DOKUMENTE

Erich Mendelsohn

aus: Dynamik und Funktion*
(1923)

Seit der Erkenntnis, daß die von der Wissenschaft bisher getrennten Begriffe: Materie und Energie, nur verschiedene Zustände desselben Urstoffs sind, daß in der Ordnung der Welt nichts ohne Relativität zum Kosmos, ohne Beziehung zum Ganzen vor sich geht, verläßt der Ingenieur die mechanische Theorie der toten Materie und begibt sich wieder in den Pflichtdienst der Natur. Aus Urzuständen findet er gesetzmäßige Zusammenhänge. Seine bisherige Anmaßung weicht dem beglückenden Gefühl des Schaffenden. -- Aus dem intellektuell einseitigen Erfinder wird der intuitiv allseitige Erzeuger. -- Die Machine, bisher der gefügige Handlanger der toten Ausbeutung, wird zum konstruktiven Element eines neuen lebendigen Organismus. Ihre Existenz verdanken wir ebensowenig der Geberlaune eines Unbekannten wie der Erfinderlust irgendeines Konstruktionsgenies, sondern sie entsteht als notwendige Beigabe der Entwicklung in demselben Augenblick, als das Bedürfnis sie fordert. Ihre reale Aufgabe besteht darin, den vielfachen Wechselbeziehungen zwischen Menschenzahl und Produktionssteigerung, zwischen Industrialisierung und gesteigertem Menschenverbrauch zu genügen, Ordnung in sie zu bringen und ihre Auswirkungen zu meistern.
So wird sie in gleicher Weise Sinnbild des übersteigerten Verfalls wie Element eines sich neu ordnenden Lebens.
Seit der Entdeckung ihrer Kräfte bezwingen wir scheinbar die Natur. -- In Wahrheit dienen wir ihr nur mit neuen Mitteln.
Wir entlasten uns scheinbar vom Schwergesetz.
In Wahrheit begreifen wir seine Logik nur mit neuen Sinnen. Uns treibt die Präzision ihrer Touren, der harte Klang ihres Ganges zu neuer Klarheit, der metallene Glanz ihres Materials in ein neues Licht. --
Ein neuer Rhythmus erfaßt die Welt, eine neue Bewegung.
-- Der mittelalterliche Mensch, aus der horizontalen Ruhe seines beschaulichen Werktags, brauchte die Domvertikale, um seinen Gott hoch oben zu finden. Der Mensch unserer Zeit, aus der Aufgeregtheit seines schnellen Lebens, kann nur in der spannungslosen Horizontalen einen Ausgleich finden. Nur durch den Willen zur Wirklichkeit wird er Herr über seine Unruhe, nur durch die vollendetste Schnelligkeit überwindet er seine Hast. Denn die rotierende Erde steht still! -- Undenkbar, daß die Beherrschung der Luft, daß die Herrschaft über die Naturelemente aufgegeben werden kann.

Die Aufgabe ist, aus ihr Schulweisheiten zu machen. Das Kind lernt telefonieren, die Zahl hat ihre Größenordnung verloren, Entfernungen reduzieren sich zu Spaziergängen. Technik ist Handwerk. -- Laboratorium ist Werkstatt. -- Der Erfinder ist Meister.
[...]
Selten, scheint mir, hat sich die Ordnung der Welt so eindeutig offenbart, selten nur der Logos des Seins weiter geöffnet als in dieser Zeit des vermeintlichen Chaos. -- Denn wir alle sind aufgerüttelt von elementaren Ereignissen, wir hatten Zeit, Vorurteile und satte Genügsamkeit von uns abzutun. -- Wir wissen als Schaffende selbst, wie sehr verschieden die Bewegungskräfte, die Spannungspiele im einzelnen sich auswirken. -- Um so mehr ist es unsere Aufgabe, der Aufgeregtheit die Besinnung entgegenzusetzen, der Übertreibung die Einfachheit, der Unsicherheit -- das klare Gesetz; -- aus der Energiezertrümmerung die Energieelemente wiederzufinden, aus den Elementen ein neues Ganzes zu formen. -- Faßt zu, konstruiert, umrechnet die Erde! -- Aber formt die Welt, die auf euch wartet. -- Formt mit der Dynamik eures Blutes die Funktionen ihrer Wirklichkeit, erhebt ihre Funktionen zu dynamischer Übersinnlichkeit. -- Einfach und sicher wie die Maschine, klar und kühn wie die Konstruktion. -- Formt aus den realen Voraussetzungen die Kunst, aus Masse und Licht den unfaßbaren Raum. -- Aber vergeßt nicht, daß das einzelne Schaffen nur aus der Gesamtheit der Zeiterscheinungen zu begreifen ist. Es ist an der Relativität ihrer Tatsachen ebenso gebunden wie Gegenwart und Zukunft an die Relativität der Geschichte.


* aus -- Ulrich Conrads. Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden, 1981, S. 68f..