Henry van de Velde Programm* (1903) Den Sinn, die Form, den Zweck aller Dinge der materiellen modernen Welt mit derselben Wahrhheit erkennen, mit der die Griechen, unter vielen andern, Sinn, Form und Zweck der Säule erkannt haben. Es ist nicht leicht, den exakten Sinn und die exakte Form für die einfachsten Dinge heute zu finden. Wir werden noch lange brauchen, um die exakte Form eines Tisches, eines Stuhles, eines Hauses zu erkennen. Religiöse, willkürliche, sentimentale Phantasiegebilde sind Schmarotzerpflanzen. Sobald die Arbeit der Reinigung und Auskehr beendet ist, sobald die wahre Form der Dinge wieder ans Tageslicht kommt, dann mit eben der Geduld, mit eben dem Geist und mit der Logik der Griechen nach der Vollkommenheit dieser Form streben. In gleichem Maß wie bei den Griechen scheint mir die künstlerische Sensibilität bei uns ausgebildet zu sein; weniger ausgebildet aber, schwächer entwickelt, ist bei uns der Sinn für Vollkommenheit. Unter welchem sozialen Regime aber werden wir die heiter verklärte Ruhe genießen, die wir zur Arbeit und zum ernsten Streben brauchen? Antwort: Sollen wir von einem sozialen Programm erwarten, was doch nur unserem eigensten Innern entstammen kann? Vernünftig denken, die künstlerische Sensibilität kultivieren! Jeder von uns vermag das heute für sich selbst; es handelt sich nur darum, daß es deren viele werden, auf daß eine neue soziale Atmosphäre entstehe. * aus -- Ulrich Conrads. Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden, 1981, S. 9. Conrads kommentiert zu diesem Text (S. 9): Henry van de Velde (* 1863 in Antwerpen, ges. 1957 in Zürich) - "Seine ersten richtungsweisenden Publikationen erschienen Mitte der neunziger Jahre in Brüssel; von 1896 an ist sein Name unlösbar mit dem Begriff "L'Art Nouveau" (gleichnamige Ausstellung bei S. Bing in Paris) verknüpft. Auf einer Deutschlandreise im Winter 1900/01 verkündet er in 'Kunstgewerblichen Laienpredigten' seine funktionelle Ästhetik, die Ästhetik der 'reinen Form.' Die Veröffentlichung dieser Vorträge (Leipzig 1902) geht dem "Programm" voraus."
Programm* (1903) Den Sinn, die Form, den Zweck aller Dinge der materiellen modernen Welt mit derselben Wahrhheit erkennen, mit der die Griechen, unter vielen andern, Sinn, Form und Zweck der Säule erkannt haben. Es ist nicht leicht, den exakten Sinn und die exakte Form für die einfachsten Dinge heute zu finden. Wir werden noch lange brauchen, um die exakte Form eines Tisches, eines Stuhles, eines Hauses zu erkennen. Religiöse, willkürliche, sentimentale Phantasiegebilde sind Schmarotzerpflanzen. Sobald die Arbeit der Reinigung und Auskehr beendet ist, sobald die wahre Form der Dinge wieder ans Tageslicht kommt, dann mit eben der Geduld, mit eben dem Geist und mit der Logik der Griechen nach der Vollkommenheit dieser Form streben. In gleichem Maß wie bei den Griechen scheint mir die künstlerische Sensibilität bei uns ausgebildet zu sein; weniger ausgebildet aber, schwächer entwickelt, ist bei uns der Sinn für Vollkommenheit. Unter welchem sozialen Regime aber werden wir die heiter verklärte Ruhe genießen, die wir zur Arbeit und zum ernsten Streben brauchen? Antwort: Sollen wir von einem sozialen Programm erwarten, was doch nur unserem eigensten Innern entstammen kann? Vernünftig denken, die künstlerische Sensibilität kultivieren! Jeder von uns vermag das heute für sich selbst; es handelt sich nur darum, daß es deren viele werden, auf daß eine neue soziale Atmosphäre entstehe. * aus -- Ulrich Conrads. Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden, 1981, S. 9. Conrads kommentiert zu diesem Text (S. 9): Henry van de Velde (* 1863 in Antwerpen, ges. 1957 in Zürich) - "Seine ersten richtungsweisenden Publikationen erschienen Mitte der neunziger Jahre in Brüssel; von 1896 an ist sein Name unlösbar mit dem Begriff "L'Art Nouveau" (gleichnamige Ausstellung bei S. Bing in Paris) verknüpft. Auf einer Deutschlandreise im Winter 1900/01 verkündet er in 'Kunstgewerblichen Laienpredigten' seine funktionelle Ästhetik, die Ästhetik der 'reinen Form.' Die Veröffentlichung dieser Vorträge (Leipzig 1902) geht dem "Programm" voraus."
Den Sinn, die Form, den Zweck aller Dinge der materiellen modernen Welt mit derselben Wahrhheit erkennen, mit der die Griechen, unter vielen andern, Sinn, Form und Zweck der Säule erkannt haben. Es ist nicht leicht, den exakten Sinn und die exakte Form für die einfachsten Dinge heute zu finden.
Wir werden noch lange brauchen, um die exakte Form eines Tisches, eines Stuhles, eines Hauses zu erkennen.
Religiöse, willkürliche, sentimentale Phantasiegebilde sind Schmarotzerpflanzen.
Sobald die Arbeit der Reinigung und Auskehr beendet ist, sobald die wahre Form der Dinge wieder ans Tageslicht kommt, dann mit eben der Geduld, mit eben dem Geist und mit der Logik der Griechen nach der Vollkommenheit dieser Form streben.
In gleichem Maß wie bei den Griechen scheint mir die künstlerische Sensibilität bei uns ausgebildet zu sein; weniger ausgebildet aber, schwächer entwickelt, ist bei uns der Sinn für Vollkommenheit.
Unter welchem sozialen Regime aber werden wir die heiter verklärte Ruhe genießen, die wir zur Arbeit und zum ernsten Streben brauchen?
Antwort: Sollen wir von einem sozialen Programm erwarten, was doch nur unserem eigensten Innern entstammen kann?
Vernünftig denken, die künstlerische Sensibilität kultivieren! Jeder von uns vermag das heute für sich selbst; es handelt sich nur darum, daß es deren viele werden, auf daß eine neue soziale Atmosphäre entstehe.
* aus -- Ulrich Conrads. Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden, 1981, S. 9.
Conrads kommentiert zu diesem Text (S. 9):
Henry van de Velde (* 1863 in Antwerpen, ges. 1957 in Zürich) - "Seine ersten richtungsweisenden Publikationen erschienen Mitte der neunziger Jahre in Brüssel; von 1896 an ist sein Name unlösbar mit dem Begriff "L'Art Nouveau" (gleichnamige Ausstellung bei S. Bing in Paris) verknüpft. Auf einer Deutschlandreise im Winter 1900/01 verkündet er in 'Kunstgewerblichen Laienpredigten' seine funktionelle Ästhetik, die Ästhetik der 'reinen Form.' Die Veröffentlichung dieser Vorträge (Leipzig 1902) geht dem "Programm" voraus."