DOKUMENTE

Walter Gropius

aus: Architektur. Wege zu einer optischen Kultur.*
(1956)

Wir sind heute in der Lage, den Nachweis dafür zu führen, daß sich die Erscheinungsformen der neuen Baukunst folgerichtig und zwangsläufig aus den geistigen, gesellschaftlichen und technischen Voraussetzungen der Zeit logisch entwickelten und nicht etwa modernistischen Marotten einiger neuerungssüchtiger Architekten entsprungen sind. Ein Vierteljahrhundert ernster und tiefgreifender Kämpfe war erforderlich, bis die neue Baugestalt entstand, die in ihrer Struktur so zahlreiche grundlegende Änderungen gegenüber der Vergangenheit aufweist. Ich möchte den gegenwärtigen Zustand in der modernen Baukunst etwa so charakterisieren: Der Durchbruch zu einem neuen, dem Zeitalter der Technik entsprechenden Gesicht der Baukunst ist erfolgt, der Formalismus abgestorbener Stile wurde zerschlagen, man ist zum Gedanken, zur Aufrichtigkeit der Gesinnung zurückgekehrt. Die frühere Indolenz des Publikums in allen Baufragen ist wachgerüttelt worden, sein persönliches Interesse an der Baukunst als an einer das tägliche Leben berührenden Frage, die alle angeht, hat in breiten Kreisen zugenommen und die Züge der Entwicklung zeichnen sich in Europa deutlich ab.

Aber diese Entwicklung stieß auf Hindernisse: auf verwirrende Manifeste, Theorien und Dogmen, auf technische Schwierigkeiten, die der allgemeine wirtschaftliche Niedergang nach dem Kriege verstärkt hat, und auf die Gefahren formalistischer Spielerei. Das Schlimmste war dies: Das "neue Bauen" wurde in vielen Ländern Mode! Nachahmung, Snobismus und Mittelmäßigkeit verfälschten die tiefen und weitgreifenden Absichten der Erneuerung, die ja auf Wahrhaftigkeit und Vereinfachung gegründet waren. Falsch geprägte Schlagworte, wie das von der "neuen Sachlichkeit" und "zweckmäßig gleich schön" haben die Betrachtung der modernen Baukunst auf äußerliche Nebenwege abgelenkt ... Die Befreiung der Baukunst vom Wust des Dekorativen, die Besinnung auf die Funktion seiner Glieder, das Suchen nach einer knappen, ökonomischen Lösung ist ja nur die materielle Seite des Gestaltungsprozesses, von dem der Gebrauchswert des neuen Bauwerks abhängt. Viel wesentlicher aber als diese funktionsbetonte ökonomie ist die geistige Leistung einer neuen räumlichen Vision im baulichen Schaffensprozeß. Während also die Praxis des Bauens Problem der Konstruktion und des Materials ist, beruht das Wesen der Architektur auf der Beherrschung der Raumproblematik.

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Bei meiner Analyse der heutigen Zustände gehe ich von der Voraussetzung aus, daß die Architektur als Kunstform jenseits der konstruktiven und wirtschaftlichen Bedürfnisse auf der psychologischen Ebene des menschlichen Daseins beginnt. Die Befriedigung der menschlichen Psyche durch Schönheit ist für ein erfülltes zivilisiertes Leben ebenso wichtig, wenn nicht noch wichtiger, als die Erfüllung unserer materiellen Bedürfnisse nach Komfort. -- Die Lawine des Fortschritts und der Wissenschaft hat die Menschen in Verwirrung gestürzt; unfähig sich anzupassen, leidet er an einem beklagenswerten Mangel an moralischer Initiative. Wir haben eine mechanistische Auffassung entwickelt, eine "Gallup- Poll"-Mentalität; wir verlassen uns auf Quantität, statt auf Qualität, auf unser Gedächtnis, statt auf unser Denken; wir beugen uns vor praktischen Erwägungen, statt eine neue Überzeugung zu formen... Gibt es Gegenmittel gegen diesen Zug der Zeit? Unsere Gesellschaft ist sich der essentiellen Wichtigkeit der Arbeit des Wissenschaftlers für ihr Weiterbestehen durchaus bewußt; sie hat aber augenscheinlich die lebenswichtige Bedeutung des schöpferischen Künstlers für die Gestaltung und Ordnung unserer Lebenswelt vergessen. Im Gegensatz zum Mechanisierungsprozeß besteht die Arbeit eines echten Künstlers in seiner unvoreingenommenen Suche danach, den symbolischen Formausdruck für die Phänomene unseres Lebens zu finden. Dazu braucht er den kühnen, unbeirrten Blick des freien Menschen. Seine Arbeit ist für die Entwicklung einer echten Demokratie von größter Bedeutung, denn er ist der Prototyp des "ganzen" Menschen; seine Freiheit, seine Unabhängigkeit sind relativ intakt. Seine intuitive Fähigkeiten sind das Gegenmittel gegen unsere Übermechanisierung, das unser Leben wieder ins Gleichgewicht bringen und die Auswirkung der Maschine humanisieren könnte. Aber der Künstler ist in Vergessenheit geraten, oft wird er sogar verlacht und als ein überflüssiges Luxusprodukt der menschlichen Gesellschaft angesehen. Ich behaupte dagegen, daß unsere desorientierte Gesellschaft der schöpferischen Teilnahme an den Künsten als eines wesentlichen Ausgleichs gegenüber der Wissenschaft dringend bedarf, um ihrer atomisierenden Wirkung Einhalt zu bieten.


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*Fischer Bücherei, Kapitel 5, 7 und 16, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main (zitiert nach Spectrum. Modern German Thought in Science, Literature, Philosophy and Art. Hrsg. von W.P. Lehmann, Helmut Rehder, Hans Beyer. Holt, Rinehart and Winston. New York, 1964; S. 472f.)