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Hack-Art*
Über das
Töten von Fröschen und Goldfischen
im realen und digitalen Leben
von Roberto
Simanowksi
Die Gewalt beginnt mit den
Fliegen. Wer nie den Fliegen die Flügel ausgerissen
hat, wer nie Ameisen zertrat oder Frösche bis zum
Platzen aufblies, der kennt die Schauder der Macht nicht,
die man selbst als Kind über Leben und Tod haben kann.
In manchen Kulturen wird das Problem verbrämt, indem
unangenehme Tiere Opfer der Handlung werden, wie etwa in dem
spanischen Kinderlied "La Cuceratscha" über die
Kakerlake, die nicht mehr laufen kann, weil man ihr die
Beine ausgerissen hat. Aber das ändert nichts an der
sadistischen Regung, derer man sich später mit
Schrecken erinnert, dann bemüht, sie zur Neugier, zum
Entdeckerdrang umzuerklären, einer positiven
Eigenschaft also, die halt mitunter zweifelhafte Wege geht.
Nun kommt die Neugier, die Gewalt als Kunst
zurück.
Im dänischen
Trapholt-Museum für moderne Kunst wurden am 28. Januar
2000 bei einer Ausstellungseröffnung zwei Goldfische in
einem Küchenmixer zerhackt. "Die Tiere", so Berit
Sörensen im Online-Journal celadon.Kulturnews,
"waren der lebendige Bestandteil einer Installation des
Künstlers Marco Ivaristti, in der elf Goldfische in den
Behältern von Küchenmixern herumschwammen. Durch
einfachen Knopfdruck konnten die Besucher die Mixer in Gang
setzen und so die Fische zerhacken. Was denn auch prompt
geschah." Man ist nicht erstaunt, dass die Polizei wegen
Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz gegen den
Museumsleiter ermittelt, und man hat auch erwartet, dass
dieser sich weigert, die Installation zu entfernen, weil es
sich hier eben nicht um Tierquälerei, sondern um Kunst
handle, die bestimmte gewalttätige Tendenzen in unserer
Gesellschaft offenbare. Die Frage ist, wessen
Gewaltbereitschaft eigentlich vorgeführt wird.
Die schnelle Antwort lautet:
Die des Künstlers. Wenn dieser die Tötung der
Goldfische in Kauf nimmt, um auf die Gewaltbereitschaft der
Gesellschaft hinzuweisen, ist dies zunächst einmal
zynisch. Aber, so die zweite Antwort, es ist mehr, es zeigt
auch den Zynismus des Publikums. In der Installation geht es
nicht einfach um die Tötung der Goldfische, es geht
darum, dies öffentlich zu tun. Man stelle sich die
Situation vor: Wie die Besucher vor den Mixern stehen, sie
allmählich begreifen, schockiert sind über das
Ansinnen, das Angebot der Macht, und bereit, jedem in die
Arme zu fallen, der den Fischen etwas zu leide tun will.
Zugleich wissen alle im Raum: Einer muss hervortreten und
zeigen, dass sich das Wasser wirklich rot färbt, wenn
man den Knopf drückt. Dieser eine wird sich als
Führer erweisen, nicht weil er sadistisch genug ist,
sondern weil er den Mut hat, es in der Öffentlichkeit
zu sein. Dieser eine und seine duldenden Zuschauer sind die
Geschichte, die der Künstler erzählt. Er zeigt
nicht, dass es Gewaltbereitschaft gibt -- dies wäre
banal -, er zeigt, dass es die Bereitschaft gibt, sich zu
ihr zu bekennen.
Dass der Künstler
für diesen Akt der Aufklärung den Tod der Fische
in Kauf nimmt, zeigt freilich auch die eigene
Gewaltbereitschaft und macht ihn zum Teil dessen, was er
kritisiert. Die Geschichte, die er erzählt, ist in
zweiter Hinsicht eine autobiografische. Ihre Aussage
über die erste Lesart hinaus ist das Motiv dieser
Gewaltbereitschaft des Künstlers: der Wille,
berühmt zu werden. Die Strategie, dieses Ziel zu
erreichen, ist gewiss problematisch, genau besehen mindert
sie aber den Fakt der Gewalt. Denn nun handelt es sich nicht
um die Neugier, um den kribbelnden Schauder, über Leben
und Tod zu bestimmen. Der Tötungsakt ist nicht das
Ziel, sondern das Mittel. Dieses rein pragmatische Motiv ist
insofern harmloser, als es Alternativen zulässt. Der
Künstler ist nur der Straßenräuber, der
einen am Leben lässt, wenn man ihm das Geld gibt. Der
Täter aus dem Publikum aber ist der Lustmörder,
mit dem man nicht verhandeln kann. Dies ist unabdingbare
Gewalt, die wirklich gefährliche. Davon erzählt
der Künstler; die toten Fische im Mixer sind die
bedrückenden Beweise.
Vergleichsweise harmlos ist
die digitale Variante dieser Installation:
das Zerhacken eines virtuellen Frosches. In diesem Programm
fordert ein Frosch in einem Mixer den Zuschauer bzw. User am
heimischen Computer auf, die Knöpfe des Mixers zu
drücken. Diese Installation auf dem Bildschirm
unterscheidet sich von der im dänischen Museum nicht
nur, weil es sich hier um keinen wirklichen Frosch handelt,
und weil die Gewalt gegen diesen unter Ausschluss der
Öffentlichkeit erfolgt. Ein dritter Faktor der
Milderung ist die Witzigkeit des technischen Effekts. Der
sprechende Frosch versetzt in eine Situation, die von Anfang
an im Zeichen des Unernstes steht. Die provozierende Rede
des Frosches an den Betrachter - was dieser so dumm schaue,
ob er sich etwa nicht wage, den Knopf zu drücken -, tut
ein übriges, um sich auf das Spiel der digitalen
Tötung einzulassen.
Wenn man in diesem Programm
auf den Knopf drückt, so erfolgt das in erster Linie
nicht aus Mordlust, sondern weil man die
Leistungsfähigkeit des Programms testen will. Man will
sehen, wie der virtuelle Vorgang in all seinen Stationen und
Aspekten (Drehung des Frosches, Wasserblasen,
Umdrehungsgeräusch) technisch realisiert wurde. Zum
anderen ist man gespannt, wie sich die freche Rede des
Frosches mit zunehmender Umdrehungsgeschwindigkeit
ändert. Die Neugier konzentriert sich also weniger auf
den Tod des Frosches an sich als auf die Umsetzung der
technischen Effekte sowie auf die sich wandelnde
Gefühlslage des Frosches angesichts der deutlich
werdenden Lebensgefahr. Wenn man hier darauf wartet (und den
entsprechenden Knopf dazu drückt), dass der Frosch von
den Messern erfasst und zerfetzt wird und das Wasser rot
färbt, dann liegt der Grund nicht im schaurigen
Gefühl des Tötens, sondern in einem recht
harmlosen literarischen und technischen Interesse.
Man mag den frechen Frosch
sympathischer finden als die realen, aber stummen
Goldfische, man mag deshalb einen Moment zögern, den
letzten, tödlichen Knopf anzuklicken. Aber man weiss
ja, dass man dem Frosch beim nächsten Durchlauf wieder
begegnen wird, und so sei für diesmal erlaubt, auch die
letzte Szene dieser interessanten Geschichte zu erfahren,
auch den letzten Effekt dieses makaberen Programms zu
testen. Der Schrecken angesichts des blutverschmierten
Abschlussbildes hält sich in Grenzen, denn wenn man mit
der Maus auf Play again? kommt, hört man, noch
vor dem Klick, den Frosch schon unheimlich cool Whow
rufen, das gleiche Whow, mit dem er zuvor bei
Stufe 4 seinen Wohlgefallen am Drehspiel ausgedrückt
hatte. Er ist also gar nicht tot, er hat sich im letzten
Moment retten können und einen Beutel voll Blut in den
Mixer geworfen.
Vergleicht man beide
Installationen, wird wohl eines der Grundprobleme der
digitalen Konstellation deutlich: der Mangel an Ernst. Der
digitalen Installation fehlt natürlich schon deswegen
das Gewicht der Goldfisch-Performance, weil es keine Zeugen
der Tötung und auch kein wirklich Getötes gibt.
Zwar wird man hier, im Gegensatz zur Goldfisch-Performance,
schließlich sogar mit der Todesangst des Frosches
konfrontiert. Aber wer angesichts der kurios wirkenden
Mahnung dieser animierten Zeichentrickfigur - "ok, joke is
over. Go to the hell!" - sich in der Tat eines Besseren
besinnt und den Mixer abstellt, belegt damit weniger
Tierliebe und Friedfertigkeit als die völlige
Verkennung der Situation; was an sich wieder belustigend,
wenn nicht bedenklich ist. (Vielleicht wurde aus diesem
Grunde im Programm gar nicht erst ein Schalter zur
Beendigung des Ganzen installiert.)
Das Motiv der
Gewaltbereitschaft scheint sich im digitalen Medium
zwangsläufig in das des Gimmick zu verwandeln. Und zwar
nicht nur, weil die Rede des Frosches selbst so angelegt ist
und weil es die postmortale Wiederholung gibt, sondern weil
das Medium den technischen Effekt betont. Noch die am Ende
neben dem Mixer niederfallenden, aufplatzenden 'Eingeweide'
des Frosches vermitteln nicht Ekel und Entsetzen, sondern
eher ein Schmunzeln ob der Art und Weise, durch
Programmierung visueller und akustischer Effekte die
angesprochene Situation digital zu simulieren. Hat der
Froggbender überhaupt eine Chance, über den
Klamauk hinauszugehen? Kann der Tod im digitalen Medium
überhaupt die natürliche Semantik auf sich ziehen
oder verkommt er zu einer Frage der technischen Umsetzung?
Vielleicht verweist der
Froggbender vor dem Hintergrund der realen und real
getöteten dänischen Goldfische auf ein
strukturelles Problem der digitalen Medien: Insofern sie die
Produktion technischer Effekte fördern und als genuines
Wesensmerkmal gewissermaßen auch fordern, entbehren
sie der existentiellen Wucht, die gut gesetzte Worte oder
eine bescheidene Melodie haben können. Eine These, die
gewiss skeptisch zu prüfen wäre. Manche Werke der
digitalen Literatur scheinen sie mit ihrem Akzent auf
animierte Bilder und sonstige Programmier-Ornamente und
Klick-Tricks durchaus zu bestätigen. Die Preisfrage
einer Akademie der digitalen Ästhetik könnte etwa
lauten, ob und inwiefern die Dispositive der digitalen
Medien die Disposition zur Betroffenheit tilgen. Auf die
Gefahr der 'Verlustigung' noch des Todes aufmerksam gemacht
zu haben, könnte die bedenkenswerte Botschaft des
Froggbender-Programmierers sein - wenn wir ihm, wie zuvor
Marco Ivaristti, denn eine solche Seriosität im Handeln
zugestehen wollen.
***
*Ich
danke Susanne Kunjappu, die in der Mailingliste
netzliteratur.de am 11. 3. 2000 auf die
Goldfischinstallation aufmerksam machte, und Oliver Gassner,
der daraufhin auf den Froggbender verwies. (back)
Ihr
Kommentar

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