Walter Gropius
aus: Meine Konzeption des Bauhaus-Gedankens*
(1935)
Nachdem ich vor dem ersten Weltkrieg bereits meinen eigenen Standpunkt innerhalb der
Architektur gefunden hatte -- wie das Fagus-Gebäude von 1911 und die Kölner Werkbund-
Ausstellung von 1914 beweisen --, wurde mir das Ausmaß meiner Verantwortung als
Architekt auf Grund eigener Reflektionen voll bewußt, als ein Resultat des ersten
Weltkrieges, während dessen meine theoretischen Ideen zum erstenmal Form annahmen.
Nach jener brutalen Unterbrechung verspürte jeder denkende Mensch die Notwendigkeit
eines intellektuellen Frontwechsels. Auf seinem eigenen, besonderen Tätigkeitsgebiet
versuchte jeder dazu beizutragen, den Abgrund zwischen Wirklichkeit und Idealismus zu
überbrücken. Damals dämmerte mir zum erstenmal, wie gewaltig die Mission war, die ein
Architekt meiner Generation zu erfüllen hatte. Ich fand, daß zuallererst das Ziel und das
Tätigkeitsfeld des Architekten neu abgesteckt werden müßten, eine Aufgabe, die ich jedoch
durch meinen eigenen architektonischen Beitrag allein nicht zu realisieren erhoffen konnte;
sondern dies konnte vielmehr nur durch Ausbildung und Vorbereitung einer neuen
Architektengeneration in engem Kontakt mit den modernen Produktionsmitteln erreicht
werden, in einer Pionierschule, die autoritative Bedeutung erringen mußte. [...]
So wurde 1919 das Bauhaus eröffnet. Sein besonderes Ziel war die Verwirklichung einer
modernen Architektur, die, gleich der menschlichen Natur, das ganze Leben umfaßt. Es
konzentrierte sich in seiner Arbeit hauptsächlich auf das, was heute allgemein eine Aufgabe
von zwingender Notwendigkeit geworden ist, nämlich die Versklavung des Menschen durch
die Maschine zu verhindern, indem man das Massenprodukt und das Heim vor mechanischer
Anarchie bewahrt und sie wieder mit lebendigem Zwecksinn erfüllt. Dies bedeutet, Waren
und Bauten zu entwickeln, die ausdrücklich für industrielle Produktion entworfen sind.
Unsere Absicht bestand darin, die Nachteile der Maschine auszuschalten, ohne dabei
irgendeinen ihrer wirklichen Vorteile zu opfern. Wir bemühten uns, Qualitätsmaßstäbe
festzulegen, nicht kurzlebige Novitäten zu schaffen. Wieder einmal stand das Experiment
im Mittelpunkt der Architektur, und das erforderte einen breit eingestellten,
anpassungsfähigen Geist, nicht enges Spezialistentum.
Was das Bauhaus in der Praxis lehrte, war die Gleichberechtigung aller Arten
schöpferischer Arbeit und ihr logisches Ineinandergreifen innerhalb der modernen
Weltordnung. [...]
[...] Wesentlich für die Bauhausarbeit war die Tatsache, daß im Lauf der Zeit alle
Erzeugnisse eine gewisse Verwandschaft zeigten: dies war das Resultat eines bewußt
entwickelten Gemeinschaftsgeistes, der sich trotz der Zusammenarbeit der
verschiedenartigsten Persönlichkeiten und Individualitäten herauskristallisiert hatte. Diese
Verwandschaft beruhte nicht auf äußerlichen stilistischen Einzelheiten, sondern vielmehr auf
dem Bemühen, die Dinge einfach, echt und in Übereinstimmung mit ihren
Gesetzmäßigkeiten herzustellen. Die Formen, welche die Bauhauserzeugnisse angenommen
haben, sind daher nicht modisch, sondern das Resultat künstlerischer Übereinkunft und
ungezählter Denk- und Arbeitsprozesse in technischer, wirtschaftlicher und formgestaltender
Hinsicht. Das Individuum kann allein dieses Ziel nicht erreichen; nur in der
Zusammenarbeit vieler kann die Lösung gefunden werden, die über das Individuelle
hinausgeht und jahrelang gültig bleibt.
*zitiert nach Claude Hill. Zweihundert Jahre deutscher Kultur. Harper and Row: New
York, 1966. S. 380ff.