www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski/15-Feb


"Beim Bäcker" - Collaborativ Sex und soziale Ästhetik

Die 1996 gestartete Webgeschichte "Beim Bäcker" wird wohl zu recht ein Veteran unter den kollaborativen Schreibprojekten genannt. Der Ausgangspunkt - eine Frau verspürt beim Bäcker plötzlich den Wunsch nach Kindern projiziert die sich einstellende erotische Phantasie auf einen Unbeteiligten im Laden - ist gesucht skurril und hat auch wirklich einige zum Mitschreiben angeregt. Es muss nicht betont werden, dass es in der Folge erotische Szenen verschiedenster Art gibt (die durchaus mit so ernsthaften Aspekten wie Frauenemanzipation und Rassismus gepaart sein können) und dass die Qualität der Beiträge recht durchwachsen ist.

Aber Mitschreibeprojekte sind v.a. wegen des Textes unter bzw. über dem Text interessant, spannend sind die Charaktere der Autoren, die Absichten, die diese mit ihren Beiträgen verfolgen, die Dynamik unter den Mitschreibenden. "Beim Bäcker" ist, wie die Beschreibung der Textfolge zeigt, ein ergiebiges Beispiel dafür.

Die Merkmale, die sich zumindest für dieses Schreibprojekt aufstellen lassen, lauten u.a.: Okkupation und Negation des schon Geschriebenen durch neue Beiträge, Egoismus im Kollektivismus, Verlagerung der Erotik von der Textebene auf das Verhältnis der AutorInnen, das Schreiben nicht in, sondern neben der Geschichte macht diese schließlich zum eigentlichen Gegenstand, die Demokratie des Schreibverfahrens verhindert das Gelingen des Projekts, aber auch dessen offizielle Beendigung.