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,,Was hat man dir du armes Kind, getan''
Über Literatur aus dem Rechner*

von Peter Gendolla

Abstract

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Pfingstmontag 1994 - gerade noch rechtzeitig also zum Termin der Ausgießung des Heiligen Geistes - wurde zum Abschluß einer Kultursendung eines der dritten Fernsehprogramme eine sog. "Lyric machine" vorgestellt: aus insgesamt nur 14 Minuten Basismaterial - Textzeilen mit reimfähigen Endungen; Bildelemente, die zu bekannten Personen und Umgebungen zusammengesetzt werden können, Musik und Geräusche - generiert ein PC-Programm über eine Million Minuten TV-Programm. Als Beispiel sah und hörte man Norbert Blüm: "Liebe Leute, macht einmal heute nicht so fette Beute..." oder Helmut Kohl: "Also habt keine Sorgen, denn auch morgen werde ich wieder für Euch sorgen..." oder so ähnlich, die Qualität der Texte war tatsächlich auf diesem Niveau. Es handelte sich einfach um das ideale, weil flexible, immer neue, dennoch kostengünstige Programm, informativ, was die zentralen Gedanken unserer Politiker betrifft, dabei unterhaltend, bunt und laut...

Die folgenden Ausführungen werden sich leider nicht auf dieses Programm beziehen, es war kaum gesendet schon vorbei, ich habe es nicht aufzeichnen können. Im Gegenteil könnten sie sogar als eine einzige Widerlegung dieser zwei TV-Minuten aufgefaßt werden, d.h. der expliziten und impliziten Behauptung, diese Lyric machine sei die erste ihrer Art.

Das ist sie keineswegs: Bedenkt man ihr Prinzip - ein Zufallsgenerator im Programm kombiniert die Millionen Text-Bild-Ton-Elemente - so muß man nur Gustav Rene Hockes "Die Welt als Labyrinth"(1) beiziehen, um von der Kabbala über die ars combinatoria des Raimundus Lullus (13. Jahrhundert), die "Metaphernmaschine" von Atanasius Kircher (17. Jahrhundert) bis zu Raymond Queneaus "Cent mille milliards de poèmes" im 20. Jahrhundert eine Unmenge Beispiele vorgeführt zu bekommen, die immer eines machen: ein bestimmter Set an Elementen, das Lexikon oder die Datenbasis wird nach bestimmten Regeln, in die als zentrale Stelle oder notwendiger Spielraum der Zufall eingebaut ist, ein alleatorisches Verfahren, zusammengesetzt, variiert, rekombiniert, permutiert, transformiert...generiert. Das alles sind keine Schöpfungen aus dem Nichts, vielmehr Verfahren, die Poesie, d.h. die "Überraschung" (Schiller), die uns die Wahrnehmung der (naiven!) Kunst bereitet, oder die "lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen" (Goethe, Maximen und Reflexionen, Nr. 314), Kairos, hätte die antike Rhetorik gesagt, durch eine mechanische Vorrichtung herzustellen.

Dies alles kann hier natürlich nicht Revue passieren, es soll engeführt werden auf etwas, das man - vielleicht erscheint die Formulierung paradox - eine Veränderung in der "Semantik des Zufalls" nennen könnte, die durch seine Anwendung in diversen poetischen Verfahren stattgefunden hat. Der Zufall selbst ist ohne Semantik, hat per definitionem keinen Sinn, er ist das sinnlose Ereignis par excellence. Aber er beendet den Sinn, oder er treibt auf die Suche nach einem verborgenen Sinn, einer versteckten Kausalität, göttlichen Absicht... also er destruiert oder konstruiert notwendige Ordnungen und bildet insofern ein poetisches Prinzip. Dazu sagt Italo Calvino (der sich strikt an Allan Turing hält: "Nur eine Maschine kann den Wert eines Sonetts einschätzen, das eine andere Maschine geschrieben hat", von Queneau übrigens als Motto vor seine "Hunderttausendmilliarden Gedichte" gesetzt(2)), der in "Kybernetik und Gespenster" über einen "literarischen Roboter" spekuliert:

"Was für einen Stil hätte ein literarischer Roboter? Ich glaube, daß im Klassizismus seine wahre Berufung läge: der Prüfstein einer poetisch-elektronischen Maschine wird die Produktion traditioneller Werke sein, Gedichte mit geschlossenem Versmaß, Romane nach allen Regeln der Kunst. In dieser Hinsicht hat die literarische Avantgarde bis jetzt die elektronischen Geräte auf eine noch viel zu humane Weise benutzt. Vor allem in Italien ist die Maschine bei diesen Experimenten ein Instrument des Zufalls, der formalen Destruierung, des Protests gegen die gewohnten logischen Zusammenhänge: ich würde behaupten, daß sie immer noch ein ganz und gar lyrisches Instrument ist, das der Befriedigung eines zutiefst menschlichen Bedürfnisses dient: der Herstellung von Unordnung. Die wirkliche literarische Maschine wird selbst das Bedürfnis verspüren, Unordnung herzustellen, allerdings als Reaktion auf ihre vorherige Produktion von Ordnung; die Maschine wird Avantgarde herstellen, um ihre Schaltkreise freizupusten, die von einer zu lang anhaltenden Produktion von Klassizismus verstopft sind. Daß die Entwicklungen der Kybernetik sich nämlich um die Maschinen drehen, welche die Fähigkeit besitzen zu lernen, das eigene Programm zu ändern, die eigene Empfindsamkeit und die eigenen Bedürfnisse fortzuentwickeln, verbietet uns nicht, uns eine literarische Maschine vorzustellen, die an einem gewissen Punkt Unzufriedenheit über ihren eigenen Traditionalismus verspürt und anfängt, völlig neue Verständnisformen des Schreibens zu entwerfen und ihre Codes vollkommen über den Haufen wirft. Um die Kritiker zufriedenzustellen, die nach Entsprechungen zwischen literarischen und historischen, soziologischen, ökonomischen Tatsachen suchen, könnte die Maschine die eigenen stilistischen Entwicklungen den Änderungen bestimmter statistischer Indices der Produktion, des Einkommens, der Rüstungsausgaben, der Verteilung von Entscheidungskompetenzen angleichen. Das wird die Literatur sein, die vollkommen einer theoretischen Hypothese entspricht, d.h., endlich die Literatur."(3)

Über Versuche, endlich diese, die Literatur herzustellen, geht der folgende Bericht.

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(1) Hocke, Gustav René: Die Welt als Labyrinth. Manierismus in der europäischen Kunst und Literatur (1957, 1959). Reinbek 1987

(2) Queneau, Raymond: Cent mille milliards de poèmes (1961). Paris 1989

(3) Italo Calvino, Kybernetik und Gespenster, Überlegungen zu Literatur und Gesellschaft. Dt. v. Susanne Schoop. München/Wien 1984, S. 14f.

*Dies ist die gekürzte Fassung eines Vortrags an der FU Berlin, der in einem von H. A. Glaser im Lang-Verlag herausgegebenen Band dieses Jahr erscheinen wird. Zum Zitieren wird die gedruckte Fassung maßgeblich sein. Der Beitrag wurde zuerst online auf der Website von Prof. Dr. Gendolla publiziert.