Dominoa. Text als Spiel als Werbung für Text? Dominoa ist ein Spiel
mit Textbildern, in dem es darauf ankommt, die 49
vorhandenen Textkarten aufzudecken, ohne dabei eine davon
zweimal anzuklicken. Die Aufgabe ist also, sich zu erinnern,
welche Karten bereits gelegt wurden. Anhaltspunkte
dafür sind die 7 Vergrößerungsstufen des
Textes (die größte lässt nur einen Teil
eines Buchstaben erkennen, die kleinste soviel Text, wie ein
Absatz hat) und sein Farbfeld. Jede der 7
Vergrößerungsstufen kommt in jeder der 7 Farben
nur einmal vor. Wer dies im Auge behält, wird alle 49
Karten nur einmal legen und damit eine Spielqualität
von 100 % erreichen. Insofern handelt es sich hier um ein
Aufpassspiel, das die 7 Bücher der 7
österreichischen Autorinnen, aus denen die Textzitate
genommen sind, als Staffage missbraucht. Der Text wird insofern zum
Schatten seiner selbst, zu einer Spielkarte, auf der er nur
hinsichtlich seiner Schriftgröße als Merkmal der
Unterscheidung bedeutsam ist. Andererseits bindet sich das
Erinnern automatisch an Assoziationen, die diese
'enttexteten' Textkarten auslösen. Im Falle eines
einzelnen Buchstaben bleibt das Erinnern noch an die
graphische Materialität des Buchstaben gebunden, im
Falle des Wortes >Schnee< erinnert man vielleicht
schon eigene Winternachmittage und fragt sich, was im
vorliegenden Text wohl mit dem Wort verbunden ist. Im Falle
kleinerer Vergößerungsstufen erhält man
einen Text, der schon seine eigene Geschichte erzählt.
In der Reihenfolge abnehmender Vergrößerung
beginnt der Text also, als Text zu wirken, wird die
Begegnung mit der Karte, als Textbild, zunehmend eine
mit dem Text. Aus dieser Perspektive zieht
dominoa allmählich in das Reich der Texte,
verwandelt seine Spieler allmählich in Leser. Dass man
nach der 14. aufgedeckten Karte Zugang zu den Texten hat,
aus denen die Textfragmente stammen, ermöglicht dem
neugierig Gewordenen die Kenntnisnahme des Kontextes.
Lässt er sich dabei weiter in den Text ziehen, mag er
schließlich zum Buch greifen, aus dem dieser
größere Textabschnitt wiederum nur ein Ausschnitt
ist. Was auf den ersten Blick als
Missbrauch des Textes erscheint, wirkt im zweiten wie eine
Werbeveranstaltung für ihn. Mit dem Event durch das
Event hindurch zum stillen Text, so könnte der Slogan
lauten. Allerdings ziehen einige Indizien diese Intention
der Autorinnen in Zweifel. 1. Die Wahrnehmung der Texte als
Texte im Sinne der Vermeidung von Wiederholung ist so gar
nicht möglich, da die Texte auf den Icons in der
Menuleiste nicht entziffert werden können. Das an die
Aussagen des Textes gebundene Erinnern kommt
zwangsläufig immer zu spät, nämlich erst,
wenn die Textkarte bereits in die Mitte geschoben und damit
lesbar wurde. 2. Die Farbleiste ermöglicht an der
Wahrnehmung der Texte vorbei recht sichere
Schlussfolgerungen darüber, welche Karten schon gelegt
wurden. 3. Wer ab Karte 14 dem Link von der Mittelfeldkarte
zum Muttertext folgt, wird erstens nicht unbedingt den
Kontext des eben Gelesenen vorfinden und zweitens für
seine Text-Neugier bestraft, denn das Spiel schaltet sich
dabei wieder auf den Nullzustand. Die Neugier auf den Text
kommt einem Raus im Würfelspiel gleich, die Interessen
des Spielers stehen denen des Lesers entgegen, statt dass
der Spieler allmählich zum Leser umerzogen wird.
Geht es in dominoa
also doch nur um das Spiel mit Texten? Ein Sakrileg,
schlimmer noch, als Beethovens Neunte in der Cocawerbung.
Die genannten Indizien sind nicht Beweis genug, sie
können auch einfach für Mängel in der
Konzeption stehen. Ideal wäre es freilich gewesen, wenn
der Nutzer in dem Maße zum Leser wird, in dem er ein
guter Spieler sein, also Kartenwiederholungen vermeiden
will. Aber auch so besteht, als Abschweifung, als Lesen der
Texte im Mittelfeld, nachdem die spielrelevante
Entscheidung gefallen ist, die 'Verführung zum Text'.
Die Antwort, ob dominoa für oder gegen den guten
alten Text arbeitet, ob es dem Buch Hohn spricht oder zu ihm
hinführt, wird letztlich jeder Spieler selbst geben,
indem er entweder wild durch die Textkarten klickt und dann
das Programm schließt oder am Ende der Frage nachgeht,
was denn die zitierte Autorin nun mit dem Wort
>Schnee< verbunden hat. |