www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski-Glasenapp-27-Nov

Dispositive digitaler Medien
Vorläufige Thesen

von Roberto Simanowski und Jörn Glasenapp

Die digitalen Medien sind in den letzten Jahren zunehmend ins Zentrum des psychologisch, sozial und ästhetisch ausgerichteten Forschungsinteresses getreten. Jay David Bolters und Richard Grusins großangelegte Untersuchung Remediation. Understanding New Media (1999) stellt sich mit dem Titel in eine bestimmte Tradition der Medientheorie und legt zugleich den Akzent auf die neuen bzw. digitalen Medien. Die Psychologie digitaler Kommunikation wird hier mit völlig neuen Kategorien wie remediation, immediacy und hypermediacy zu fassen gesucht. Andere Untersuchungen zielen auf die Veränderungen der klassischen Autor-Text-Leser-Triade im Feld digitaler Kommunikation, wieder andere akzentuieren die Manipulationsmöglichkeit innerhalb dieser Kommunikation und fragen nach dem Verhältnis von Realität und Fiction.

Die folgenden Notizen sind das Ergebnis eines Brainstormings, das an den genannten Stichpunkten entlang einige Differenzierungsnotwendigkeiten skizziert, vorläufige Thesen aufstellt und Fragerichtungen vorgibt, die in einer geplanten Untersuchung weiter verfolgt, systematisiert und an konkretem Material belegt werden sollen. Im Vorlauf dieser Untersuchung verzichten die Notizen auf eine ausführliche Erörterung und wollen vielmehr Stichwortgeber sein für eine Diskussion, die sich an dem einen oder anderen Aspekt in der einen oder anderen Form (Nachfragen, Zusätze, Gegenthesen, Diskussionsforum) entzünden möge.

I. Mediendispositive

Bolter und Grusin erklären die "desire to get beyond the medium", d.h. die 'Transparenz- bzw. Unmittelbarkeitslust' des Rezipienten zum eigentlichen Movens der Medienentwicklung. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu bedenken, daß die Erlebnisqualität immediacy als ein Ergebnis von Rezipientenerfahrung im Sinne von Gewohnheit zu gelten hat. Das Stichwort 'Hineinsozialisiertwerden' – etwa im Falle des Lesens als Navigieren (Hypertext) – ist hierbei zu nennen, der Generationsaspekt (Buch oder TV als ‘persönliches Leitmedium’) tritt in den Vordergrund. Als Beispiel mag der Musiksender MTV gelten, der den Rezipienten zur Erwartung einer MTV-Ästhetik disponiert, deren Mangel bzw. Nichtvorhandensein bei der Konfrontation mit dem 'alten' Medium Buch immediacy im Rezeptionsakt verhindert. Allein durch das Buch Sozialisierte werden durch die MTV-Ästhetik herausgerissen aus dem Prozeß des medialen Sich-Einlassens.

Entgegen Bolters und Grusins These, derzufolge immediacy allein auf Faktoren des jeweils zum Einsatz kommenden Mediums zurückgeführt werden könne, also als inhärenter Bestandteil desselben und somit strenggenommen nicht als Erlebnisqualität zu verstehen ist, verlagert sich die dispositive Macht aus der oben skizzierten Perspektive vom Medium auf den Nutzer. Letzterer fungiert freilich wiederum als Träger der Dispositive anderer Medien (durch die er sozialisiert wurde), so daß sich letztlich die Dispositive der Medien via (Medien)Sozialisation der Rezipienten gegenüberstehen.

II. Autormacht

Tod des Autors: Leser als Autor (Wreader): Autor überläßt Leser Textvollendung / -realisation qua Navigation.

Autor als Wiedergänger: Machtzugewinn qua Vorprogrammerierung der Links (Navigationspotential) als Intertextualität an der Oberfläche, die die innere / tiefere Intertextualität (infolge der Lektürebiographie) überlagert und tendentiell verhindert (die Gestik des Klicks ersetzt die ‘Gestik der Kontemplation’).

Defizitäre Omnipotenz des Autors: Die vom Leser aus den Navigationsoptionen gewählte Navigation ist vom Autor nicht voraussehbar, womit die Situation der machtlosen Omnipotenz eintritt.

Autor als Leser: Macht der Software: Der Autor kann nur innerhalb der von der Software gegebenen Möglichkeiten agieren, seine Ausdrucksmöglichkeiten werden letztlich durch die Einräumungen des Programmierers bestimmt. "In der Fotogeste tut der Apparat, was der Fotograf will, und der Fotograf muß wollen, was der Apparat kann", beschreibt Flusser in Für eine Philosophie der Fotografie (Göttingen: European Photography, 1997, S. 33) die unüberwindliche Apparatabhängigkeit des Fotografen, dessen grundsätzliches Dilemma, mit jedem Bild letztlich allein das Apparatprogramm auszuführen, auch das des Autoren digitaler Literatur angemessen darstellt. Man erkennt, daß letztere, was die Machtverteilung im künstlerischen Produktions- und Kommunikationsakt anbelangt, mindestens an zwei Fronten agieren, d.h. daß sie sowohl mit dem Programmierer als auch mit dem Nutzer in Verhandlung stehen.

Macht des Zufalls: Programmgesteuerte Manipulation von kollaborativ erstellten 'Texten'. Leser liefern Texte zu einem Mitschreibprojekt (werden damit Autor), die durch ein vom Projektleiter installiertes Programm manipuliert – sei es umgeschrieben oder neu geordnet – werden. Insofern hier ein Zufallsgenerator programmiert ist, erstellt letztlich nicht der Projektleiter/Programmierer das Endprodukt, sondern der Zufall (Beispiel: Snowfields). Es handelt sich freilich um einen Zufall, der als aleatorisch ('alea' = Würfel) näher spezifiziert werden kann und sich (im Sinne einer ‘hausgemachten Indexikalität’) vom ‘reinen Zufall’ unterscheidet, mit dem sich etwa der vom indexikalischen Weltbezug abhängige analoge Fotograf auseinanderzusetzen hat.

Macht des Lesers durch bereitgestellten Zufall: Bereitstellung eines Programms durch Person A (Autor). Nutzung des Programms durch Person B (Leser / Endautor), der ein bestehendes Produkt einer abwesenden und unwissenden Peson C in das Programm hineinbringt. Das Endprodukt resultiert also aus dem zur Verfügung gestellten Programm (Person A), dem benutzten Produkt (Person C) und der Benutzung dieses Produkts im Programm (Person B). (Beispiel: Shredder)

III. Annahme des Betrugs oder:
Die dedektivistische Rezeption

Durch die Manipulationsmöglichkeiten im digitalen Medium verliert das analoge Bild seine Glaubwürdigkeit, insofern es im Übermittlungskanal bzw. Präsentationsmedium (z.B. Zeitung) nicht mehr vom digitalen Bild zu unterscheiden ist und damit dessen Manipulationsverdacht auf sich zieht. Auf diese Weise verhilft das ‘Medium der Lüge’ der Wahrheit zum Vorschein, indem es zur Skepsis gegenüber der behaupteten Wahrheit, d.h. der den Bildmedien immer wieder leichthin unterstellten dokumentarischen Seriosität ermahnt (vgl. hierbei auch Interview mit Pedro Meyer).

Somit ließe sich gewissermaßen ein Tausch der Wahrheiten konstatieren, wobei die Wahrheit des Indexikalischen (im Sinne C.S. Peirces) geopfert wird zugunsten zweier anderer Wahrheiten, die durch das 'Medium der Lüge' aufscheinen:

  • subjektive Wahrheit des Kreators (gesehene Welt / Wahrheit als höhere innere Wahrheit)
  • Wahrheit als Aufklärung über mediale Manipulation