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DOKUMENTE
Jost Hermand
Expressionismus und Architektur
aus: Richard Hamann und Jost Hermand. Expressionismus. [Epochen deutscher Kultur von
1870 bis zur Gegenwart. Bd. 5] Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main, 1977. S.
149ff.
"[In den bildenden Künsten] erfährt man am deutlichsten, was dem Expressionismus als das
Hauptübel in der Kunst des 19. Jahrhunderts erschien. Und zwar war dies vor allem die
Tendenz, das Ästhetische als etwas Besonderes, als eine Enklave des schönen Lebens oder
ein 'paradis artificiel' zu betrachten. Noch um 1900 hatte man in der bürgerlichen Ästhetik
immer wieder die These aufgestellt, daß die Kunst etwas sei, daß den von der Last des
Daseins erschöpften Menschen über den Alltag erhebe und in eine Art Gefühlsreservat
versetze, wo er die nötige Seelenmassage bekomme, um sich am folgenden Morgen wieder
mit regenerierten Kräften in den brutalen Konkurrenzkampf stürzen zu können. Dieser
Gesellschaft war die Kunst wie eine Insel des Erlesenen erschienen, als ob es sich dabei um
eine 'gute Stube' voller Natur und Menschlichkeit, Gemüt und Blumentapeten, Makart-
Buketts und Familienbilder handele. Selbst das rein Sachliche, das heißt die Welt der
machinell hergestellten Industrieprodukte, wurde deshalb von den Formgestaltern des späten
19. Jahrhunderts immer wieder metaphorisch ins Naturhafte erhoben. Dafür sprechen die
vielen allegorischen Personifizierungen aus dem Tier- oder Pflanzenreich. [...] Die ersten, die
mit diesen Natur- und Menschlichkeitssurrogaten radikal brachen, waren die Werkbund-
Theoretiker um 1900. Was ihnen vorschwebte, war eine Sachkultur, die in ihren Werken
den durch die Industrie ermöglichten Sieg des Menschen über die Natur und damit den Sieg
der Sachlichkeit über die bürgerliche Gemütlichkeit zum Ausdruck zu bringen versucht.
Statt also wie die Heimatkünstler, Neuromantiker und Neo-Biedermeier um 1900 der
industriellen Revolution mit einem reaktionären Anthromorphismus und metaphernreichen
Gemüts- und Naturhumanismus entgegenzutreten, rücken Werkbund-Theoretiker wie
Hermann Muthesius, Fritz Schumacher oder Walter Gropius gerade das Produzierte,
Mechanische, Konstruktivistische und Abstrakte in den Vordergrund. Diese Richtung
versteckt ihre Fabriken und Werkstätten nicht mehr hinter Bäumen und Blumenkästen,
sondern stellt sie mitten in die menschlichen Siedlungen hinein und befreit sie zugleich von
allem historisierenden und naturverklärenden Mummenschanz. "Die neue Zeit erfordert
eignen Sinn", schreibt Gropius 1913 im "Jahrbuch des deutschen Werkbundes". Statt
"unsachlicher Zierate" und "erborgter Masken", die mit dem "ernsten Wesen einer Fabrik
nichts gemein haben", fordert er deshalb "exakt geprägte Formen, klare Kontraste und
Reihung gleicher Teile", das heißt einen Stil, der sich rein am Wesen der "Sache" orientiert.
Das Gleiche gilt für jene Gebrauchsformen, die von den Designern des Werkbundes
entworfen wurden. Auch bei ihnen läßt sich eine allgemeine Entsentimentalisierung und
damit Rationalisierung beobachten. Allenthalben schwört man in diesen Kriesen auf Logik,
Zweckmäßigkeit, Präzision und Funktionalität, denen der Jugendstil mit seiner manierierten
Natursentimentalität -- trotz mancher hochtönenden Programme -- immer wieder aus dem
Wege gegangen war. [...] [Die] Produkte des Werkbundes [haben] eine Sachschönheit rein
konstruktiver Art, die auf der konsequenten Akzentuierung ihres Zweckes beruht. Bei ihnen
wird nichts mehr verkleidet oder ornamentalisiert, sondern lediglich der Gebrauchscharakter
der betreffenden 'Sache' hervorgehoben. Was hier dominiert, sind reine Kuben, Flächen oder
Linien, deren sichtbar gemachte Logik der Vereinheitlichung der Zwecke entspricht.
Diese Tendenzen zeigen sich am deutlichsten dort, wo man über das handwerklich
arbeitende Kunstgewerbe hinausgreift und auch die Technik in das allgemeine Formschaffen
einbezieht. [...] So begeisterten sich die Theoretiker des Werkbundes und später auch die
Mitglieder der 'Gläsernen Kette' und des Bauhauses eher für Autostraßen als für stille
Waldwege, eher für künstliche Höhensonnen als für echte Sonnenbestrahlung, eher für
Talsperren als für natürliche Wasserfälle. Ja, Bruno Taut machte 1919 in seinem Buch
"Alpine Architektur" den Vorschlag, alle Bergspitzen der Alpen von Monte Rosa bis zum
Luganer See mit riesigen Konstruktionen aus Stahl, Beton und farbigem Glas zu überbauen,
um sie endlich auf das Niveau der modernen Technik zu bringen. [...] Was man hier achtet,
sind Dinge wie Eisenbahn, Radio, Elektrizität, Telegraf, Flugzeug, Automobil und
Grammophon, ja alles Apparathafte und Motorisierte schlechthin. Anstatt weiterhin
lediglich das Gewordene und Gewachsene zu schätzen, soll jetzt endlich das Produkt
gegenüber der bloßen Natur zu Ehren kommen. Man bemüht sich daher immer stärker,
gerade das Gemachte, das Zweckhafte, die allgemeine Apparatisierung des Lebens sichtbar
werden zu lassen, was in letzter Konsequenz zu einem Technik- und Maschinenstil führt, der
unter dem Einfluß des Futurismus, Kubismus und Tatlinismus schließlich in den Bauhaus-
Praktiken der späten zwanziger Jahre kulminiert.
Der Expressionismus ist somit die erste Bewegung in Deutschland, innerhalb derer sich
bestimmte Künstler schon so stark mit dem 'Ingenieurhaften' identifizieren, daß sie dazu
übergehen, auch Maschinen und Instrumente in die ästhetische Formgebung einzubeziehen.
[...]
Auch [in der expressionistischen Architektur] steht nicht das Private, sondern das Öffentliche
im Vordergrund des Interesses. Es sind daher die Sachbauten, die Bauten der öffentlichen
Hand, die für alle da sind und die von allen benutzt werden, deren sich die Architekten dieser
Ära besonders angenommen haben. [...]
Man denke an die Chemische Fabrik in Luban (1911-1912) von Hans Poelzig oder die
Fagus-Werke in Alfeld (1911) von Walter Gropius, bei denen auf jede architektonische
Repräsentation in Form von Säulen oder plastischem Schmuck wie auch auf die
herkömmlichen Besitzer-Symbole einfach verzichtet wird. Statt dessen erscheint alles in
absoluter Nüchternheit, Klarheit und Einfachheit, in reinen Kuben und Flächen, das heißt
unter Umgehung irgendwelcher 'sachfremden' Elemente. [...]
[...] neben [...] Einzelbauten faßten diese Architekten von Anfang an ganze Wohnblocks,
ganze Siedlungen, ja ganze Städte ins Auge, um der Menschheit neue Leitbilder eines
gemeinschaftlichen Wohnens und Arbeitens zu geben. Wohl am weitesten ging dabei Bruno
Taut, der in seinen Büchern "Die Stadtkrone" (1919) und "Die Auflösung der Städte"
(1920) die grandiose Utopie eines weltballumspannenden Systems in sich autarker
Arbeitsgemeinschaften entwickelt, denen eine urkommunistische Gesellschaftsordnung
zugrunde liegt. Besitz und Ehe werden hier von vornherein als 'erschlaffend' abgelehnt.
Was Taut statt dessen propagiert, ist eine unentwegte Produktivität, ein ewiges Neuschaffen,
das die Natur nicht untätig anstaunt, sondern schöpferisch in sie eingreift. [...]
Nicht minder hoffnungsfroh klingen die Proklamationen des frühen Bauhauses, die meist im
Bild einer "Kathedrale des Sozialismus" kulminieren. Auch hier entwirft man im utopischen
Vorgriff auf sozialistische Verhältnisse ganze Siedlungen oder neue Städte, in denen sich alle
Künste wieder dem Primat der Architektur unterordnen, um damit jene liberalistische
Anarchie zu überwinden, wie sie im abschreckenden Aussehen der bürgerlich-
kapitalistischen Städte zum Ausdruck komme. Was dieser Gruppe als Leitbild vorschwebt,
ist nicht das geschmäcklerische Chaos, sondern die stilistische Einheitlichkeit, und zwar auf
der Grundlage des Sachgerechten oder Werkmäßigen, die sich von allen subjektiven
Extravaganzen freizuhalten versucht. Gropius nennt deshalb den Bau der Zukunft immer
wieder das 'kristallene Sinnbild eines neuen Glaubens', in dem sich die geistige Einheit aller
menschlichen Lebensäußerungen widerspiegeln müsse. Um dieses Ideal zu erreichen,
fordert er alle Künstler auf, wieder 'Werkleute' zu werden und sich in
verantwortungsbewußten Lebens- und Arbeitsgemeinschaften zusammenzuschließen, die
sich mit der Gesamtheit des Volkes verbunden fühlen. [...] Statt weiterhin in dunklen
Wohnhöhlen zu hausen und dort inmitten teurer Artefakte und sentimentaler Natursurrogate
ein frustriert-heimeliges Dasein zu fristen, sehnen sich auch die Bauhaus-Architekten nach
einem Leben in lichtvoller Klarheit und Öffentlichkeit, wo sich jeder wie auf den Entwürfen
El Lissitzkys als ein Repräsentant der Allgemeinheit fühlt und vor den Augen der anderen
ein befreites, produktives Leben führt. Die gleiche Idee liegt den Wohnblockentwürfen des
frühen Ludwig Mies van der Rohe zugrunde. Man denke an sein berühmtes
Glashausprojekt von 1921, das auf Anregungen von Bruno Taut zurückgeht und wie eine
Haut- und Knochenarchitektur lediglich aus einem Stahlgerüst mit Glaswänden bestehen
sollte. Auch hier gibt es keine 'Gemütlichkeit', keine schlummrigen 'stillen Winkel', in die
man sich als Einzelner zurückziehen könnte, sondern nur noch die aller Welt zugewandte
Öffentlichkeit, die für jedermann einsehbar ist.
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