Als Bill Clinton im
Juni 1998 das MIT (Massachusetts Institut of
Technology) besuchte, brachte er noch einmal den
Grundgedanken des National Research and Education
Network Programms seiner Regierung zum Ausdruck:
"Until every child has a computer in the classroom
and a teacher well-trained to help [
]
America will miss the full promise of the
Information Age." Ein Deutscher mag Clintons Worte
weniger begeistert aufnehmen als die Mitarbeiter
des MIT, die den Glauben an die Heilsamkeit der
Technik nicht nur teilen, sondern nähren. Alte
Ängste vor neuen Technologien kommen hier auf,
die möglicherweise dadurch bestärkt
werden, dass, einen E-mail-Anschluß
vorausgesetzt, einem beim Empfangen elektronischer
Dokumente noch immer die Fußnoten verloren
gehen.
Gewichtigere
Einwände gegen Technik im Unterricht
stützen sich auf entsprechende Erfahrungen
seit den 60er Jahren. Was man erleben konnte war
die Ersetzung des Lehrers durch den Computer, die
eine Standardisierung mit sich brachte, in der
nicht mehr auf die spezifischen Voraussetzungen und
Bedüfnisse des individuellen Studenten
eingegangen wurde. Im Sprachunterricht wurden
Computerprogramme eingesetzt, die das Lehrbuch
ersetzen und den Patterndrill intensivierten, womit
man wieder hinter die inzwischen entwickelten
Konzepte des kommunikativen, lernerzentrierten
Unterrichts zurückfiel. Selbst der
Literaturunterricht wurde computerisiert mit dem
höchst zweifelhaften Ergebnis einer
Reduzierung der Textinterpretation auf das
Multiple-Choice-Niveau.
Damit änderte sich im Grunde nicht viel mehr
an der traditionellen Lehrmethode, als daß
der Student nicht mehr in einem realen Klassenraum
mit realen Klassenkameraden einem realen Lehrer
gegenübersteht, sondern in einer
abgeschlossenen Konstellation mit einer Maschine
kommuniziert, was Stanley Aronowitz zu recht als
neuen Wein in alten Schläuchen beklagt
(120).
Wenn heute vom
Computer im Unterricht gesprochen wird, gehen die
Perspektiven weit über den soeben skizzierten
Einsatz hinaus. Es geht nicht mehr um
Mechanisierung, es geht nicht mehr um
Stimulus-Response-Aufgaben, es geht nicht mehr um
die passive Aktion des Studenten am Computer. Das
neue Schlagwort heißt Internet, die Projekte
tragen Namen wie Computer-Supported Intentional
Learning Environment (CSILE) (Scardamalia) und
Schulen ans Netz. Das Netz bzw. die Netze
werden als Unterrichtsmedium und Mittel der
Unterrichtsvorbereitung gesehen, ihre Funktion im
Schulkontext umfaßt E-mail-Kontakt,
Informationsbeschaffung, telekooperativer
Unterricht und digitales Publizieren.
Mit der Schaffung
der technischen Infrastruktur werden neue
Informations- und Kommunikationsmodelle
gefördert, die zugleich andere Lehr- und
Lernstrategien fordern. Die Stichworte lauten
konstruktives, kontextualisiertes und kooperatives
Lernen. Schon die Möglichkeit des Emailen
bietet edukative Sozialformen an, die zuvor
undenkbar oder schwer zu realisieren waren; so etwa
wenn Studenten einer amerikanischen und einer
finnischen Universität per E-Mail ihre
Interpretationen literarischer Texte (Millers
Death of a Salesman und Männers Snow
in May) austauschen und damit die unmittelbare
Erfahrung einer vom kulturellen Kontext des
Rezipienten je abhängigen Semantisierung des
literarischen Textes machen (Schwarz,
1995).
Aber die
pädagogischen Visionen gehen weit über
solche Art raum- und zeitentbundener
Unterrichtsgespräche hinaus. Sie zielen auf
eine ganz neue Art der Interaktion und
Kontextualisierung, auf eine ganz neue Art des
kreativiten Umgangs mit dem Material, die Losung
lautet: Hypertext.
Die
Erörterung, in welcher Weise diese spezifische
Form der Informationspräsentation als
pädagogisches Mittel eingesetzt werden kann,
ist das Anliegen dieses Aufsatzes. Ich gehe dazu
zunächst auf Definition und Funktionsweise des
Hypertexts allgemein ein (1) und skizziere die
Hoffnungen, die in der amerikanischen Diskussion
mit Hypertext verbunden werden (2). Nach einem
Exkurs zur Erziehungslehre Jean Pauls, der den
Hypertext in mancher Hinsicht vorwegnahm, (3) sowie
nach der Erörterung des Hypertextes als
Technologie einer konstruktivistischen
Pädagogik (4) stelle ich verschiedene
Hypertext-Projekte vor (5 und 6) und skizziere die
Nutzung einer einfachen Website im Unterricht
(7).
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