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DOKUMENTE
Bruno Taut
Ein Architektur-Programm*
(1918)
DIE KUNST! - das ist e i n e Sache!, wenn sie da ist. Heute gibt es diese Kunst nicht.
Die zerrissenen Richtungen können sich nur zur Einheit zusammenfinden unter den
Flügeln einer neuen Baukunst, so, daß jede einzelne Disziplin Mitbauen wird. Darum
gibt es keine Grenze zwischen Kunstgewerbe und Plastik oder Malerei, alles ist eins:
Bauen. Unmittelbarer Träger der geistigen Kräfte, Gestalter der Empfindungen der
Gesamtheit, die heute schlummern und morgen erwachen, ist der Bau. Erst die
vollständige Revolution im Geistigen wird diesen Bau schaffen. Aber nicht von selbst
kommt diese Revolution, nicht dieser Bau. Beide müssen gewollt werden -- die
heutigen Architekten müssen den Bau vorbereiten. Ihre Arbeit an der Zukunft muß
öffentlich ermöglicht und unterstützt werden.
Deshalb:
I. Stützung und Sammlung der ideellen Kräfte unter den Architekten
- Unterstützung baulicher Ideen, welche über das Formale hinweg die Sammlung aller
Volkskräfte im Sinnbild des Bauwerks einer besseren Zukunft anstreben und den
kosmischen Charakter der Architektur, ihre religiöse Grundlage aufzeigen, sogenannte
Utopien. Hergabe öffentlicher Mittel in Form von Stipendien an radikal gerichtete
Architekten für solche Arbeiten. Mittel zur verlegerischen Verbreitung, zur Anfertigung von
Modellen und
- für ein gutgelegenes Experimentiergelände (z.B. in Berlin: Tempelhofer Feld), auf
welchem die Architekten große Modelle ihrer Ideen errichten können. Hier sollen auch in
naturgroßen vorübergehenden Bauten oder Einzelteilen neue bauliche Wirkungen, z.B. des
Glases als Baustoff, erprobt, vervollkommnet und der großen Masse gezeigt werden. Der
Laie, die Frau und das Kind führen den Architekten weiter als der beklemmte Fachmann.
Kostenausgleich durch das Material eingeschmolzener Denkmäler, abgebrochener
Siegesalleen usw. sowie durch die Beteiligung der mit den Versuchsbauten
zusammenhängenden Industrien. Werkstätten mit Handwerker- und Künstlerkolonien auf
dem Experimentiergelände.
- Entscheidung über die Verteilung der Mittel durch einen kleinen, zur Hälfte aus
schöpferischen Architekten, zur Hälfte aus radikal gesinnten Laien bestehenden Rat. Wird
keine Einigung erzielt, so entscheidet ein aus ihm gewählter Laie.
II. Volkshäuser
- Beginn großer Volkshausbauten, nicht innerhalb der Städte, sondern auf freiem Land
im Anschluß an Siedlungen, Gruppen von Bauten für Theater, Musik mit
Unterkunftshäusern und dergleichen, gipfelnd im Kultusbau. Vorsehen einer langen
Bauzeit, deshalb Anfang nach großartigem Plan mit geringen Mitteln.
- Auswahl der Architekten nicht durch Wettbewerb, sondern nach I c.
- Stockt der Bau, dann in den Pausen neue Anregungen durch Ausbauentwürfe, neue
Ideen nach I a-c.
Diese Bauten sollen der erste Versuch der Einigung zwischen den Volkskräften und
den Künstlern, der Anbahnung einer Kultur sein. Sie können nicht in der Großstadt stehen,
weil diese, in sich morsch, ebenso verschwinden wird wie die alte Macht. Die Zukunft liegt
auf dem neu erschlossenen Lande, das sich selbst ernähren wird (nicht "auf dem Wasser").
III. Siedlungen
- Einheitliche Leitung in der Weise, daß ein Architekt weitspannende Leitsätze
aufstellt und danach die sämtlichen Projekte und Bauten prüft, ohne damit im einzelnen die
persönliche Freiheit zu behindern. Vetorecht dieses Architekten.
- -- wie II b.
- Zurücktreten des Formalen grundsätzlich hinter das Landwirtschaftliche und
Praktische, keine Scheu vor dem Allereinfachsten, aber auch nicht vor der -- Farbe.
IV. Sonstige Bauten
- Für Straßenzüge und, je nach Umständen, Stadtteile gilt dasselbe wie für III a und b.
- Kein Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Bauten. Solange es freie
Architekten gibt, gibt es n u r freie Architekten. Bevor es keine Regierungstöpfermeister
gibt, braucht es keine Regierungsbaumeister zu geben. Öffentliche wie Privatbauten kann
jeder bauen; Aufträge im Sinne von I c oder durch Wettbewerbe, die nicht anonym sind,
deren Bewerber durch einen Rat nach I c eingeladen und preisgekrönt werden; keine
unbezahlten Entwürfe. Unbekannte Architekten wenden sich zur Einladung an den Rat. Die
Anonymität ist durch die erkennbare künstlerische Handschrift der erfolgreichen Architekten
wertlos. Im Preisgericht keine Majoritätsbeschlüsse; bei Nichteinigung ist jeder Preisrichter
für seine Stimme einzeln verantwortlich. Am besten ein Preisrichter. Letzte Auswahl unter
Umständen durch Plebizit.
- Baubeamte, wie Stadtbauräte u. dgl., nur zur örtlichen Bauleitung, Bauabnahme und
Rechnungskontrolle, mit nur technischen Funktionen. In den Zwischengebieten, z.B. des
Städtebaus, Architekten- und Gärtnerbeirat.
- Keine Titel und Würden für Architekten (Doktor, Professor, Baurat, Geheimer,
Wirklicher, Exzellenz usw.)
- In allem Bevorzugung des Schöpferischen, keine Bevormundung, wenn einmal ein
Architekt beauftragt ist.
- Bei öffentlichem Widerspruch Entscheidung durch einen Rat nach I c, welcher durch
eine Architektenkorporation gebildet werden kann.
- Nur solchen Architektenkorporationen haben dafür und sonst Geltung und werden
staatlich anerkannt, innerhalb deren das Prinzip der gegenseitigen Hilfe restlos durchgeführt
ist. Von ihnen auch Beeinflussung der Baupolizei. Nur die gegenseitige Hilfe macht eine
Gemeinschaft fruchtbar und tätig. Sie ist wichtiger als die Stimmenzahl, die nichts bedeutet
ohne den sozialen Zusammenhalt. Sie scheidet den unkünstlerischen und damit unlauteren
Wettbewerb aus.
V. Architektenerziehung
- Korporationen nach IV g haben die Entscheidung über Errichtung, Verfassung und
Aufsicht von technischen Schulen; Wahl der Lehrer zusammen mit den Schülern. Praktische
Arbeit auf dem Bau und in der Werkstatt als Lehrling in einem Handwerk.
- In den Fachschulen kein künstlerischer, sondern nur technischer Unterricht.
Technische Einheitsschulen.
- Die künstlerische Erziehung in den Büros der bauenden Architekten, je nach Wahl
der jungen Leute und der auch diese auswählenden Architekten.
- Allgemeine Bildung je nach Neigung und Vorkenntnissen in Volkshochschulen und
Universitäten.
VI. Architektur und die anderen Künste
- Ausgestaltung der Ausstellungen durch Architekten in vergnügten Formen; leichte
Bauten auf öffentlichen Plätzen und Anlagen an verkehrreichen Stellen, volkstümlich und
quasi jahrmarktartig.
- Ausgiebige Hinzuziehung von Malern und Bildhauern zu allen Bauten, um sie von
der Salonkunst abzubringen, gegenseitige Interesseweckung zwischen Architekt und
"Künstler".
- Demnach auch Einführung der Architekturklernenden in die schöpferische "neue
Kunst". Nur der Architekt hat Bedeutung, der das Gesamtgebiet der Kunst übersieht und die
radikalen Bestrebungen der Malerei und Plastik versteht. Nur er wird die Einheit des
Ganzen herbeiführen helfen.
Die stärkere Geltung des Architekten im öffentlichen Leben bei Besetzung wichtiger Ämter
u. dgl. wird sich von selbst aus der Durchführung dieses Programms ergeben.
* aus -- Ulrich Conrads. Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts.
Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden, 1981, S. 38ff.
Conrads kommentiert zu diesem Text (S. 38):
"Bruno Tauts 'Architektur-Programm' wird Weihnachten 1918 mit Zustimmung des
'Arbeitsrats für Kunst' als Flugblatt gedruckt. Dieser 'Arbeitsrat' mit Sitz in Berlin wird
gleichzeitig und in enger Verbindung mit der 'November-Gruppe' gegründet, in der sich nach
dem Krieg die revolutionären Künstler aus ganz Deutschland sammeln. Im Unterschied zur
'November-Gruppe' aber liegt die Initiative des 'Arbeitsrats' bei einem Kreis junger
Architekten, die zusammen mit Bruno Taut (*1880 in Königsberg, ü 1938 in Ankara) das
Bauen als eine Menschheitsaufgabe proklamieren, als eine Aufgabe, die Taut mit der
Forderung umschreibt: 'Die Erde eine gute Wohnung!'"
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