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Digital Art and
Culture
Konferenz Nr. 3, Bergen/Norwegen 2.-4.
8. 2000
Bericht von Roberto
Simanowski
Das Web ist wohl das
erfolgreichste Start Up Unternehmen der letzten Jahre, und
es ahnen mittlerweile auch die Abstinenzler, dass ihnen
nicht viel helfen wird, sich noch am Neuen Medium vorbei in
die Rente zu mogeln. Das Web erwartet sie, sei es beim
Buchen einer Reise, sei es bei Bankgeschäften oder wenn
es ums Fernsehen geht. Soviel zu Digital Culture im weiteren
Sinne. Was gibt es sonst?
Der Frage, wie das Web Kunst
und Kultur verändert, geht die DAC
nach, eine Konferenz, "
where digital media writers,
artist, performers, theorists and designers meet." Von Espen
Aarseth (vgl. das Interview in dichtung-digital),
Autor des einschlägigen Buches "Cybertext: Perspectives
on Ergodic Literature" (1997), aus der Taufe gehoben, um die
digitalen Medien nicht nur aus technischer, sondern v.a. aus
ästhetischer Perspektive zu diskutieren, kann die DAC
inzwischen auf eine feste Community bauen, die sie selbst zu
schaffen geholfen hat. Was 1998 am Department of Humanistic
Informatics der Universität Bergen mit knapp 60
Teilnehmern begann, versammelte im Folgejahr am Georgia
Institut of Technology in Atlanta schon 180 Interessierte.
Die DAC 2000 bringt es, obgleich wieder weit ab vom
'Hauptquartier des Digitalen', mit 160 Anmeldungen zu keiner
schlechten Zahl. Neben illustren Teilnehmern wie Jay David
Bolter, Stuart Moulthrop, John Cayley, Mark Amerika, Simon
Penny, Rob Swigart und Nancy Kaplan, trifft man viele
Newcomer und Interessierte, die mitunter gar hier ihre erste
Begegnung mit Hyperfiction haben.
Seltsam allerdings ist der
Mangel an Kontinental-Europäern auf dieser
amerikanisch-skandinavisch-australischen Veranstaltung.
Bezeichnet dies einen entsprechenden Interessemangel oder
liegt der Grund im Heimspiel, das die Muttersprachler des
Englischen und selbst die wegen der Intransferabilität
ihrer Sprachen ans Englische gewöhnten Skandinavier bei
solchen Veranstaltungen haben? Dass die Konferenz aus den
Kinderschuhen ist, zeigt sich übrigens auch daran, dass
man nun nicht mehr nach Barschluss in Aarseths Haus endet,
immer noch diskutierend und trinkend, kaum mehr als drei
Stunden Schlaf vor sich. DAC 2000, so jene, die vom Anfang
an dabei sind, ist ruhiger geworden, und es ist kurz nach
Mitternacht, als sie es sagen, und viele sind in der Tat
schon im Hotel.
Mit der Betonung des
künstlerischen und geisteswissenschaftlichen Zugriffs
auf die digitalen Medien füllt die DAC genau das Loch,
das die seit 1989 stattfindende Hypertext-Konferenz gelassen
hat, nicht zuletzt durch ihre hohen Konferenzgebühren
(ca. 1000 DM), die faktisch nur gut bestallte
Technikdepartments oder Softwareentwicklungsunternehmen
schmerzlos zahlen können (vgl. dazu Francisco Ricoardo,
Chair des Publicity Kommitees der HT 2000, in
dichtung-digital).
Auf der wesentlich preiswerteren DAC (ca. 270 DM) geht es
nicht um halbautomatische Linkerzeugung für Glossare
oder die technischen Details konditionaler Verlinkung, hier
geht es um digitale Ästhetik und narrative Strukturen
in Computergames, um Zeit in digitalen Texten, Immersion und
Verfremdung und um Digital Humanism. Die Panels heißen
hier z.B. "PlayTime: Markers and Mechanisms of Time in
Hypermedia Literature", "eLiterature and eWriters", "Making,
Learning, and Curating Digital Arts", "Embodiment,
Hyperfiction, and Authorship" oder "Digital Arts, Politics,
and the Net". Die Foren behandeln hier Themen wie "What is
Research in Digital Arts & Design?", "Space, Place and
Time on the Net" oder "Critical Technical Practices". (Das
vollständige Programm mit den entsprechenden Abstracts
findet man auf der Homepage der DAC.)
Die theoretische Diskussion
ist das eine, die Vorstellung künstlerischer Projekte
das andere, worum es auf der DAC geht. Es ist bezeichnend,
dass alle Keynote-Speakers praktizierenden Netzkünstler
waren:
1. Mark
Amerika, der zum
Thema Rekonfiguration des Autors im Netz seine eigenen
Erfahrungen am Beispiel von Grammatron
(vgl. Besprechung
in dichtung-digital) und PHON:E:ME
(vgl. Besprechung
in dichtung-digital) einbrachte.
2. Victoria Vesna mit ihrem
Projekt Bodies
INCorporated, in dem
man sich einen virtuellen Körper zulegen, durch diesen
mit anderen kommunizieren und schließlich ihm beim
Sterben zusehen kann.
3. Simon Penny, der unter
dem Titel "Embodied Interaction and the Aesthetics of
Behavior" seinen charmanten Roboter Petit-Mal
vorstellte, der von seinem menschlichen Gegenüber nicht
ablassen will, sowie sein Projekt Traces,
eine telematische interaktive Installation, die den Besucher
in einer imitierten Höhle eine virtuelle Welt erleben
und durch Rückkopplungen zugleich gestalten lässt.
Andere Präsentationen
erfolgten in den Panels. Sehr interessant hier das
"Glitch"-Projekt,
dessen subversive Ästhetik mit den Error-Meldungen des
Webs beginnt sowie Noah
Wardrip-Fruins
Projekt "Impermanence Agent", das eine vorgegebene
Geschichte allmählich mit den Texten und Images der vom
User besuchten Websites überschreibt. Weiter
Präsentationen künstlerischer Projekte gab es in
den Abendveranstaltungen, wie etwa Alok Nandis The
shadow of the network,
eine hypertextuelle, grafisch sehr beeindruckende Geschichte
der obscuren Städte.
Apropos
Abendveranstaltungen: Ob die Rezeption am Eröffnungstag
im Zentrum Bergens, ob das Bankett am Folgetag auf einem der
umliegenden Berge, ob die Kreuzfahrt am Abschlussabend, die
Veranstalter hatten alles getan, um den entsprechenden
Rahmen zu schaffen für jene Gespräche, die
außerhalb der Plenarsitzungen geschehen und die
bekanntlich die wichtigsten sind. Die Stimmung unter den
Teilnehmern war super, der Conference Chair verpasste nicht,
dies schon am zweiten Tag kundzugeben.
So bleiben also keine
Wünsche offen? Es gibt sie durchaus und sie wurden
mitunter gleich zusammen mit den Visitenkarten ausgetauscht.
Für die nächste DAC gilt zu bedenken, ob man nicht
mehr Luft im Programm lassen sollte, ob man wirklich wieder
Parallelveranstaltungen durchführen will, die die
Teilnehmer ständig der Qual der Wahl aussetzen, und ob
man die Präsentationen nicht zur vorbereitenden
Lektüre vorher ganz aufs Netz legt, um in den Panels
die Zeit für Diskussionen zu reservieren, für die
auf der DAC 2000 regelmäßig die Zeit fehlte.
Vielleicht wären die drei Dreien eine Lösung, die
jemand am letzten Abend bei norwegischem Bier vorschlug:
Jeder hat 3 Minuten für seine Überlegungen, stellt
3 Fragen zur Diskussion in den Raum und bittet das Publikum,
3 weiterführende Fragen zum Thema zu finden. Diese
Variante würde vielleicht auch der Unart vorbeugen, mit
schicken PowerPoint und HTML-Präsentationen (oh ja, das
können nicht nur Unternehmensberater) dem gesprochenen
Text einen zweiten, geschriebenen zur Seite zu stellen (und
somit sich am gesetzten 20 Minuten-Limit vorbeizuschleichen)
oder, im schlimmsten Falle, und auch das gab es, den Mangel
an Substanz mit einer ambitiösen
Präsentations-Ästhetik zu
überspielen.
Als Jan Rune Holmevik, von
Espen Aarseth im Vorjahr mit gutem Gespür
erwählter Conference Chair, die DAC 2000 beendete,
dankte er noch einmal dem National Research Programm und dem
Humanistic Department für die finanzielle
Unterstützung der Konferenz. Kirsti Koch Christensen,
Rektor der Universität Bergen, hatte zur Eröffnung
betont, dass die Universitäten kein Hort des Alten
seien, wie das Vorurteil gehe, sondern neue Diskussionen zu
neuen Themen vorantreiben, wie die DAC zeige. Vielleicht
verhilft die Randlage Norwegens zu solch erfreulicher
Offenheit und sicher hilft dabei auch das Engagement und die
internationale Reputation solcher Leute wie Espen Aarseth.
Dass die Situation sich international etwas anders
gestaltet, war Ergebnis der Abschlussdiskussion "Critical
Technical Practices". Die Universitäten sind so
festgefahren, dass alles, was wir hier machen, viel zu
schnell für sie ist, resümierte Victoria Vesna,
die als Professorin und Leiterin des Department of Design
Media Arts at UCLA (University of California Los Angeles)
weiß, wovon sie spricht. Wir sollten, so ihr
Vorschlag, über neue Institutionen nachdenken.
Nun, wenn die vierte DAC im
Frühjahr 2001 in Providence, USA, an der Brown
University stattfindet, kehrt das Thema gewissermaßen
dahin zurück, von wo es, dank George P. Landow und
seiner Mitstreiter, einst seinen Ausgang in die
wissenschaftliche Welt genommen hatte. Da dieser Ort
für Amerikaner wieder leichter zu erreichen ist, kann
mit einer Verdopplung der aktuellen Teilnehmerzahl gerechnet
werden. Wie auch immer jene, die einst im Morgengrauen in
Aarseths Haus über die Zukunft digitaler Kultur
stritten, diese Vergrößerung bewerten werden, die
Entfamiliarisierung ist das beste Zeichen dafür, dass
diese Konferenz sich als Institution etabliert. Man darf
gespannt sein auf DAC 2001 und darauf, was Deutschland
tut, um auf diesem Feld nicht so sehr am Rande zu
stehen.
Ihr
Kommentar

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