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HYPERTEXT 2000
Ein eher subjektiver Konferenzbericht
[English
version]
von Anja
Rau
Die
Millenniums-Hypertext,
die vom 30. Mai bis zum 4. Juni in San Antonio (Texas, USA)
stattfand, war die bisher "literarischste" ACM Hypertext
Konferenz. Zwar war es auch dieses Mal nicht gelungen, die
Sessions der "Literary People" und der "Systems People" so
zu legen, dass diese Subkulturen tatsächlich einander
auf den Teller gucken konnten - aber in Texas waren die
Belles Hyperlettres loud and proud wie nie: eine Keynote
über Comix (Scott McCloud erinnerte bildhaft daran,
dass Literatur in ihrem Ursprung schon immer multimedial und
hochtechnologisch war), ein literaturwissenschaftlicher
Nelson Newcomer Preis (an Susana Pajares Tosca für ihre
"Pragmatics of Links") und Hyperfiction-Readings,
die nicht wie zum Beispiel vergangenes Jahr in Darmstadt
( Bericht
in dichtung-digital)
in der Besenkammer stattfanden, sondern im großen
Saal, der auch die Keynotes beherbergte. Gut besucht waren
diese Readings und nicht selten von Szenenapplaus und
Standing Ovations begleitet.
Ja, Tatsache, Hyperfiction
kann Spaß machen! Das Leiden am Hypertext, das gerade
mit diesem Genre befasste Literaturwissenschaftler nicht nur
hinter vorgehaltener Hand zugeben, wollte sich im
Live-Vortrag nicht einstellen. Jane Yellowlees Douglas,
Deena Larsen, Robert Kendall, Marjorie Lusebrink und die
Unknown-Jungs klickten ihre Texte auf Zuruf der
Zuhörer(und schauer) und schufen so im wahreren Sinne
des Wortes interaktive Texte. Es schien sogar, als
würde die eine oder andere Hyperfiction im Livevortrag,
unterstützt durch Erklärungen, manchmal aber auch
nur Intonation oder die Wahl des Einstiegspunkts durch den
Autor einen Sinn ergeben, den der einsame Leser allein nicht
erklicken konnte.
Die literary guys sind nicht
mehr die Pausenfüller und das Rahmenprogramm für
die Dinners. Stattdessen stellen sie jetzt die Fragen, die
zwischen Open Hypermedia Systems, dynamischen
Link-Maschinen, adaptiven Informationssystemen,
Visualisierungen und Multimedialisierungen unterzugehen
drohen: Was ist eigentlich Hypertext? Was können wir
mit Hypertext anfangen? Und warum fasziniert uns das
verflixte Ding immer noch so sehr? (Und was ist Text? Und
was macht der Link? Und warum fällt der Rest der Welt
[inklusive der Geldgeber] uns nicht um den Hals,
wenn wir Hypertext in ihr Institut tragen?) Gleichzeitig
treten die Writers selbstbewusst auf und vor die Systems
People, von denen sie maßgeschneiderte Autoren-Tools
fordern - wobei sich hier durchaus die Geister scheiden: die
Technik an die Wünsche und Bedürfnisse der Autoren
anpassen oder gerade gegen die Grenzen des Mediums und der
gängigen Technologien anschreiben?
Das größere
Problem der Hyperfiction scheinen auch nicht die
Widrigkeiten der Technik zu sein: es wird geschrieben,
sowohl in den als auch gegen die existierenden
(Autoren-)Umgebungen. Aber es wird offensichtlich nicht
genug gelesen. Und das liegt sicher weniger an der
Qualität der Texte. Das Argument, dieses junge Genre
hätte noch keine "wirklich gute Literatur"
hervorgebracht, wird mit der Zeit und guten Gegenbeispielen
unglaubwürdig. Was fehlt, ist eine vernünftige,
internationale Vermarktung. Hyperfiction lebt immer noch von
Mundpropaganda, von weiterkopierten Disketten und
schwärmenden Freunden und Kollegen. Im Buch- und
Softwarehandel, im Regal neben Computerspielen und digitalen
Klassikerausgaben sucht man sie vergebens.
Sicher stehen bestimmte,
medieninhärente Hindernisse vor der Schaffung eines
Marktes für digitale Literatur. In den USA ist es zum
Beispiel unüblich, Software im Buchladen zu kaufen,
Buchhändler belegen ihren eng kalkulierten Regalplatz
nur ungern mit schwerverkäuflichen CD-Kartons. In
Deutschland dagegen gibt es die Sprachbarriere: Hyperfiction
ist immer noch ein amerikanisches Genre, Übersetzungen
sind schwierig und deutsche digitale Literatur lebt in
Nischen im Netz. Aber vor allem macht es den Eindruck, als
stünden die meisten Hyperfiction-Autoren dem Markt und
der Vermarktung ihrer Texte grundsätzlich skeptisch
gegenüber.
Zirkel und Subkulturen waren
schon immer Teil des Literaturbetriebs, und die Geschichte
vom lang verdienten aber leider postumen Ruhm ist reichlich
romantisch. Wenn wir Hyperfiction jedoch die Chance geben
wollen, sich als digitale Literatur zu etablieren - und zwar
auch und gerade als Gegengewicht gegen die rein
kommerziellen Multimediaproduktionen, die sich (auch im
Netz) breit(bandig)machen - dann müssen wir den Markt
zumindest als Möglichkeit anerkennen.
Ihr
Kommentar

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