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Literatur auf dem Rechner
Einleitung einer Dissertation an der Universität - Gesamthochschule Siegen

von Thomas Kamphusmann* 

Allen Versuchen, die Formen von Literatur innerhalb der ,neuen Medien', mit Hilfe von Kategorien zu beschreiben, die an lange konstanten oder zumindest konstant erscheinenden Entitätstypen gebildet wurden --- Autor, Werk, ... --- haftet nicht nur der Eindruck des Bemühten an, sondern sie zeigen gerade in den Bereichen Unschärfen, die ihren Zentralbestand angehen --- sofern sie solche Formen überhaupt bemerken.

So beginnt Manfred Eisenbeis unter dem Titel Medienkultur: Wenn es darum geht, kulturelle und technologische Entwicklungen in ihren Wechselwirkungen zu untersuchen, taucht folgerichtig auch die Frage nach dem Wandel der Künste auf --- und zwar sowohl für die Musik als auch für die visuellen Künste --- full stop ---. (1)

Und Hartmut Winkler, der gerade da, wo er die meist deplazierte Frage Was also bedeutet ein n--dimensionaler Raum konkret? winkler:1997, 39 zu beantworten sucht, spricht zunächst technisch korrekt von ,sequentieller Organisation' um diese dann wenige Zeilen später als antihierarchische[s], n--dimensionale[s] Netz winkler:1997, 40 zu bezeichnen. In der Perpetuierung solcher Metaphern versandet der Versuch schnell, zu den Phantasien vorzustoßen winkler:1997, 12, die in ihnen verborgen sind.

Derartige Auslassungen und Unschärfen --- die zitierten stehen dabei beispielhaft für den im Verhältnis nicht einmal schlecht informierten Teil --- stellen für die vorliegende Arbeit das erste Indiz für die Inadäquanz der angelegten Kriterien dar. Während ein Titel wie ,Literatur im Buch' wo nicht auf Erstaunen, so zurecht auf die Rückfrage so what? stoßen würde --- eben weil die Beschreibungskategorien wie Autor, Lektor, Verleger, Drucker, Auflage, Genre, Buchhändler, Leser, Kritiker und nicht zuletzt Literaturwissenschaftler in vielfachen Variationen bekannt und hochgradig stabil sind --- ist hinsichtlich des hier gewählten Titels mit einer derartigen Reaktion kaum zu rechnen. Offensichtlich sind nicht einmal basale Beschreibungskategorien für ,Literatur auf dem Rechner' in einem Maße stabilisiert, daß mit ihnen in literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen argumentiert werden kann. Das ist aus historischer Perspektive nicht verwunderlich und aus künstlerischer nicht erforderlich, aus ökonomischer schon eher hinderlich und aus wissenschaftlicher schlechterdings unhaltbar.

Aber auch der gegenteilige Versuch, Texte oder Literatur ,auf dem Rechner' als das ,ganz andere' bisheriger Literatur mitsamt ihres diskursiven Apparats anzusehen, führt nicht zu distinktiven Kriterien sondern eher, wie bei idensen:krohn:1994, 245, zu der Behauptung eines Kollapses oder ersatzlosen Wegfalls tradierter Kriterien und Diskurstechniken. (2) Daß diese sich, in nur geringfügig modernisierender Wortwahl in genau dem Satz wieder einschleichen, der den Unterschied zum tradierten Mediensystem behauptet, zeigt auch in den euphorischen Reaktionen das erwähnte Fehlen spezifischer Kategorien der Beschreibung: Hyperdokumente sind im Gegensatz zu Büchern keine medial begrenzten und festgeschriebenen Objekte zum Lesen, Sammeln, Kommentieren und Interpretieren, sondern frei gestaltbare Interfaces: Prozessoren, mittels derer Gedankenobjekte in unterschiedlichen Darstellungsweisen [...] produziert, verknüpft und verteilt werden können. idensen:krohn:1994, 245

Verwundern kann dann, daß sich Positionen, die sich von derartigen Euphorien abzusetzen versuchen und sich anheischig machen, einen Teil dieser doch sehr spekulativ anmutenden Thesen an konkretem Textmaterial etwas genauer zu betrachten daiber:1999, nicht von der Parallelisierung des Gegensatzes ,nicht linear vs. linear' und ,Neue vs. alte Medien' befreien, sondern, als wäre ihnen die dichte Verweisstruktur innerhalb von Bibliotheken nie begegnet, von einer klassischen, linearen Wissenspräsentation daiber:1999 ausgehen.

Wenn es aber trotz ernstzunehmender Versuche nicht, wie immer wieder zu zeigen sein wird, gelungen ist, mit Hilfe der tradierten literaturwissenschaftlichen Kriterien die schon entstandenen und noch erwartbaren Literaturen ,auf dem Rechner' zu beschreiben, erscheint es gerechtfertigt, die Kategorien nicht von der Literaturwissenschaft aus, sondern aus der Informatik heraus zu entwickeln. Dieser Ansatz wird daher mit den drei basalen Operationen von Rechenmaschinen einsetzen --- Speichern, Übertragen, Prozessieren --- und versuchen, diese als Grundoperationen ,auf' Texten, nicht nur, aber vorrangig ,auf dem Rechner' ernstzunehmen. (3) Damit werden die hier gezogenen Verbindungen keine diachronen sein, also beispielsweise nicht die der Waffen [...] strikt parallele Eskalation des Mediensystems von der Speicherung über die Übertragung bis zur computerisierten Berechnung kittler:tholen:1989, 11 verfolgen. Der vor allem synchrone Blick auf ein noch längst nicht voll entwickeltes, wesentlich computergestütztes Mediensystem der ebensowenig universalen Speicherung, Übertragung und Prozessierung versucht vielmehr, den Unterschieden und Interferenzen mit der --- oftmals und bisher immer zu früh verabschiedeten --- ,Gutenberg Galaxis' nachzugehen, die immer schon gespeichert, übertragen und prozessiert hat.

Nach der um technische Exkurse erweiterten Bestimmung dieses Verhältnisses im ersten Kapitel wird im zweiten anhand von Beispielen der Entwurf einer Typologie computergestützter Literatur entwickelt und begründet, die sich an den angesprochenen Funktionen orientiert. Im abschließenden Kapitel wird anhand dieser Beispiele der Frage adäquater literaturwissenschaftlicher Theorien und Methoden nachgegangen. Daß diese Argumentation exemplarisch bleiben wird, versteht sich angesichts der Filiationen der Literaturtheorien von selbst. Trotzdem werden bezeichnende Parallelen ebenso wie Lücken aufgezeigt werden, Lücken, die die Form des Unbehagens haben, das hier am Anfang stand. (4)

zu

Inhalt und

Koda der Untersuchung


(1) eisenbeis:1993, 319 Literatur findet sich nicht nur bei ihm lediglich in Aufzählungen, vgl. eisenbeis:1993, 320.

(2) So im Untertitel von idensen:krohn:1994. Da dieser ein Manual für hypermediale Diskurstechniken verspricht, ist es umso verwunderlicher, daß in der Papier--Version des ,Manuals' der Begriff nicht als Stichwort geführt wird. Daß zudem alphabetische Ordnung die am wenigsten verdächtige, d. h. absolut bedeutungslose idensen:krohn:1994, 246 sei, bleibt hinsichtlich des zugrundegelegten Begriffs der Bedeutung ebenso zu überprüfen wie, in Zeiten heftiger Debatten um Zulässigkeit und Grenzen von Kryptographie, bezüglich der Gleichsetzung.

(3) Übertragung ist in der gesamten Arbeit nicht als psychoanalytischer Terminus zu lesen, wie er von Freud freud:1975:III:a, 228 entwickelt wurde, sondern als technischer im Sinne Shannons.

(4) Die vielfach nötige Zitation von Texten, die lediglich elektronisch publiziert sind, geschieht in zwei unterschiedlichen Formen. Wenn, wie z. B. bei der Besprechung der ,Homepages' mehrere Seiten unterhalb einer gemeinsamen Wurzel zitiert werden, findet sich im Literaturverzeichnis ein Eintrag der üblichen Form, der die notwendigen Daten zum Nachweis der gemeinsamen Wurzel enthält. Hier finden sich also die Angaben zum Protokoll, Server, Port und ggfs. dem Stammverzeichnis, das als Wurzel aller weiteren Unterverzeichnisse dient. Im Text wird dann, analog zu dem Nachweis von Seiten in gedruckten Publikationen, die Seite relativ zu der "biblio"--graphierten Wurzel genannt. Z. B.: sonntag:1998, gedichte.htm bezieht sich auf die URL http://privat.schlund.de/Nicolaus_Sonntag/gedichte.htm. Eine evtl. weitere Spezifikation einer Stelle innerhalb einer Datei wird durch die Angabe des ,named anchors' in HTML--Notation (z. B. #abschnitt3) an den Dateinamen angehängt. URLs, die für diese Arbeit einen Stellenwert haben, der eine ,bibliographische' Erfassung nicht zu rechtfertigen schien, sind im laufenden Text komplett spezifiziert. Der überwiegende Teil der URLs wurde im zweiten Halbjahr 1998 gesichert und kurz vor der Drucklegung verifiziert.

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*Der vorliegende Text ist ein Auszug aus der Einleitung zu Thomas Kamphusmanns Dissertation "Literatur auf dem Rechner" (siehe Inhaltsverzeichnis und Koda). Der Text liegt ebenfalls auf dem Server der Universität - Gesamthochschule Siegen vor.