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Der
Wettbewerb, zu dem man sich übrigens nur per e-mail
anmelden konnte, war Bestandteil der ARTE-Abendreihe them@.
Diese berichtete seit dem 3. Oktober an vier Dienstagabenden
über die Entwicklung der neuen Technologien im Bereich
der Information und Biologie. Am Eröffnungstag der
Buchmesse hieß die Sendung passend: "Ausgelesen -
Buchmarkt und Internet". An diese Fragestellung war der
Literaturwettbewerb gekoppelt, der die neuen Technologien
zum Gegenstand und die neuen Medien zum Ort der
Auseinandersetzung machte. Die vorgegebenen
Wettbewerbsthemen lauteten:
- Schöne neue
Bücherwelt: Hier ging es um die Entwicklung von
Schriftstellern, Texten und die Veränderung des
Lese(r)verhaltens.
- Mein Pixel-Ich: Hier
hieß die Losung "Ich bin drin, also bin ich!
Oder?", die Stichworte waren: E-Business, Silicon Valley,
Start-Ups, Cyberkriminalität ...
- Das Gegennetz: Hier
waren die WWW-Helden des Underground gefragt, die gegen
den Mainstream anschrieben.
- Ich ist mein Klon: Das
zielte auf Biotech: "Der Ghostwriter ist der
Klon".
Preise wurden vergeben in
drei Kategorien: Kurzgeschichte/Essay, Innovation,
"Sonderpreis für kreative Nutzung der medialen
Techniken". Diese Reihenfolge ist zugleich Rangfolge, denn
in der Tat standen die Themen im Vordergrund und nicht ihre
digitale Aufbereitung. Insofern ist dieser
Liter@aturwettbewerb freilich kein Wettbewerb digitaler
Literatur und, da die Textsorte (Kurzgeschichte oder Essay)
offen blieb, auch nicht unbedingt ein Literaturwettbewerb.
Ein Experiment jedoch war er allemal, an dem sich, trotz des
kurzen Ausschreibungszeitraum von nur zwei Monaten, immerhin
40 Netizens beteiligten. Wie es in der Laudatio heißt,
unterschieden sich die deutschsprachigen Einreichungen von
den französischen Beiträgen "vor allem in der
Vielfalt der Formen"; während französische Autoren
auf den "klassischen" Essays und die Kurzgeschichte setzten,
fand man unter den deutschen Beiträgen neben der
Kurzgeschichte und Flash-Essays Mitschreibprojekte sowie
multimediale, technisch avancierte Werke. Die drei
Preisträger kommen aus allen drei Varianten.
Das Online-Tagebuch
tagebau
- Schreiben am Tag
von Sabrina Ortmann und Enno Peter hatte seine Autoren zum
Thema "Mein Pixel-Ich" mobilisiert und mit der entstandenen
Diskussionsform der potenzierten Dialogizität die Jury
vom netzspezifischen Charakter dieser
"Kommunikations-Community" überzeugt. Der
Innovationspreis also an das Kollektiv der Tagebauer, die
auch durch die Art und Weise der Diskussion zeigten, was ein
Pixel-Ich ist (Vorwort
zur Buchausgabe)
Urs Schreiber hatte mit
seinem Epos
der Maschine diesmal
mehr Glück als 1998 beim Pegasus und beim net_award
der Saarbrückener Stadtwerke. Die Jury lobte die
"technisch und ästhetisch sehr überzeugende
(Programmier)-Arbeit" sowie die "schönen und immer
wieder überraschenden Effekte". Und völlig zu
Recht: Dieses Beispiel der Überführung konkreter
Poesie ins Reich des Digitalen setzt in vielerlei Hinsicht
Maßstäbe und zeigt Perspektiven einer
intelligenten Nutzung technischer Effekte. Dass die
Bedeutung des eigentlichen Textes im Effekt seines Auftritts
innerhalb dieser Dramaturgie des Spektakels auch verloren
gehen kann, wurde in der Besprechung
des "Epos" schon diskutiert. Kein Thema für eine
Laudatio, aber Achtungszeichen im Hinblick auf künftige
ästhetische Orientierungen.
Bei Georgina Rotter, die mit
der Kurzgeschichte Nomen
Sub zum Thema "Ich
ist mein Klon" den Essay-Preis gewann, lag das Spektakel
wieder ganz im Text selbst statt in dessen
Erscheinungsweise. Georgina war der Versuchung gefolgt, die
von der Themenstellung ausgeht, und hatte eine SF-Geschichte
um einen Klon um 2033 geschrieben. Subtilität ist in
Zukunftsversionen, zumal in dystopischen, bekanntlich so
eine Sache. Georgina gab dem Genre die kräftigen
Farben, nach denen es ruft, und schrieb die Geschichte genau
so, wie auch ich so eine Geschichte geschrieben hätte:
der Klon als Arbeitssklave seines Originals und Herrn, der
Kindergarten mit den wartenden Klonkindern, die Klonimitate
im horizontalen Gewerbe (nun, hier hätte ich statt der
guten alten Monroe als Bezug mindestens Madonna
gewählt, wenn nicht gar Tank-Girl). Es gibt eine Sache,
der man gern weiter gefolgt wäre: Ein gefährlich
aussehender Mann entsteigt dem Bild, auf dem er eine
Menschenhaut und ein Messer in der Hand hält, und
begibt sich ins reale Leben. Auf dem Bild hinterlässt
er sein Klon. Ein gedankliches Präludium zum Komplex
der ästhetischen Imagination im Zeichen ihrer
biologischen Produzierbarkeit? Georgina überließ
es einem Vorbeikommenden, die Sache aufzugreifen und zu
vertiefen. Ein spannender Ansatz fürs nächste
Mal.
Ob es einen zweiten
Liter@turwettbewerb von Arte gibt, hängt freilich von
der Zukunftsfähigkeit der digitalen Literatur ab, die
wiederum auf Autorenkompetenz und Leserinteresse basiert. Da
beeindruckt der Optimismus des Mark Schieferdeckers, des
sehr jungen Geschäftsführers des Verlags
Junges-Lektorat, der in seinem Webessay
zum Thema "Schöne neue Bücherwelt" für die
apostrophierte "neue Literatur" gleich ein selbstgebasteltes
Beispiel gibt. Da hört man dann, wenn vom schlechten
Wetter die Rede ist, auch wirklich Regen, da markiert die
Musik, wenn das zu schnelle Motorrad sich der künftigen
Unfallstelle nähert, auch richtig die Gefahr. Mein
Lieblingssatz in diesem Essay lautet: "Literatur wird
billiger werden - natürlich nur finanziell betrachtet."
Mark scheint die Gefahr des Billigen so wenig zu bemerken,
wie das sarkastische Erbe der Huxleyschen Überschrift
von der schönen neuen Bücherwelt. Ich sehe schon
mit Grausen, wie in der "neuen Literatur" jede beschriebene
Handlung durch Töne und Bilder so vor Augen und Ohren
geführt wird, dass unsere Imaginationskraft
gänzlich abzusterben droht und nur noch das
Deutlichste, zum Aktionspreis Rausgeworfene Eingang findet.
Da seien weitere solcher Literaturwettbewerbe vor, die nach
Autoren suchen, welche sich der neuen ästhetischen
Möglichkeiten des Mediums bedienen, ohne in dessen
Fallen zu gehen. Johannes Auers tiefsinnige Parodie auf den
Hypertext, Das
Pferd am Handy,
scheint mir auf dem richtigen Weg zu sein und sei zum
Abschluss jedem wärmstens empfohlen, der mehr als
bloß zwei Groschen investieren will.
Ihr
Kommentar

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