Erich Mendelsohn aus: Das Problem einer neuen Baukunst* (1919) [...] Die Gleichzeitigkeit der revolutionären politischen Entcheidungen und der grundsätzlichen Veränderung der menschlichen Beziehungen in Wirtschaft und Wissenschaft, Religion und Kunst gibt von vornherein dem Glauben an die neue Form -- Recht und Kontrolle, bezeugt die Gesetzlichkeit neuer Geburt in der Not weltgeschichtlicher Katastrophen. Wenn Formen zerbrechen, so sind sie nur ausgehoben von neuen, die längst da sind, nur jetzt erst ans Licht kommen. Für die besonderen Bedingungen der Architektur bedeutet die zeitgeistige Umschichtung: neue Aufgaben durch die veränderten Bauzwecke des Verkehrs, der Wirtschaft und des Kultes, neue Konstruktionsmöglichkeiten in den neuen Baustoffen: Glas -- Eisen -- Beton. Wir dürfen uns bei zunächst noch unbekannten Möglichkeiten nicht durch die Abgestumpftheit der zu nahen Distanz beirren lassen. Was heute scheinbar nur zäh abfließt, wird einst als Geschichte Schlag auf Schlag und ungeheuer bewegt und erregend sein. Es handelt sich um eine Schöpfung! Wir stehen am frühen Beginn, aber doch schon unter den Möglichkeiten ihrer Entwicklung. Vor solcher Zukunft treten die großen Leistungen geschichtlicher Zeiten von selbst zurück; da verliert die Handgreiflichkeit der Gegenwart ihre wichtige Haltung. Was geschehen wird, hat nur Wert, wenn es im Rausch der Vision entsteht. Kritik trägt nur Frucht, wenn sie das ganze Problem umfassen kann. Bevormundung versagt, weil die Zukunft für sich selbst spricht. Will man solchen Glauben vermitteln, seine greifbaren Folgerungen einem weiteren Kreis als Selbstverständlichkeiten übergeben, so muß notwendigerweise aufgezeigt werden, daß die jungen Kräfte ihre architektonischen Erlebnisse weder aus der Historie noch vom Himmel herholen, sondern einzig aus der Fruchtbarkeit ihrer eigenen Raumgesichte. Hierbei sind bis heute drei Wege erkennbar, die grundverschieden, aber mit gleichem Ziel die parallelen Bahnen ihres Willens doch einmal kreuzen werden. [...] Es kann kein Zufall sein, daß die drei erkennbaren Wege der neuen Baukunst übereinstimmen mit der gleichen Zahl und Artung der neuen Wege in Malerei und Bildhauerei. Diese Übereinstimmung ihres Willens wird auch im endgültigen Werk alle Künste zu einer Einheit wieder zusammenführen. Diese Werkeinheit wird die große Leistung -- das Heiligtum der neuen Welt -- ebenso umfassen wie den geringsten Gegenstand unseres täglichen Hauses. Was heute Problem ist -- wird einst Aufgabe sein, was heute Gesicht und Glauben einzelner, wird einst Gesetz für alle werden. Deshalb erscheinen ihr das Ziel, also für die Lösung des Problems einer neuen Baukunst alle Regungen notwendig: Der Apostel gläserner Welten, die Analytiker der Raumelemente, die Formsucher aus Material und Konstruktion. Freilich: Gesellschaftsklassen im Banne der Tradition werden diese Zeit nicht heraufführen. Nur ein neuer Wille hat die Zukunft für sich in der Unbewußtheit seines chaotischen Auftriebs, in der Ursprünglichkeit seiner universalen Umfassung. Denn wie jede für die Entwicklung der Menschheitsgeschichte entscheidende Epoche unter ihrem geistigen Willen den ganzen bekannten Erdkreis einte, so wird auch, was wir ersehnen, über das eigene Land, über Europa hinaus alle Völker beglücken müssen. Dabei rede ich durchaus nicht dem Internationalismus das Wort. Denn Internationalismus bedeutet das volklose Ästhetentum einer zerfallenden Welt. Überstaatlichkeit aber umfaßt nationale Abgrenzung als Voraussetzung, ist freies Menschentum, das allein eine umfassende Kultur wieder aufrichten kann. Solch großer Wille eint alle, die am Werk sind. Es resultiert erst, findet adäquaten Gottesglauben erst aus der Verschmelzung der letzten Leistung aller Völker. Da können wir nichts mehr tun, als das bescheidene Maß unserer Arbeit beitragen, gläubig und in freiwilliger Dienstbarkeit. * aus -- Ulrich Conrads. Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden, 1981, S. 51f..
aus: Das Problem einer neuen Baukunst* (1919) [...] Die Gleichzeitigkeit der revolutionären politischen Entcheidungen und der grundsätzlichen Veränderung der menschlichen Beziehungen in Wirtschaft und Wissenschaft, Religion und Kunst gibt von vornherein dem Glauben an die neue Form -- Recht und Kontrolle, bezeugt die Gesetzlichkeit neuer Geburt in der Not weltgeschichtlicher Katastrophen. Wenn Formen zerbrechen, so sind sie nur ausgehoben von neuen, die längst da sind, nur jetzt erst ans Licht kommen. Für die besonderen Bedingungen der Architektur bedeutet die zeitgeistige Umschichtung: neue Aufgaben durch die veränderten Bauzwecke des Verkehrs, der Wirtschaft und des Kultes, neue Konstruktionsmöglichkeiten in den neuen Baustoffen: Glas -- Eisen -- Beton. Wir dürfen uns bei zunächst noch unbekannten Möglichkeiten nicht durch die Abgestumpftheit der zu nahen Distanz beirren lassen. Was heute scheinbar nur zäh abfließt, wird einst als Geschichte Schlag auf Schlag und ungeheuer bewegt und erregend sein. Es handelt sich um eine Schöpfung! Wir stehen am frühen Beginn, aber doch schon unter den Möglichkeiten ihrer Entwicklung. Vor solcher Zukunft treten die großen Leistungen geschichtlicher Zeiten von selbst zurück; da verliert die Handgreiflichkeit der Gegenwart ihre wichtige Haltung. Was geschehen wird, hat nur Wert, wenn es im Rausch der Vision entsteht. Kritik trägt nur Frucht, wenn sie das ganze Problem umfassen kann. Bevormundung versagt, weil die Zukunft für sich selbst spricht. Will man solchen Glauben vermitteln, seine greifbaren Folgerungen einem weiteren Kreis als Selbstverständlichkeiten übergeben, so muß notwendigerweise aufgezeigt werden, daß die jungen Kräfte ihre architektonischen Erlebnisse weder aus der Historie noch vom Himmel herholen, sondern einzig aus der Fruchtbarkeit ihrer eigenen Raumgesichte. Hierbei sind bis heute drei Wege erkennbar, die grundverschieden, aber mit gleichem Ziel die parallelen Bahnen ihres Willens doch einmal kreuzen werden. [...] Es kann kein Zufall sein, daß die drei erkennbaren Wege der neuen Baukunst übereinstimmen mit der gleichen Zahl und Artung der neuen Wege in Malerei und Bildhauerei. Diese Übereinstimmung ihres Willens wird auch im endgültigen Werk alle Künste zu einer Einheit wieder zusammenführen. Diese Werkeinheit wird die große Leistung -- das Heiligtum der neuen Welt -- ebenso umfassen wie den geringsten Gegenstand unseres täglichen Hauses. Was heute Problem ist -- wird einst Aufgabe sein, was heute Gesicht und Glauben einzelner, wird einst Gesetz für alle werden. Deshalb erscheinen ihr das Ziel, also für die Lösung des Problems einer neuen Baukunst alle Regungen notwendig: Der Apostel gläserner Welten, die Analytiker der Raumelemente, die Formsucher aus Material und Konstruktion. Freilich: Gesellschaftsklassen im Banne der Tradition werden diese Zeit nicht heraufführen. Nur ein neuer Wille hat die Zukunft für sich in der Unbewußtheit seines chaotischen Auftriebs, in der Ursprünglichkeit seiner universalen Umfassung. Denn wie jede für die Entwicklung der Menschheitsgeschichte entscheidende Epoche unter ihrem geistigen Willen den ganzen bekannten Erdkreis einte, so wird auch, was wir ersehnen, über das eigene Land, über Europa hinaus alle Völker beglücken müssen. Dabei rede ich durchaus nicht dem Internationalismus das Wort. Denn Internationalismus bedeutet das volklose Ästhetentum einer zerfallenden Welt. Überstaatlichkeit aber umfaßt nationale Abgrenzung als Voraussetzung, ist freies Menschentum, das allein eine umfassende Kultur wieder aufrichten kann. Solch großer Wille eint alle, die am Werk sind. Es resultiert erst, findet adäquaten Gottesglauben erst aus der Verschmelzung der letzten Leistung aller Völker. Da können wir nichts mehr tun, als das bescheidene Maß unserer Arbeit beitragen, gläubig und in freiwilliger Dienstbarkeit. * aus -- Ulrich Conrads. Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden, 1981, S. 51f..
[...] Die Gleichzeitigkeit der revolutionären politischen Entcheidungen und der grundsätzlichen Veränderung der menschlichen Beziehungen in Wirtschaft und Wissenschaft, Religion und Kunst gibt von vornherein dem Glauben an die neue Form -- Recht und Kontrolle, bezeugt die Gesetzlichkeit neuer Geburt in der Not weltgeschichtlicher Katastrophen. Wenn Formen zerbrechen, so sind sie nur ausgehoben von neuen, die längst da sind, nur jetzt erst ans Licht kommen. Für die besonderen Bedingungen der Architektur bedeutet die zeitgeistige Umschichtung: neue Aufgaben durch die veränderten Bauzwecke des Verkehrs, der Wirtschaft und des Kultes, neue Konstruktionsmöglichkeiten in den neuen Baustoffen: Glas -- Eisen -- Beton. Wir dürfen uns bei zunächst noch unbekannten Möglichkeiten nicht durch die Abgestumpftheit der zu nahen Distanz beirren lassen. Was heute scheinbar nur zäh abfließt, wird einst als Geschichte Schlag auf Schlag und ungeheuer bewegt und erregend sein. Es handelt sich um eine Schöpfung! Wir stehen am frühen Beginn, aber doch schon unter den Möglichkeiten ihrer Entwicklung. Vor solcher Zukunft treten die großen Leistungen geschichtlicher Zeiten von selbst zurück; da verliert die Handgreiflichkeit der Gegenwart ihre wichtige Haltung. Was geschehen wird, hat nur Wert, wenn es im Rausch der Vision entsteht. Kritik trägt nur Frucht, wenn sie das ganze Problem umfassen kann. Bevormundung versagt, weil die Zukunft für sich selbst spricht. Will man solchen Glauben vermitteln, seine greifbaren Folgerungen einem weiteren Kreis als Selbstverständlichkeiten übergeben, so muß notwendigerweise aufgezeigt werden, daß die jungen Kräfte ihre architektonischen Erlebnisse weder aus der Historie noch vom Himmel herholen, sondern einzig aus der Fruchtbarkeit ihrer eigenen Raumgesichte. Hierbei sind bis heute drei Wege erkennbar, die grundverschieden, aber mit gleichem Ziel die parallelen Bahnen ihres Willens doch einmal kreuzen werden.
[...] Es kann kein Zufall sein, daß die drei erkennbaren Wege der neuen Baukunst übereinstimmen mit der gleichen Zahl und Artung der neuen Wege in Malerei und Bildhauerei. Diese Übereinstimmung ihres Willens wird auch im endgültigen Werk alle Künste zu einer Einheit wieder zusammenführen. Diese Werkeinheit wird die große Leistung -- das Heiligtum der neuen Welt -- ebenso umfassen wie den geringsten Gegenstand unseres täglichen Hauses. Was heute Problem ist -- wird einst Aufgabe sein, was heute Gesicht und Glauben einzelner, wird einst Gesetz für alle werden. Deshalb erscheinen ihr das Ziel, also für die Lösung des Problems einer neuen Baukunst alle Regungen notwendig: Der Apostel gläserner Welten, die Analytiker der Raumelemente, die Formsucher aus Material und Konstruktion. Freilich: Gesellschaftsklassen im Banne der Tradition werden diese Zeit nicht heraufführen. Nur ein neuer Wille hat die Zukunft für sich in der Unbewußtheit seines chaotischen Auftriebs, in der Ursprünglichkeit seiner universalen Umfassung. Denn wie jede für die Entwicklung der Menschheitsgeschichte entscheidende Epoche unter ihrem geistigen Willen den ganzen bekannten Erdkreis einte, so wird auch, was wir ersehnen, über das eigene Land, über Europa hinaus alle Völker beglücken müssen. Dabei rede ich durchaus nicht dem Internationalismus das Wort. Denn Internationalismus bedeutet das volklose Ästhetentum einer zerfallenden Welt. Überstaatlichkeit aber umfaßt nationale Abgrenzung als Voraussetzung, ist freies Menschentum, das allein eine umfassende Kultur wieder aufrichten kann. Solch großer Wille eint alle, die am Werk sind. Es resultiert erst, findet adäquaten Gottesglauben erst aus der Verschmelzung der letzten Leistung aller Völker. Da können wir nichts mehr tun, als das bescheidene Maß unserer Arbeit beitragen, gläubig und in freiwilliger Dienstbarkeit.
* aus -- Ulrich Conrads. Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden, 1981, S. 51f..