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Jens Runkehl, Peter
Schlobinski, Torsten Siever:
"Sprache und Kommunikation im Internet"
Rezension von Roberto
Simanowski
Dass das Internet das
Leitmedium dieses Jahrhunderts sein wird, ist so wahr, dass
man es schon nicht mehr hören möchte. Man kann ja
keine Lindenstraße und keine Tagesschau mehr sehen,
ohne im Werbeumfeld der Sendung auf die Versprechen der
digitalen Zukunft zu stoßen. Da gibt es
glückliche Menschen vor Computer, die ihr Leben online
organisieren und sich freuen, auch endlich drin zu sein.
WeWeWe-Punkt usw. ist zum Schlagwort einer Realität
geworden, die viele fragen lässt, ob sie es wohl noch
schaffen werden, sich an den neuen Medien vorbei ins
Rentenalter zu retten. Für diejenigen, die zu jung
sind, und für jene unter den älteren, die die
Reisen ihres Lebensabends online werden bestellen wollen
oder müssen, gibt es rettende Handbücher. "Sprache
und Kommunikation im Internet" von Jens Runkehl, Prof. Dr.
Peter Schlobinski und Torsten Siever ist eines
davon.
Der Titel lässt die
Konzentration auf ein akademisches Thema vermuten, und die
Seitenzahl von rund 200 mag den Eindruck der
Beschränkung verstärken. Man täusche sich
nicht! Links machen Bücher dicker; man liest mindestens
doppelt so lang, wenn man all den Verweisen folgt, aus denen
Bände wie diese naturgemäß bestehen. Zum
anderen: Was ist denn nicht Sprache und Kommunikation?!! Die
Autoren lassen schon durch das gewählte Cover - ein
Kompass über einer pixelligen Erdkugel - keinen Zweifel
daran, dass sie gründliche Orientierung bieten wollen.
Der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt denn auch, dass sie
sich viel vorgenommen haben: Da geht es um die Geschichte
des Internet ebenso wie um die zentralen
Kommunikationspraxen (E-Mail, Newsgroup, Chatgroups, MUDs,
Internet-Konferenz, WWW), da werden Online-Radio, Web-TV und
Online-Zeitschriften ebenso vorgestellt wie Literatur im
Netz, die Funktionsweise digitaler Märkte sowie
elektronische Werbung.
Dies alles geschieht jeweils
mit dem Anspruch, sowohl technisches Know how zu vermitteln,
wie soziologischer Kommentar zu sein. Ehe man erfährt,
wie die E-Mail-Kommunikation das menschliche Miteinander
verändert, lernt man, eine E-Mail-Adresse richtig zu
lesen, und erfährt, welche Zahlenkombinationen sich
dahinter verbergen. Zum Prinzip des Bandes gehört es,
dass dabei ausgiebig authentisches Material zur Illustration
angeboten wird, seien es E-Mails oder Passagen aus MUDs und
Chats (einschließlich eines chinesischen). Die Gebote
der Netiquette und der Chatiquette werden dabei ebenso
mitgeliefert wie eine hilfreiche Auflistung der Smileys
(wussten Sie, wie das Zeichen für Kuss aussieht?) und
Akronyme (hätten Sie >w4u< als >waiting for
you< entschlüsselt?). Daneben gibt es
Erklärungen technischer Begriffen (TCP/IP, Cache, CSS),
gibt es Cusiosa wie jene zur britischen Royal Mail, die
einen wesentlichen Mangel der E-Mail - die Voraussetzung
eines Computer - dadurch behebt, dass sie alle für ihre
Kunden eingegangenen Mails ausdruckt und in Briefform
zustellt.
Manche Leser werden den
Unterschied zwischen Provider und Online-Diensten freilich
schon kennen und sie werden auch den Hinweis, wie man seine
E-Mail mit einer Signatur versieht, bereits diversen
Handbüchern oder der Hilfefunktion des Mailprogramms
entnommen haben. Für andere, die technische Bücher
gewöhnlich nicht in die Hand nehmen, mag gerade solche
Information am Rande ein Gewinn sein und dazu führen,
künftig nicht nur über die "Aufweichung formaler
und grammatischer Regeln" in E-Mail-Kommunikation berichten,
sondern auch die eigene Mail endlich korrekt
verschlüsseln zu können. Gerade die praktischen
Hinweise - wie ein HTML-Code aussieht, wie man SMS vom
Computer verschickt, wie eine Suchmaschine bedient wird, was
die Symbole in der Navigationsleiste eines Browsers bedeuten
- machen das Buch sicher für viele attraktiv, wird so
doch neben den Informationen über Spache und
Kommunikation im Internet zugleich eine internetbezogene
Anwendungskompetenz vermittelt - und um die geht es
zweifellos letztlich zuerst.
Was die theoretische
Diskussion betrifft, so findet man eine Menge von Zitaten
und Verweisen auf andere Forschungen vor. Das ist dem Ziel,
einen breiten Überblick zu geben, völlig
angemessen, und man ist den Autoren auf jeden Fall dankbar
für die geleistete Lektüre und deren instruktive
Belege. Kommt man zu einem Thema, mit dem man sich schon ein
wenig auskennt, kann es allerdings geschehen, dass man sich
eine differenziertere Auseinandersetzung mit Sachlage und
theoretischen Beiträgen wünscht; so z.B. beim
Kapitel "Literatur im Internet".
Auf diesen 17 Seiten werden
zunächst einmal die neuen
Distributionsverhältnisse (der Texter zugleich als
Setzer, Drucker und Verleger) im Netz sowie der Hypertext
als neue Technologie der Datenstrukturierung vorgestellt.
Die anschließenden Diskussion der genuinen
Eigenschaften des Hypertextes springt allerdings ein
bisschen, als wolle sie sich die Diskontinuität des
Hypertextes selbst zu eigen machen. Von der Ausgangsfrage,
ob der Hypertext konventionell ist, und dem hier sehr gut
plazierten Hinweis Espen Aarseths auf die vielen gedruckten
Hypertexte lange vor der Ankunft des Computer, gelangt man
zu Ruth Nestvolds Auffassung, Hypertexte seien durchaus
konventionell, und zwar weil sie in der Regel klar
definierbare Anfänge und Enden besäßen. Dass
dem gar nicht so sei, entnimmt man einer Aussage Norbert
Gabriels - und man hätte auch auf den berühmten
Satz aus der wohl berühmtesten Hyperfiction, "Afternoon. A Story" von Michael
Joyce, verweisen können, die
Lektüre ende dann, wenn man sich im Kreis bewegt und
auf keine neuen Textbestandteile mehr trifft. Die Frage um
Anfang und Ende bleibt offen und die Autoren wollten hier
erklärtermaßen nicht den Schiedsrichter geben.
Sie lenken ein, man solle die Diskkussion in keine der
beiden Richtungen zu betont fortführen, sondern
vielmehr nach den inhärenten Qualitäten des
Hypertextes fragen. Der Vorschlag ist druchaus lobenswert,
nur verwirrt seine Plazierung und Einleitung: Mit der Frage
nach Anfang und Ende war man ja genau bei den
inhärenten Qualitäten des Hypertextes.
Aber man muss nicht lang auf
neue, ebenso spannende Aspekte warten. Im folgenden geht es
um die Eigenschaft des Links, durch den Verweis auf andere
Texte immer auch vom Text wegzuführen. Die damit
entstehende "zerfasernde Lektüre" kennzeichnen die
Autoren mit Christian Bachmann sehr treffend als Angst, mit
jeder Entscheidung etwas zu verpassen, und als Lesen, das
gleichzeitig Nicht-Lesen bedeutet. So richtig stimmt dies
freilich erst, wenn die Links - so wie das reale Leben - vor
irreversible Entscheidungen stellen, und genau dies tun sie
bekanntlich nicht. Vielmehr helfen Übersichtskarten,
farbliche Markierungen bisher besuchter Links sowie die im
Browser und in Hypertextprogrammen wie Storyspace
festgehaltene Linkhistorie, dass man den Faden nicht
verliert und schließlich doch noch zu den bisher
verpassten Texten gelangt.
Ebenso richtig ist der
Hinweis auf die diskursive Mitarbeit des Lesers am Text, den
er sich während der Lektüre erst zusammenstellt.
Hier scheinen die Autoren nun der Ideologie vom entmachteten
Autor auf den Leim gegangen zu sein. Hilmar Schmundts
kritische Frage, ob die Lektüre einer Hyperfiction
wirklich schon ein interaktives Erlebnis ist oder die Leser
sich nicht vielmehr "interpassiv" verhalten - wie
"Pauschaltouristen auf einem ferngelenkten Narrenschiff"-,
wird zu schnell verworfen. Schmundt formuliert mit
schöner Pointierung genau jene Einwände, die
inzwischen allerorten gegen die revolutionäre
Begeisterung der Anfangsjahre erhoben werden: Nein, der
Leser wird noch nicht zum Autor, nur weil er Textstücke
selbst kombiniert, und der totgesagte Autor ist vitaler und
machtbewusster denn je, wenn er durch die von ihm gesetzten
Links auch noch die Wege unserer Assoziationen vorzugeben
trachtet.
Was die Literatur im
engeren, fiktionalen Sinne betrifft, wenden sich die Autoren
schließlich Susanne Berkenhegers preisgekrönter
Hyperfiction "Zeit für die Bombe" zu und stellen
akribisch deren Vernetzung auf einer Doppelseite graphisch
dar. Diese beeindruckende Fleissarbeit wäre ein guter
Ausgangspunkt, die strittige Frage zu diskutieren, inwiefern
die Hyperfiction mit ihrem Verstoß gegen narrative
Grundgesetze überhaupt ästhetischen Genuss
bereiten kann. Für eine eingehendere Lektüre ist
in diesem Buch freilich gar nicht der Platz und so bleibt es
denn bei der Zitation von Allgemeinaussagen: dass eine
Hyperfiktion unterschiedliche Lesarten ermöglichen
sollte und dass man für Kunst im Internet noch keine
richtigen Bewertungskriterien habe. Hier hätte man sich
am konkreten Werk eine kritischere Diskussion
gewünscht, inwiefern unterschiedliche Navigation
unterschiedliche Interpretationen erzeugt und was dann
eigentlich der Gewinn dieser Variabilität ist. Solche
Erwartungen sollte man an breit angelegte Bücher wie
diesem freilich gar nicht erst stellen. Sie bleiben
Untersuchungen vorbehalten, die sich auf "Literatur im
Internet", genauer: auf "Literatur des Internet"
beschränken und dann nicht nur Raum für
Fallstudien haben, sondern auch für die Betrachtung der
neuartigen Allianzen zwischen den Sprachen Text, Bild und
Ton, die diese Literatur zunehmend kennzeichnen und die im
vorliegenden Buch noch unberücksichtigt
bleiben.
Die hier angemerkten
Desiderate wird freilich jeder tolerieren bzw.
übersehen, der sich zunächst einmal über die
verschiedenen Aspekte der behandelten Themengebiete
informieren will. Genau dies leistet der Band
vorzüglich. Die reichlichen Literaturhinweise und die
vielen Netzadressen (die durch eine Site
zum Buch
aktualisiert werden) laden ein, den Dingen gegebenenfalls
selbst tiefer auf die Spur zu gehen. Das Buch hat seine
Stärke darin, all jene Gebiete, die sich unter dem
Begriff Sprache und Kommunikation versammeln lassen,
'abzuscannen', und hält insofern das Versprechen des
Covers, Kompass zu sein, durchaus ein: Man weiß nach
der Lektüre sehr wohl, welche Fragen in welchen
Hinsichten zu stellen sind.
Mit der Vermittlung von
Grundwissen in technischer wie inhaltlicher Hinsicht wendet
sich das Buch v.a. an jene, deren Medienkompetenz hier und
da Lücken aufweist - also an die meisten von uns. So
sind ihm viele Leser sicher. Es bleibt zu hoffen, dass sich
darunter eine hohe Anzahl an Lehrern von Schule, Fachschule
und Universität befinden, damit diese den Reden ihrer
Schüler und Studenten wieder folgen können und
eine ungefähre Vorstellung davon haben, was es
eigentlich heisst, wenn es in der Werbung vor der Tagesschau
heisst: Schon drin.
***
Jens Runkehl, Peter
Schlobinski, Torsten Siever:
"Sprache und Kommunikation im Internet"
Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998
240 Seiten
Ihr
Kommentar

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