Die 1996 gestartete
Webgeschichte "Beim Bäcker" wird wohl zu recht ein
Veteran unter den kollaborativen Schreibprojekten genannt.
Der Ausgangspunkt - eine Frau verspürt beim Bäcker
plötzlich den Wunsch nach Kindern projiziert die sich
einstellende erotische Phantasie auf einen Unbeteiligten im
Laden - ist gesucht skurril und hat auch wirklich einige zum
Mitschreiben angeregt. Es muss nicht betont werden, dass es
in der Folge erotische Szenen verschiedenster Art gibt (die
durchaus mit so ernsthaften Aspekten wie Frauenemanzipation
und Rassismus gepaart sein können) und dass die
Qualität der Beiträge recht durchwachsen ist.
Aber Mitschreibeprojekte
sind v.a. wegen des Textes unter bzw. über dem Text
interessant, spannend sind die Charaktere der Autoren, die
Absichten, die diese mit ihren Beiträgen verfolgen, die
Dynamik unter den Mitschreibenden. "Beim Bäcker" ist,
wie die Beschreibung der Textfolge zeigt, ein ergiebiges
Beispiel dafür.
Die Merkmale, die sich
zumindest für dieses Schreibprojekt aufstellen lassen,
lauten u.a.: Okkupation und Negation des schon Geschriebenen
durch neue Beiträge, Egoismus im Kollektivismus,
Verlagerung der Erotik von der Textebene auf das
Verhältnis der AutorInnen, das Schreiben nicht in,
sondern neben der Geschichte macht diese schließlich
zum eigentlichen Gegenstand, die Demokratie des
Schreibverfahrens verhindert das Gelingen des Projekts, aber
auch dessen offizielle Beendigung.