Allen Versuchen, die Formen
von Literatur innerhalb der ,neuen Medien', mit Hilfe von
Kategorien zu beschreiben, die an lange konstanten oder
zumindest konstant erscheinenden Entitätstypen gebildet
wurden --- Autor, Werk, ... --- haftet nicht nur der
Eindruck des Bemühten an, sondern sie zeigen gerade in
den Bereichen Unschärfen, die ihren Zentralbestand
angehen --- sofern sie solche Formen überhaupt
bemerken.
So beginnt Manfred Eisenbeis
unter dem Titel Medienkultur: Wenn es darum
geht, kulturelle und technologische Entwicklungen in ihren
Wechselwirkungen zu untersuchen, taucht folgerichtig auch
die Frage nach dem Wandel der Künste auf --- und zwar
sowohl für die Musik als auch für die visuellen
Künste --- full stop ---. (1)
Und Hartmut Winkler, der
gerade da, wo er die meist deplazierte Frage Was also
bedeutet ein n--dimensionaler Raum konkret?
winkler:1997,
39 zu beantworten
sucht, spricht zunächst technisch korrekt von
,sequentieller Organisation' um diese dann wenige Zeilen
später als antihierarchische[s],
n--dimensionale[s] Netz winkler:1997,
40 zu bezeichnen. In
der Perpetuierung solcher Metaphern versandet der Versuch
schnell, zu den Phantasien vorzustoßen
winkler:1997,
12, die in ihnen
verborgen sind.
Derartige Auslassungen und
Unschärfen --- die zitierten stehen dabei beispielhaft
für den im Verhältnis nicht einmal schlecht
informierten Teil --- stellen für die vorliegende
Arbeit das erste Indiz für die Inadäquanz der
angelegten Kriterien dar. Während ein Titel wie
,Literatur im Buch' wo nicht auf Erstaunen, so zurecht auf
die Rückfrage so what? stoßen würde
--- eben weil die Beschreibungskategorien wie Autor, Lektor,
Verleger, Drucker, Auflage, Genre, Buchhändler, Leser,
Kritiker und nicht zuletzt Literaturwissenschaftler in
vielfachen Variationen bekannt und hochgradig stabil sind
--- ist hinsichtlich des hier gewählten Titels mit
einer derartigen Reaktion kaum zu rechnen. Offensichtlich
sind nicht einmal basale Beschreibungskategorien für
,Literatur auf dem Rechner' in einem Maße
stabilisiert, daß mit ihnen in
literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen argumentiert
werden kann. Das ist aus historischer Perspektive nicht
verwunderlich und aus künstlerischer nicht
erforderlich, aus ökonomischer schon eher hinderlich
und aus wissenschaftlicher schlechterdings
unhaltbar.
Aber auch der gegenteilige
Versuch, Texte oder Literatur ,auf dem Rechner' als das
,ganz andere' bisheriger Literatur mitsamt ihres diskursiven
Apparats anzusehen, führt nicht zu distinktiven
Kriterien sondern eher, wie bei idensen:krohn:1994,
245, zu der
Behauptung eines Kollapses oder ersatzlosen Wegfalls
tradierter Kriterien und Diskurstechniken.
(2)
Daß diese sich, in nur geringfügig
modernisierender Wortwahl in genau dem Satz wieder
einschleichen, der den Unterschied zum tradierten
Mediensystem behauptet, zeigt auch in den euphorischen
Reaktionen das erwähnte Fehlen spezifischer Kategorien
der Beschreibung: Hyperdokumente sind im Gegensatz zu
Büchern keine medial begrenzten und festgeschriebenen
Objekte zum Lesen, Sammeln, Kommentieren und Interpretieren,
sondern frei gestaltbare Interfaces: Prozessoren, mittels
derer Gedankenobjekte in unterschiedlichen
Darstellungsweisen [...] produziert, verknüpft
und verteilt werden können. idensen:krohn:1994,
245
Verwundern kann dann,
daß sich Positionen, die sich von derartigen Euphorien
abzusetzen versuchen und sich anheischig machen, einen
Teil dieser doch sehr spekulativ anmutenden Thesen an
konkretem Textmaterial etwas genauer zu betrachten
daiber:1999,
nicht von der Parallelisierung des Gegensatzes ,nicht linear
vs. linear' und ,Neue vs. alte Medien' befreien, sondern,
als wäre ihnen die dichte Verweisstruktur innerhalb von
Bibliotheken nie begegnet, von einer klassischen,
linearen Wissenspräsentation daiber:1999
ausgehen.
Wenn es aber trotz
ernstzunehmender Versuche nicht, wie immer wieder zu zeigen
sein wird, gelungen ist, mit Hilfe der tradierten
literaturwissenschaftlichen Kriterien die schon entstandenen
und noch erwartbaren Literaturen ,auf dem Rechner' zu
beschreiben, erscheint es gerechtfertigt, die Kategorien
nicht von der Literaturwissenschaft aus, sondern aus der
Informatik heraus zu entwickeln. Dieser Ansatz wird daher
mit den drei basalen Operationen von Rechenmaschinen
einsetzen --- Speichern, Übertragen, Prozessieren ---
und versuchen, diese als Grundoperationen ,auf' Texten,
nicht nur, aber vorrangig ,auf dem Rechner' ernstzunehmen.
(3)
Damit werden die hier gezogenen Verbindungen keine
diachronen sein, also beispielsweise nicht die der
Waffen [...] strikt parallele Eskalation des
Mediensystems von der Speicherung über die
Übertragung bis zur computerisierten Berechnung
kittler:tholen:1989,
11 verfolgen. Der
vor allem synchrone Blick auf ein noch längst nicht
voll entwickeltes, wesentlich computergestütztes
Mediensystem der ebensowenig universalen Speicherung,
Übertragung und Prozessierung versucht vielmehr, den
Unterschieden und Interferenzen mit der --- oftmals und
bisher immer zu früh verabschiedeten --- ,Gutenberg
Galaxis' nachzugehen, die immer schon gespeichert,
übertragen und prozessiert hat.
Nach der um technische
Exkurse erweiterten Bestimmung dieses Verhältnisses im
ersten Kapitel wird im zweiten anhand von Beispielen der
Entwurf einer Typologie computergestützter Literatur
entwickelt und begründet, die sich an den
angesprochenen Funktionen orientiert. Im
abschließenden Kapitel wird anhand dieser Beispiele
der Frage adäquater literaturwissenschaftlicher
Theorien und Methoden nachgegangen. Daß diese
Argumentation exemplarisch bleiben wird, versteht sich
angesichts der Filiationen der Literaturtheorien von selbst.
Trotzdem werden bezeichnende Parallelen ebenso wie
Lücken aufgezeigt werden, Lücken, die die Form des
Unbehagens haben, das hier am Anfang stand.
(4)
(1)
eisenbeis:1993,
319 Literatur findet
sich nicht nur bei ihm lediglich in Aufzählungen, vgl.
eisenbeis:1993,
320.
(2)
So im Untertitel von idensen:krohn:1994.
Da dieser ein Manual für hypermediale
Diskurstechniken verspricht, ist es umso
verwunderlicher, daß in der Papier--Version
des ,Manuals' der Begriff nicht als Stichwort geführt
wird. Daß zudem alphabetische Ordnung die am
wenigsten verdächtige, d. h. absolut
bedeutungslose idensen:krohn:1994,
246 sei, bleibt
hinsichtlich des zugrundegelegten Begriffs der Bedeutung
ebenso zu überprüfen wie, in Zeiten heftiger
Debatten um Zulässigkeit und Grenzen von Kryptographie,
bezüglich der Gleichsetzung.
(3)
Übertragung ist in der gesamten Arbeit nicht als
psychoanalytischer Terminus zu lesen, wie er von Freud
freud:1975:III:a,
228 entwickelt
wurde, sondern als technischer im Sinne Shannons.
(4)
Die vielfach nötige Zitation von Texten, die lediglich
elektronisch publiziert sind, geschieht in zwei
unterschiedlichen Formen. Wenn, wie z. B. bei der
Besprechung der ,Homepages' mehrere Seiten unterhalb einer
gemeinsamen Wurzel zitiert werden, findet sich im
Literaturverzeichnis ein Eintrag der üblichen Form, der
die notwendigen Daten zum Nachweis der gemeinsamen Wurzel
enthält. Hier finden sich also die Angaben zum
Protokoll, Server, Port und ggfs. dem Stammverzeichnis, das
als Wurzel aller weiteren Unterverzeichnisse dient. Im Text
wird dann, analog zu dem Nachweis von Seiten in gedruckten
Publikationen, die Seite relativ zu der
"biblio"--graphierten Wurzel genannt. Z. B.:
sonntag:1998,
gedichte.htm bezieht
sich auf die URL http://privat.schlund.de/Nicolaus_Sonntag/gedichte.htm.
Eine evtl. weitere Spezifikation einer Stelle innerhalb
einer Datei wird durch die Angabe des ,named anchors' in
HTML--Notation (z. B. #abschnitt3) an den
Dateinamen angehängt. URLs, die für diese Arbeit
einen Stellenwert haben, der eine ,bibliographische'
Erfassung nicht zu rechtfertigen schien, sind im laufenden
Text komplett spezifiziert. Der überwiegende Teil der
URLs wurde im zweiten Halbjahr 1998 gesichert und kurz vor
der Drucklegung verifiziert.
---
*Der
vorliegende Text ist ein Auszug aus der Einleitung zu
Thomas
Kamphusmanns
Dissertation "Literatur auf dem Rechner" (siehe
Inhaltsverzeichnis
und Koda).
Der Text liegt ebenfalls auf dem Server
der Universität - Gesamthochschule Siegen vor.
