Am Ende
ist das Pixel-Ich Fleisch und Blut, mit einem Weinglas in
der Hand und lauter freundlichen Worten zu lauter
freundlichen Leuten. Der 11. November, Café
Walden in Berlin, Prenzlauer Berg: Die virtuelle
Gemeinschaft des
Tagebaus trifft sich an realem Orte.
Das ist nicht neu, das passiert Chattern genauso wie MUDlern
und auch die Tagebauer trafen sich nicht das erste Mal. An
diesem Abend aber hatten sie einen handfesten Anlass: Der
Innovationspreis
des ARTE-
Liter@aturwettbewerbs
und die Lesung aus dem daraus entstandenen
Buchmanuskript.
Auf der Suche nach dem Wesen
der Neuen Medien hatte ARTE Anfang August 2000 einige
Schlüsselthemen in die Runde geworfen: Schöne
neue Bücherwelt, hieß eines davon, das auf
die Entwicklung von Schriftstellern, Texten und die
Veränderung des Lese(r)verhaltens zielte. Mein
Pixel-Ich, hieß ein anderes, mit der Losung:
Ich bin drin, also bin ich! Oder?" Ein drittes fragte
nach dem Gegennetz, den WWW-Helden des
Underground, ein viertes trommelte Ich ist mein
Klon und meinte Biotech. Zu den vier Themen gab es drei
Preiskategorien: Kurzgeschichte/Essay, Innovation und der
Sonderpreis für kreative Nutzung der medialen
Techniken". Der Innovationspreis also ging an die
Tagebauer, die Sabrina Ortmann und Enno Peter,
geistige und webadministrative Eltern dieses im November
1999 gestarteten Projekts, auf das Thema Mein
Pixel-Ich" hatten einschwören können.
Vom 16. August bis zum 17.
Oktober gab es im Tagebau Beiträge, die mit px
gekennzeichnet waren und sich damit in die vielstimmige
Erörterung des Pixel-Ich einschrieben. Damit dies auch
thematisch vielstimmig vor sich ging, trug jede Woche eine
konkrete Überschrift wie: Die Geburt einer
virtuellen Existenz", Identität im Internet" oder
Vom Cyberflirt zum Flamewar". Die Jury war von Form
und Ertrag der Themenbehandlung angetan und hob in der
Laudatio das Netzige des Projekts hervor:
Seine Innovationskraft erhält dieses literarische
Gemeinschaftswerk vor allem aus der Spannung, die durch Rede
und Gegenrede sowie die dazugehörigen Kommentare
aufgebaut wird, die so durch andere Kommunikationsformen,
wie z.B. Briefwechsel nicht erreichbar wären." Wie, so
fragt sich nun, bringt man das, was im Netz und durch das
Netz lebt, auf Papier. Und warum?
Auf letztere Frage gibt es
eine klare Antwort. Als der halbe Tagebau infolge
eines Server-Crash verlorenging, ward allen klar, wie fragil
das erschriebene Text-Netz ist. Nichts, so wußte man
wieder, ist sicher, wenn es nicht auf Papier existiert. Und
da es Preisgeld gab und da sich kaum einer der
Online-AutorInnen nicht auch gern gedruckt sähe, lag
die Entscheidung fürs Buch nahe. Der Versuch der
Rekonstruktion der verlorengegangenen Texte hatte zugleich
deutlich gemacht, dass viele ihre Beiträge direkt ins
Netz schreiben, ohne Back Ups und ohne anhaltender Arbeit an
Inhalt und Form. Diese Spontaneität der Textproduktion
ist symptomatisch für das Netz und verweist bereits auf
das Wagnis des Medienwechsels. Wird man Texten, die aus der
Dynamik einer Gruppe von Leser-Autoren entstanden sind,
außerhalb ihres ursprünglichen Mediums und
außerhalb dieser Gruppe etwas abgewinnen können?
Die Sperrigkeit des Vorliegenden ist nicht zu
übersehen. Es wird es schwer haben bei manchen Lesern.
Eine durchkomponierte Geschichte wird hier jedenfalls nicht
versprochen (und auch die Geschichtchen sind es nicht
immer). Eher das Dokument einer Suche, das v.a. hinsichtlich
seiner Authentizität besteht. Wer daran interessiert
ist, wird diese 200 Seiten mit Gewinn lesen. Wird er am Ende
wissen, was das Pixel-Ich ist?
Das erste Statement zum
Thema findet man wohl in der Suche dieser
Kommunikations-Community" selbst: Pixel-Ich sind
viele. Andere Antworten liefern die verschiedenen Texte der
verschiedenen Autoren und Autorinnen. Zum Beispiel die
Geschichte vom häßlichen und irgendwie
dümmlichen" Hilfsarbeiter Franz, den das Netz vorm
Selbstmord rettet. Denn das Netz ist ein großer
Gleichmacher und Ignorant, was Dinge angeht, die nicht als
Worte daherkommen. Im Netz ist man, was man tippt: Das
Pixel-Ich hat keine Pickel. Glaube? Betrug? Wer glaubt ihm
schon, wenn jemand sich als Papst in den Chat einloggt, wie
es einer der Texte durchspielt. Betrug gehört zur
Verabredung, Skepsis ist oberstes Gebot. Das Pixel-Ich
Nummer drei ist ein anderer.
Das fällt freilich
weniger auf, wenn es sich nicht gleich um den Papst handelt,
sondern einfach nur um Franz als rote Sophie. Der
Erfolg, den dieser damit bei den Männern hat, ist
durchaus problematisch: die glücklichen momente
als sofie kostete er aus, diese selbstbestätigung, die
er von den flirtpartnern erfuhr, riefen gefühle in ihm
wach, mit denen er nicht umgehen konnte, denn sobald sich
sofie verabschiedete, weigerten sich die gefühle auf
knopfdruck in die versenkung zu verschwinden und sie passten
einfach nicht in seine scheiss reale welt, wo er als nichts
dahinvegetierte" (8. Sept., 22:29 Uhr) Wohin mit dem
Gefallen daran, von Männern virtuell verführt zu
werden?! Hat der Vater nicht immer Homosexualität als
Schweinekram" verrufen! Das Pixel-Ich so
möchte man hier sagen ist eine Chance oder eine
Falle.
Aber auch Frauen leben als
Frauen im Netz. So etwa Lady Chatterley, die nach
einer unglücklichen Real-Life-Beziehung im Chat polygam
und im RL asozial wird. Lady Chatterley war Teil eines
virtuellen sozialen Gebildes geworden. Abends verließ
ich Kneipenrunden und Partys, um LC sein zu können. Das
Real Life ödete mich an wie meine Real-Beziehung." Die
vielen neuen Freunde online und die Angst, etwas zu
verpassen, in Vergessenheit zu geraten. Lady
Chatterley hatte Sex mit anderen Frauen und Männern im
Separé. Die Phanatsie macht mehr Spaß als die
öde Wirklichkeit." (22. Aug., 21:45 Uhr) Gegen den
letzten Satz hätten gewiss viele vieles zu sagen.
Interessant indess bleibt der Umstand, dass Ungesehene sich
hier mit Buchstaben verführen. Es gibt keinen Kuss im
Netz außer man schreibt es. Das Pixel-Ich ist, selbst
noch im Sex, Sprache.
Und weiter gehts. Da ist der
Net-Junky, dessen Sucht ihm die Arbeitstelle, Geld und
schließlich auch das Leben kostet. Da ist das
Familientreffen im virtuellen Raum, dieses Jahr im
französischen Landhausstil. Da ist die Anmache im ganz
realen Leben, die ihn in ihrem Zimmer enden lässt,
gefesselt am Stuhl, gescannt und uploaded auf
die Page der Hardcore-Camsuppliers: SM als Scan & Mouse.
Da ist der Homepagebastler, der jährlich 600 Hits hat:
wobei 360 von ihm selbst stammen (die tägliche Prüfung,
ob die Site noch da ist) und 200 von einem Fan. Wer aber sind die
restlichen 40!
Da sind jene, die mit ihren
verschiedenen virtuellen Identitäten
durcheinanderkommen und nicht mehr wissen, wo sie sich unter
welchem Namen eingeloggt haben. Das Pixel-Ich dies
das pragmatische Statement braucht eine
gute Buchführung. Andere wollen von multipler
Identität nichts wissen: Ich soll zweimal sein
seit ich unterwegs bin im netz? Ein realito und ein
virtualito? Und wenn ich mich aufs fahrrad setze und ein
paar km strample, bin ich dann schon dreimal? Ein realito,
ein virtualito und ein pedalito? Können wir nicht mal
auf den teppich zurückkommen?" (26. Aug., 00:20 Uhr)
Auch diese Rechnung ist zu einfach, und wir ahnen, welchen
Spruch McLuhan für beide Medien, Fahrrad und Netz,
parat hätte. Im Tagabau klingt der Einspruch so:
fazit 3: pixel-ICH angelt im unterbewußtsein und
taucht willentlich in gefahrvolle untiefen des eigenen
unbekannt." (12. Okt., 20:37)
Wieder andere rechnen
radikal ab und schließen sich selbst gleich mit ein:
Die Zukurzgekommenen, die Propheten ohne Jünger,
Kommunikationskrüppel und die ungefickten Jungfrauen
beiderlei Geschlechts, die Irrliteraten, die Jungmanager,
die Allein- und Selbstunterhalter, die Esoteriker und
Paranoiker, Egomanen und Kleinkunstdarsteller. Sie alle habe
ich eigentlich schon seit Jahren satt.
Ich weiß
auch nicht, warum ich da immer wieder reingehe, was ich da
eigentlich will. Ich gehöre irgendwie seit Jahren dazu.
Im Hintergrund singen sie Hotel California: >>You can
check out any time you like, but you can never
leave<<." (15. Okt., 01:14)
Das steht weit am Ende und
mag als Schlußwort gelten. Und Hotel California
ist ja in jedem Falle eine bessere Metapher für die
Gemeinschaft der Pixel-Ich als Thoreaus Walden. Das
einfache, schlichte Leben, entlang an seinen elementaren
Bedürfnissen, taucht zwar auch in diesen Texten
mitunter als Wunsch und Sehnsucht auf, aber jeder
Spaziergang über Stock und Stein ist einmal zu Ende
und zu Hause wartet die ganze Welt.
Ihr
Kommentar

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