstruktions- und Projecktionszeichnen,
- Entwerfen von Außen-, Garten- und Innenarchitekturen,
- Entwerfen von Möbeln und Gebrauchsgegenständen.
- Die wissenschaftlich-theoretische Ausbildung erstreckt sich auf:
- Kunstgeschichte -- nicht im Sinne von Stilgeschichte vorgetragen, sondern zur
lebendigen Erkenntnis historischer Arbeitsweisen und Techniken,
- Materialkunde,
- Anatomie - am lebenden Modell,
- physikalische und chemische Farbenlehre,
- rationelles Malverfahren,
- Grundbegriffe von Buchführung, Vertragsabschlüssen, Verdingungen,
- allgemein-interessante Einzelvorträge aus allen Gebieten der Kunst und
Wissenschaft.
Einteilung der Lehre
Die Ausbildung ist in drei Lehrgänge eingeteilt:
- Lehrgang für Lehrlinge,
- Lehrgang für Gesellen,
- Lehrgang für Jungmeister.
Die Einzelausbildung bleibt dem Ermessen der einzelnen Meister im Rahmen des
allgemeinen Programms und des in jedem Semester neu aufzustellenden
Arbeitsverteilungsplanes überlassen.
Um den Studierenden eine möglichst vielseitige, umfassende technische und künstlerische
Ausbildung zuteil werden zu lassen, wird der Arbeitsverteilungsplan zeitlich so eingeteilt,
daß jeder angehende Architekt, Maler oder Bildhauer auch an einem Teil der anderen
Lehrgänge teilnehmen kann.
Aufnahme
Aufgenommen wird jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht,
deren Vorbildung vom Meisterrat des Bauhauses als ausreichend erachtet wird, und soweit
es der Raum zuläßt. Das Lehrgeld beträgt jährlich 180 Mark (es soll mit steigendem
Verdienst des Bauhauses allmählich ganz verschwinden). Außerdem ist eine einmalige
Aufnahmegebühr von 20 Mark zu zahlen. Ausländer zahlen den doppelten Betrag.
Anfragen sind an das Sekretariat des Staatlichen Bauhauses in Weimar zu richten.
April 1919
Die Leitung des
Staatlichen Bauhauses zu Weimar:
Walter Gropius
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