Elektronische Literatur
nimmt seit einigen Jahren einen immer größeren
Raum in der literaturwissenschaftlichen Reflexion, vor allem
im angelsächsischen Raum, ein. Dabei herrscht -
unabhängig von theoretischen und ideologischen
Differenzen - seltene Einmütigkeit darüber,
daß der Computer für die Produktionsbedingungen
von Literatur eine ebenso große Zäsur bedeutet
wie einstmals der Buchdruck. Der Gutenberg-Galaxis scheint
die Turing-Galaxis zu folgen. Da die Verarbeitung und
Speicherung von Daten und - im Falle elektronischer
Literatur - deren Produktion und Präsentation allein
durch programmbasierte Steuerung elektronischer Impulse
erfolgt, werden Immaterialität und Prozeduralität
zu inhärenten Eigenschaften des Textes. Daraus folgt
eine grundlegende Veränderung im Umgang mit und in der
Wahrnehmung von Literatur und Schrift. Durch die Vernetzung
erhält der Computer mediale Qualitäten, die auf
einem polylateralen Austausch von Daten beruhen, der die
Grenzen zwischen Produzent und Rezipient durch unzensierte
Veröffentlichungsmöglichkeiten
verwischt.
Im Zentrum der Dissertation
steht dabei die Frage nach neuen ästhetischen
Kriterien, mit denen sich durch vernetzte Computernutzung
entstandene literarische Formen erfassen und beschreiben
lassen. Da Ästhetik sich immer im Spannungsfeld
theoretischer Konzepte und experimenteller Praxis befindet,
müssen beide Reflexionsformen hier einer Analyse
unterzogen werden. Verbunden werden sie durch die Frage,
inwiefern die Theorie die Praxis antizipiert bzw. ihr
gerecht wird. So gliedert sich das Dissertationsprojekt in
zwei große Teile: Der erste Abschnitt beleuchtet
aktuelle philosophische Medientheorien im Hinblick auf ihren
Begriff von medialer Ästhetik, der zweite befaßt
sich mit einer Untersuchung der Praxis internetbasierter
literarischer Projekte und ihrer Grundlagen.
Dabei kristallisiert sich in
bezug auf die Medientheorien ein deutlicher
Paradigmenwechsel von einer durch abgrenzende, statische
Kategorien gekennzeichneten "elitären" Ästhetik zu
einer prozeduralen, auf vernetzter Kommunikation beruhenden
kollektiven Kreativität heraus. Diese liegt in
positiver Form den Gesellschaftsutopien Marshall McLuhans
und Vilém Flussers zugrunde und wird als
apokalyptische Vision auch bei deren Antipoden Jean
Baudrillard und Paul Virilio entwickelt. Diese sehen in der
Flut simulierter, in Echtzeit übertragener Bilder den
Untergang der Imagination und bewußten, aus der
Abgrenzung zum Anderen resultierenden Gestaltung. Der aus
der Kybernetik hervorgegangene Konstruktivismus als dritte
Richtung konzentriert sich auf eine systemische Struktur,
die sich festen ästhetischen Kategorien zugunsten einer
Analyse von Produktions-, Rezeptions- und
Distributionsprozessen verweigert. Allen Theorien liegt
schließlich ein Grundverständnis von
Ästhetik als "Aisthesis" - als primär
"wahrnehmungs-technisches" Phänomen - zugrunde, dem der
Computer als medienakkumulierendes und Raum- und
Zeitdifferenzen ignorierendes Medium neue Qualitäten
verleiht.
Der Schwerpunkt des zweiten
Teils der Analyse liegt dann auf Frage der Praxis neuer
ästhetischer Formen im durch die Computervernetzung
entstandenen Raum. Literatur und Kunst, die den Computer als
Produktionsgrundlage und das Internet als Aktionsplattform
wählen, entwickeln neue Darstellungsformen und
müssen daher mit anderen Kategorien als denen der
traditionellen Ästhetik beschrieben werden. Diese gilt
es nun hier auf der Basis einer Phänomenologie von
literarischen Projekten im Internet zu entwickeln. Als
konstitutiv für Internet-Literatur - im Gegensatz zu
digitaler "Binnenliteratur" - wird das Zusammenspiel dreier
das Medium konstituierenden Ebenen angesehen, der
technischen, der ästhetischen Darstellungsebene und der
Vernetzungsebene der sozialen Interaktion. Deren
Zusammenspiel untereinander ist charakterisiert durch eine
Bewegung, die ich "hyperlektische Oszillation" genannt habe.
Die Merkmale digitaler Kunst
und Literatur - die Immaterialität der elektronischen
Impulse und die Prozeduralität der Computerprogramme,
die sie hervorbringen - bewirken eine Veränderbarkeit
und Fragilität des Erscheinens, die sich grundlegend
von nicht-digitalen Phänomenen unterscheiden. Die
Oszillation zwischen den drei Ebenen des Internets bringt
ästhetische Formen hervor, die nur bei einer
Aktualisierung durch den Benutzer, der die diese
konstituierenden Programme auslöst, entstehen. Die
"hyperlektische Oszillation" ist somit eine niemals endende,
immer wieder stattfindende Bewegung, die zur wahrnehmbaren
Manifestation von Internet-Kunst und -Literatur führt.
Beide Begriffe, Kunst und
Literatur, verschwimmen zudem aufgrund der multimedialen
Potentiale des Computers, die Grenzen werden fließend.
Die semiotischen Systeme gehen eine Interaktion miteinander
ein, die ebenfalls zu neuen, hypermedialen Kunstformen
führt, die nicht mehr nur auf Text basieren. Es
entsteht aber eine neue Form von Text: der der
Programmiersprachen und der HTML-Seitenbeschreibungssprache.
"Literatur" wird somit zu einem Begriff, der eine eminent
technische Basis erhält und mehrere Textschichten
umfaßt.
Daher werden bei der
Untersuchung der Projekte nicht nur meist hypertextbasierte,
explizit als "Literatur" etikettierte Werke untersucht,
sondern auch Software miteinbezogen, wie die "alternativen
Browser" (der
"Web
Stalker" von I/O/D, der
"Shredder"
von Mark Napier und der
Netomat
von Maciej Wisnewski) und "Dekonstruktionsperformances"
digitaler Symbolik wie die Projekte von
Jodi
oder der HTML-zerstörende
"Discoder"
von exonemo. Bei der Untersuchung kristallisieren sich zwei
Hauptformen von Internet-Kunst und -Literatur heraus: Die
eine legt ihren Schwerpunkt auf die (Im)Materialität
der digitalen Impulse sowie die Volatilität und
Zusammenführbarkeit der verschiedenen semiotischen
Systeme, die andere konzentriert sich auf das Spiel mit der
textuellen Vernetzung - sei es durch Intertextualität
oder durch kommunikative Formen von Literatur.
Zwei "Sphären" also
bilden sich heraus, die aus unterschiedlichen
Schwerpunktoszillationen hervorgehen. Die "Semiosphäre"
(in Anlehnung an Jurij Lotman) konstituiert sich in erster
Linie aus der Oszillation zwischen technischer und
ästhetischer Ebene (so die oben angeführten
Software-Projekte, aber auch der Einsatz von Hypertext
für literarische Zwecke und hypermedial konzipierte
Werke wie
David
Blairs "WaxWeb",
Dirk
Günthers und Frank Klötgens "Die Aaleskorte der
Ölig",
Mark
Amerikas "PHON:E:ME" und
Jacques
Servins Projekt "BEAST" fallen darunter). Die soziale Ebene
kommt durch den rezipierenden Benutzer ins Spiel, der seine
Wahrnehmungsgewohnheiten und Verhaltensformen auf die Probe
gestellt sieht, wenn - wie bei den "alternativen" Browsern -
die gewohnten Anzeigeformen plötzlich verändert
werden oder - wie bei Jodi - der Computer sich
verselbständigt und - siehe "BEAST" - die komplexe
Interaktion der semiotischen Systeme zunächst einen
kognitiven "Overkill" zu verursachen scheint.
Die zweite Sphäre habe
ich die "Vernetzungssphäre" getauft. Sie geht in erster
Linie aus der Oszillation zwischen technischer und sozialer
Ebene hervor und nutzt die ästhetische Ebene eher als
Manifestationsplattform, nicht als Experimentierfeld
für neue Wahrnehmungsmodi. Sie umfaßt
intertextuelle Projekte wie
"Holo-X"
von Jay Dillemuth u.a., das andere "real existierende"
Web-Seiten miteinbezieht, aber auch Projekte, die mit dem
Verschwimmen von Realität und Fiktion spielen - etwas,
das aufgrund des in die virtuelle Lebenswelt integrierten
Kunstraumes nur in der Vernetzung des Internets möglich
ist. Das Genkaufhaus
"Tyrell.Hungary"
von East Edge ist ein solches Projekt, das dem Besucher
suggeriert, er könne sich hier durch Gen- und
Mem-Manipulation eine neue Existenz erkaufen, den perfekten
Haussklaven oder die ideale Käuferschicht für sein
bisher erfolgloses Produkt erschaffen lassen. Ebenso
gehören eine ganze Anzahl politkünstlerischer
Projekte in diesen Bereich, wie die Aktionen von
RTMARK,
des
Electronic
Disturbance Theaters oder des
Critical
Art Ensembles, die Software und die globale Vernetzung als
Mittel politischen Protests einsetzen.
Zur Vernetzungssphäre
zählt auch die große Anzahl kommunikativer
Literaturprojekte, wie Mitschreibeprojekte,
Projekt-Kooperationen, aber auch virtuelle Welten, wie
Olivia
Adlers "Café Nirvana" oder
"Conversation
with Angels" von meetfactory, in denen die ephemere
Kommunikation zwischen Menschen zum Kunstwerk wird. Ebenso
gehören die Künstlerplattformen wie
"äda'web",
"The
Thing",
"Rhizome"
oder die Mailingliste
"Netzliteratur"
zur Vernetzungssphäre, die Kommunikations- und
Produktionsforen für ort- und zeitunabhängige
transnationale künstlerische Produktion sind. Hier wird
Kunst und Literatur zur Kommunikation - meist um den Preis
der Aufgabe printliterarischer Qualitätskriterien und
des Ewigkeitsanspruchs. Besonders bei den
Mitschreibeprojekten und den künstlerischen virtuellen
Welten läßt sich feststellen, daß der
Produktionsprozeß das eindeutige Primat vor dem
Ergebnis hat - das fertige Werk (so es überhaupt
abgestrebt wird) ist nicht mehr interessant. Diese Projekte
leben nur in ihrem Werden, nicht in ihrem Sein und sind
daher auch entsprechend ephemer angelegt. Kommen sie zum
Stillstand, so verlieren sie ihre Funktion als kollektive
ästhetische Produktion.
Der derzeitige "state of the
art" von Internet-Kunst und -Literatur bestätigt somit
den Paradigmenwechsel, der das Ergebnis der Analyse der
Medientheorien war. Prozeß und Aisthesis ersetzen Werk
und die "Ästhetik" der Abgeschlossenheit und
kohärenten Schönheit, die sich von der Lebenswelt
explizit abtrennt. Auch die Konzept- und Performancekunst
konnten diese Trennung letztlich nicht durchbrechen. Im
Internet, der Sphäre der Vernetzung, besteht diese
Abtrennung nicht mehr - Kunst und Literatur werden in der
Kommunikation verlebensweltlicht (im Gegensatz zur Diagnose
neuerer ästhetischer Theorien, die eine
Ästhetisierung der Lebenswelt feststellen). Dennoch
ergeben sich auch deutliche Unterschiede zwischen Theorie
und Praxis, die meist auf der unzureichenden
Beschäftigung der Theorie mit der Praxis beruhen oder
der Gebundenheit des Medienbegriffs an das unidirektionale
Sender-Kanal-Empfänger geschuldet sind. Die
epistemologischen Konsequenzen jedoch decken sich: Die
Wahrnehmungs- und Existenzkategorien müssen angesichts
des weltenerschaffenden Potentials, der Prozeduralität
und der Kommunikativität des Internets neu
überdacht und modifiziert werden.
*
Anmerkung der Autorin: Ein
Abstract bringt es mit sich, eigentlich unzulässige
Kürzungen der Argumentation vorzunehmen und im Bereich
des Allgemeinen zu bleiben. Die Komplexität des Themas,
insbesondere die ästhetischen und epistemologischen
Konsequenzen, können hier nur ausgesprochen
unzureichend dargestellt werden. Anfragen und
Verlagsangebote ;-) werden gerne entgegengenommen:
christiane.heibach@okay.net
*Die
Dissertation wurde fertiggestellt im Dezember 1999 und
eingereicht an der neuphilologischen Fakultät der
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.
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