Bolter
und Grusin erklären die "desire to get beyond the
medium", d.h. die 'Transparenz- bzw. Unmittelbarkeitslust'
des Rezipienten zum eigentlichen Movens der
Medienentwicklung. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu
bedenken, daß die Erlebnisqualität
immediacy als ein Ergebnis von Rezipientenerfahrung
im Sinne von Gewohnheit zu gelten hat. Das Stichwort
'Hineinsozialisiertwerden' etwa im Falle des Lesens
als Navigieren (Hypertext) ist hierbei zu nennen, der
Generationsaspekt (Buch oder TV als persönliches
Leitmedium) tritt in den Vordergrund. Als Beispiel mag
der Musiksender MTV gelten, der den Rezipienten zur
Erwartung einer MTV-Ästhetik disponiert, deren Mangel
bzw. Nichtvorhandensein bei der Konfrontation mit dem
'alten' Medium Buch
immediacy im Rezeptionsakt
verhindert. Allein durch das Buch Sozialisierte werden durch
die MTV-Ästhetik herausgerissen aus dem Prozeß
des medialen Sich-Einlassens.
Entgegen Bolters und Grusins
These, derzufolge immediacy allein auf Faktoren des
jeweils zum Einsatz kommenden Mediums
zurückgeführt werden könne, also als
inhärenter Bestandteil desselben und somit
strenggenommen nicht als Erlebnisqualität zu verstehen
ist, verlagert sich die dispositive Macht aus der oben
skizzierten Perspektive vom Medium auf den Nutzer. Letzterer
fungiert freilich wiederum als Träger der Dispositive
anderer Medien (durch die er sozialisiert wurde), so
daß sich letztlich die Dispositive der Medien via
(Medien)Sozialisation der Rezipienten
gegenüberstehen.
II.
Autormacht
Tod des
Autors: Leser als Autor
(Wreader): Autor überläßt Leser
Textvollendung / -realisation qua Navigation.
Autor als
Wiedergänger:
Machtzugewinn qua Vorprogrammerierung der Links
(Navigationspotential) als Intertextualität an der
Oberfläche, die die innere / tiefere
Intertextualität (infolge der
Lektürebiographie) überlagert und tendentiell
verhindert (die Gestik des Klicks ersetzt die Gestik
der Kontemplation).
Defizitäre
Omnipotenz des Autors:
Die vom Leser aus den Navigationsoptionen gewählte
Navigation ist vom Autor nicht voraussehbar, womit die
Situation der machtlosen Omnipotenz eintritt.
Autor als
Leser: Macht der Software:
Der Autor kann nur innerhalb der von der Software gegebenen
Möglichkeiten agieren, seine
Ausdrucksmöglichkeiten werden letztlich durch die
Einräumungen des Programmierers bestimmt. "In der
Fotogeste tut der Apparat, was der Fotograf will, und der
Fotograf muß wollen, was der Apparat kann", beschreibt
Flusser in Für eine Philosophie der Fotografie
(Göttingen: European Photography, 1997, S. 33) die
unüberwindliche Apparatabhängigkeit des
Fotografen, dessen grundsätzliches Dilemma, mit jedem
Bild letztlich allein das Apparatprogramm auszuführen,
auch das des Autoren digitaler Literatur angemessen
darstellt. Man erkennt, daß letztere, was die
Machtverteilung im künstlerischen Produktions- und
Kommunikationsakt anbelangt, mindestens an zwei Fronten
agieren, d.h. daß sie sowohl mit dem Programmierer als
auch mit dem Nutzer in Verhandlung stehen.
Macht des
Zufalls:
Programmgesteuerte Manipulation von kollaborativ erstellten
'Texten'. Leser liefern Texte zu einem Mitschreibprojekt
(werden damit Autor), die durch ein vom Projektleiter
installiertes Programm manipuliert sei es
umgeschrieben oder neu geordnet werden. Insofern hier
ein Zufallsgenerator programmiert ist, erstellt letztlich
nicht der Projektleiter/Programmierer das Endprodukt,
sondern der Zufall (Beispiel:
Snowfields).
Es handelt sich freilich um einen Zufall, der als
aleatorisch ('alea' = Würfel) näher
spezifiziert werden kann und sich (im Sinne einer
hausgemachten Indexikalität) vom
reinen Zufall unterscheidet, mit dem sich etwa
der vom indexikalischen Weltbezug abhängige analoge
Fotograf auseinanderzusetzen hat.
Macht des
Lesers durch bereitgestellten
Zufall:
Bereitstellung eines Programms durch Person A (Autor).
Nutzung des Programms durch Person B (Leser / Endautor), der
ein bestehendes Produkt einer abwesenden und unwissenden
Peson C in das Programm hineinbringt. Das Endprodukt
resultiert also aus dem zur Verfügung gestellten
Programm (Person A), dem benutzten Produkt (Person C) und
der Benutzung dieses Produkts im Programm (Person B).
(Beispiel:
Shredder)
III. Annahme des
Betrugs oder:
Die dedektivistische Rezeption
Durch
die Manipulationsmöglichkeiten im digitalen Medium
verliert das analoge Bild seine Glaubwürdigkeit,
insofern es im Übermittlungskanal bzw.
Präsentationsmedium (z.B. Zeitung) nicht mehr vom
digitalen Bild zu unterscheiden ist und damit dessen
Manipulationsverdacht auf sich zieht. Auf diese Weise
verhilft das Medium der Lüge der Wahrheit
zum Vorschein, indem es zur Skepsis gegenüber der
behaupteten Wahrheit, d.h. der den Bildmedien immer wieder
leichthin unterstellten dokumentarischen Seriosität
ermahnt (vgl. hierbei auch
Interview
mit Pedro Meyer).
Somit ließe sich
gewissermaßen ein Tausch der Wahrheiten konstatieren,
wobei die Wahrheit des Indexikalischen (im Sinne C.S.
Peirces) geopfert wird zugunsten zweier anderer Wahrheiten,
die durch das 'Medium der Lüge' aufscheinen:
- subjektive Wahrheit des
Kreators (gesehene Welt / Wahrheit als höhere
innere Wahrheit)
- Wahrheit als
Aufklärung über mediale
Manipulation