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DOKUMENTE
Bruno Taut
Nieder der Seriosismus!*
(1920)
Hopp! Hopp! Hopp! mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! wo willst Du hin?
über jene hohe Mauer?
Ei, was kommt Dir in den Sinn?
Hopp! Hopp! Hopp! mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! wo - willst - Du hin?
(Scheerbart, Katerpoesie)
Weg mit den Sauertöpfen, den Tran- und Trauerklößen, den Stirnrunzelnden, den ewig
Ernsten, den Säuerlichsüßen, den immer Wichtigen!
"Wichtig! Wichtig!" Verfluchte Wichtigtuerei! Grabstein- und Friedhofsfassaden vor
vierstöckigen Trödel- und Schacherbuden! Zerschmeißt die Muschelkalksteinsäulen in
Dorisch, Jonisch und Korinthisch, zertümmert die Puppenwitze! Runter mit der
"Vornehmheit" der Sandsteine und Spiegelscheiben, in Scherben der Marmor- und
Edelholzkram, auf den Müllhaufen mit dem Plunder!
"Oh! unsere Begriffe: Raum, Heimat, Stil - !" Pfui Deuwel, wie stinken die Begriffe!
Zersetzt sie, löst sie auf! Nichts soll übrigbleiben! Jagt ihre Schulen auseinander, die
Professorenperücken sollen fliegen, wir wollen mit ihnen Fangball spielen. Blast, blast! Die
verstaubte, verfilzte, verkleisterte Welt der Begriffe, der Ideologien, der Systeme soll unsern
kalten Nordwind spüren! Tod den Begriffsläusen! Tod allem Muffigen! Tod allem, was
Titel, Würde, Autorität heißt! Nieder mit allem Seriösen!
Nieder mit allen Kamelen, die nicht durch ein Nadelöhr gehen, mit allen Mammon- und
Molochanbetern! "Die Anbeter der Gewalt müssen vor der Gewalt zu Kreuze kriechen!"
Uns ist übel von ihrem Blutsaufen -- Katzenjammer im Frühlicht.
In der Ferne glänzt unser Morgen. Hoch, dreimal hoch unser Reich der Gewaltlosigkeit!
Hoch das Durchsichtige, Klare! Hoch die Reinheit! Hoch der Kristall! und hoch und
immer höher das Fließende, Grazile, Kantige, Funkelnde, Blitzende, Leichte - hoch das
ewige Bauen!
* aus -- Ulrich Conrads. Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts.
Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden, 1981, S. 54.
Conrads kommentiert zu diesem Text (S. 54):
"Der Berliner 'Arbeitsrat für Kunst' geht im November 1919 in der 'November-Gruppe'
auf. Taut und [Adolf] Behne aber halten die Architekten-Freunde zusammen. Auf Tauts
Anregung hin kommt es zu einem Wechsel von Rundbriefen, Skizzen und bekenntnisartigen
Aufsätzen, genannt "Die Gläserne Kette". Von Januar 1920 an hat Taut ein neues
Sprachrohr: in jeder Ausgabe der Zeitschrift "Stadtbaukunst alter und neuer Zeit" stehen
ihm vier bis sechs Seiten zu freier Verfügung. Taut nennt diesen Anhang "Frühlicht". Der
[oben] wiedergegebene Text füllt die einleitende Seite dieser Folge..."
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