Dramaturgie des Spektakels Das wesentliche Kennzeichen
der von Urs Schgreiber verfolgten Ästhetik ist die
Verwandlung von Text in Bilder. In der aktuellen Kontroverse
um die stattfindende Ablösung des Wortes durch das
Image als zentralem Bedeutungsträger ist je nach
Perspektive die Rede von der Überwindung des
Logozentrismus oder von einer umsichgreifenden
Dramaturgie
des Spektakels.
Proponenten können sich auf die lange Tradition
visueller Poesie berufen, die immer wieder versuchte, das
Wort auch graphisch bedeuten zu lassen: die
Labyrinthgedichte des Altertums, die Gittergedichte des
Barock oder die Experimente
des 20. Jahrunderts:
das kreuzförmige Kreuzgedicht "Cour de France" von Yvan
Goll (1944), die Windrose Eugen Gomringers, das
apfelförmige Gedicht "Apfel" von Reinhard Döhl
(1965), Ernst Jandls "Niagarafälle" usw. Im Reich des
Digitialen erlebt die visuelle Poesie eine Renaissance,
wobei man mit Robert
Kendall in der
Animation der Wörter durchaus ein Zugleich von
Visualisierung und Oralisierung / Performance sehen kann.
Dies ist zumindest der Fall, wenn im vorliegenden Werk die
Worte, die eine Frage vorbringen, dies auch graphisch
darstellen und sich dabei leicht hin und her bewegen, als
handle es sich um ein lebendiges
Gebilde. Die Worte erscheinen auf
einen der Mausklicks - einzeln, hintereinander - und
formatieren sich dann zu einem Fragzeichen, dessen Glieder
nicht ganz stillhalten können. Das Fragezeichen
läft in das Wort >Wahrheit< aus, das wiederum
durch seinen Hintergrund an einen Barcode erinnert und damit
die Assoziation hervorruft, es handle sich um eine Ware, die
man zu einem genau ausgewiesenen Preis erwerben
könnte. Aber damit nicht genug. Im
Wort Wahrheit versteckt sich eine Markierung, die auf den
Klick hin dazu führt, dass alle anderen Worte hinter
oder in der Wahrheit verschwinden. Als
schlüpften sie in die Wahrheit wie in ein Haus, das
Schutz bietet. Die konträre Lesart wäre die, dass
die Frage vom 'Label' Wahrheit gefressen wird (wobei in
diesem Fall das Fragezeichen hinter dem Wort sinnvollerweise
eher ein Ausrufezeichen hätte sein sollen). Wie auch immer man das
Verschwinden der Worte liest, man merkt bald, dass es nicht
lange anhält. Bewegt man nun die Maus - und man muss
dabei gar nicht klicken - folgt das Wort Wahrheit dem
Körser, gefolgt von jenen Wörtern, die sich nun
wieder zeigen. Hält man inne, verschwinden die Worte
in/hinter der Wahrheit, um auf neuerliche Bewegung erneut zu
erscheinen. Während jene Worte nun
also unabdingbar an der Wahrheit kleben, die wiederum am
Kurser klebt, können die anderen Funktionen weiterhin
aufgerufen werden: Man kann auf >Maschine< klicken und
diese wird den links stehenden Satz zusammendrücken,
man kann mit der Lupe die über den Bildschirm gleiten
und diese wird die versteckten Zeilen zum Vorschein bringen
- aber bei alldem bleiben die Worte, die vorher das
Fragezeichen bildeten, dem Begriff Wahrheit auf den Fersen.
Einmal aufgeworfene Fragen - so eine mögliche Lesart
des Spektakels - können nicht mehr einfach ausradiert
werden. Auf diese Weise entsteht ein
Chaos an Wortbewegungen auf dem Bildschirm, die deutlich das
Gefühl verstärken, die Dinge nicht unter Kontrolle
zu haben. Man muss an den Zauberlehrling denken, der die
gerufenen Geister nicht mehr los wird; ein Gedanke, der
durch den 'Klebe-Effekt' sehr gut etabliert wird und in
einem Epos der Maschine gewiss zur Requisite gehört.
Über den Link >Radar< im unteren Teil der Seite
entkommt man dem Ganzen schließlich. Die
vorgestellte Wort-Bild-Input-Interaktion ist beeindruckend
(Stuart Moulthrop entschied auf der DAC 2000 begeistert,
dieses Projekt unbedingt seinen Studenten vorzustellen). Die
Siginifikationsangebote, die hier auf der Hand liegen,
zeigen, dass die Dramaturgie des Spektakels nicht nur
leise, sondern auch tiefgründige Töne kennt. Wenn
es bei Schulte-Sasse mit Blick auf TV heisst, die
"Dramaturgie des Spektakels benutzt und vertraut kaum noch
der Sprache, um ihre Ziele zu erreichen. Dort, wo sie
vorherrscht, wird die Rolle der Wortsprache konstant auf
eine untergeordnete Hilfsrolle reduziert", so ahnt man nun,
wie eine Symbiose beider Sprachcodes aussehen kann. Der
technische Effekt, der eine Visualisierung ohne Images
vornimmt, lässt das Wort in doppelter Weise bedeuten.
Wir haben es im Grunde mit der
digitalen
Spielform konkreter Poesie
zu tun. Dies ist zugleich eine der
möglichen Gegenbewegungen zur andererseits
feststellbaren Entsemantisierung der Schrift innerhalb der
digitalen Ästhetik. Während in vielen Werken die
Repräsentationsfunktion der Schrift durch ihre
Zertrümmerung (zB. in Mark Napiers |