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Norbert Gabriel: Kulturwissenschaften und Neue Medien.
Wissensvermittlung im digitalen Zeitalter

Rezension von Roberto Simanowski

Als Bill Clinton im Juni 1998 das MIT (Massachusetts Institut of Technology) besuchte, brachte er noch einmal den Grundgedanken des National Research and Education Network Programms seiner Regierung zum Ausdruck: "Until every child has a computer in the classroom and a teacher well-trained to help […] America will miss the full promise of the Information Age." Ein Deutscher mag Clintons Worte weniger begeistert aufnehmen als die Mitarbeiter des MIT, die den Glauben an die Heilsamkeit der Technik nicht nur teilen, sondern nähren.

Nun, es gibt Stimmen genug auch in den USA gegen die Computerisierung des Unterrichts, und es gibt Stimmen genug auch in Deutschland dafür. So hat Peter Glotz die Verweigerung der "Computer- and Media Literacy", schon vor mehr als zwei Jahren als die "'Bildungskatastrophe' der neunziger Jahre" beklagt und mit ähnlichen Worten wie Clinton gemahnt: "Was wir brauchen ist der Leptop in jedem Schulranzen." Glotz' Formulierungen waren ebenso auf die Pointe ausgerichtet, wie sie einer nüchternen Bestandsaufnahme entsprangen: "Im angeblich mythischen Jahr 2000 werden rund vierzig Prozent der Berufstätigen ohne die Beherrschung der Telematik nicht mehr auskommen. Wir aber fertigen die junge Generation ab: Lernt bei Nintendo, was ihr braucht." Was hat es auf sich mit den neuen Medien, welche Rolle können oder sollen sie im Schulsystem spielen?

Antworten dazu liefert ein Buch von Norbert Gabriel, das sich speziell an die Geisteswissenschaften richtet bzw. an die Kulturwissenschaften "als Disziplin, die sich von der ausschließlichen Konzentration auf Texte, Bilder und andere kulturelle Zeugnisse löst, um das komplexere Beziehungsgeflecht kultureller Zeugnisse zu erfassen" (S. 11).

Ausgangspunkt des Buches ist die Ankunft in der dritten Phase der neuzeitlichen Mediengeschichte: nach der ikonographischen Informationscodierung im Buchdruck und der anlalogen in Ton- und Bildmedien liegt mit dem Computer seit ca. 1940 die Möglichkeit digitaler Informationscodierung vor. Diese wird mit großer Sicherheit die früheren Medienbetriebsmittel mehr und mehr ersetzen werde (LP und Mikrofilm werden ebenso verschwinden wie zuvor Schellackplatte und Tonband), doch viele Kulturwissenschaftler, so Gabriels Anfangsvorwurf, scheinen diesen Wandel zu ignorieren. Da Kommunikation zunehmend über den Computer verläuft, bestehe die Gefahr, über kurz oder lang sich selbst von der Kommunikation auszuschließen.

Das Problem ist inzwischen freilich auch ein zirkuläres: wer gestern nicht die neuen Begriffe lernte, versteht heute kaum mehr, wovon mit ihnen die Rede ist. Gabriels Buch ist einerseits Einführung in diese für viele fremd und irritierend wirkende Materie und liefert andererseits zugleich die Gründe für eine solche Beschäftigung, indem es zeigt, "dass man den Computer nicht nur als Hilfsmittel bei der Erstellung von Texten und der Suche nach Literatur einsetzen kann, sondern dass die neuen Informationstechnologien auch neue Formen der wissenschaftlichen Arbeit und Kommunikation ermöglichen." (S. 9)

Als habilitierter Germanist, der einem zweijährigen Forschungsaufenthalt in den USA ein Informationsstudium anschloss, weiß Gabriel nicht nur, welchen Gewinn die digitale Präsenz eines literarischen Textes für seine qualitative Analyse bietet, er kann auch mit den ensprechenden technischen Details dienen. Nicht alle mögen die mit dem gleichen Interesse lesen, man wird unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob zur sinnvollen Arbeit mit dem Internet tatsächlich um den Unterschied zwischen ATM (Asynchronous Transfer Mode) und IP (Internet Protocol), also der paket- und der kreislaufvermittelten Informationsübertragung gewusst werden muss. Wer sich schon immer gefragt hat, wie das Internet eigentlich funktioniert, wird dieses Buch aber auch dann zu schätzen wissen, wenn es um SGML (Standard Generalized Markup Language), Browser, Schnittstellen, Betriebssysteme, Übertragungswege und Adressenstruktur im Netz geht. Wer diese Fragen nicht hat oder mit den Kurzerklärungen des Glossars schon zufrieden ist, kann die Abschnitte zu den technischen Aspektes problemlos überblättern.

Nach der Information über Möglichkeiten der Textformatierung und Texteditierung mittels Computer in Kapitel I (Zwischen Print- und Digitaltechnologien), macht Kapitel II (Vernetztes Wisssen - Hypertext) mit Konzeption und Aufbau von Hypertext-Systemem bekannt. Hier erfährt man, welche Verlinkungsmöglichkeiten der einzelnen Textsegmente es gibt, zwischen welchen Navigationsweisen zu unterscheiden ist (z.B. gerichtetes oder assoziatives browsing) und wie sich die Rolle von Leser (Zusammenstellen, Verändern und Weiterschreiben des Textes), Autor ('Verschwinden des Autors', kollaborative Autoschaft) und Text (Nichtlinearität, Zentrumslosigkeit) in Hypertext-Systemen verändern. Kapitel III (Wissen im Netz - Internet/Intranet) rekapituliert Idee, Geschichte und Grundlagen des Netzes und beschreibt die neuen Organisationsmöglichkeiten (virtuelle Bibliotheken) und Präsentationsformen (Electronic Publishing) des Wissens. Kapitel IV (Von der Print- zur Digitaltechnologie) diskutiert schließlich die pädagogischen Einsatzmöglichkeiten und institutionellen Konsequenzen.

Der Einsatz der neuen Medien im Unterricht, so Gabriels Feststellung, führt zu einer Individualisierung des Lernens und zielt durch die Vielfalt des Materials auf ein interdisziplinäres, konstruktivistisches Lernmodell, womit zugleich das kulturwissenschaftliche Anliegen des "strukturorientierten Wissens" und der "multikulturellen Kompetenz" unterstützt wird (S. 179 und 183). Es liegt auf der Hand, dass dabei auch die Rollen von Lehrenden und Lernenden neu definiert werden, und es war zu vermuten, dass dieser Umstand mindestens ebenso Hindernis darstellt wie das zu schmale Budget für die Bereitstellung der nötigen Technik.

In den Abschnitten über die organisatorischen Strukturen in Schule und Hochschule sowie über die politischen Implikationen des Schuleinsatzes der neuen Medien zeichnet Gabriel ein eher düsteres Bild. Neben den finanziellen Hürden für die Schaffung einer entsprechenden Infrastruktur (Computer-Laboratorien, Internetzugang) gibt es bürokratische (die Möglichkeit der Umwidmung von Sachmitteln in Personalmittel zur Produktion und Betreuung der HT-Programme z.B.) sowie kommunikative: die Schwierigkeiten, die Vertreter verschiedener geisteswissenschaftlicher Disziplinen, sowie Pädagogen, Programmierer und Mediendesigner zur projektbezogenen Zusammenarbeit zu bringen. Hier trifft sich der Diskurs der neuen Medien mit der Diskussion einer neuen Hochschulreform. Die "Verteidigung von materiellen und intellektuellen Besitzständen, von gewohnten Denkweisen und Verehaltensformen", so Gabriel, wirkt "lähmend auf die Effektivität und Innovationsfähigkeit." (S. 190)

Mit Blick darauf und auf die immense Bürokratisierung von Entscheidungsprozessen im universitären Bereich lautet das Resumee: "Es ist eine absurde Situation: in einer Zeit, die gerade Flexibilität und die Fähigkeit verlangt, schnell reagieren zu können, wird die Universität zu einem trägen Koloß." (S. 190f.) Die Hoffnung auf Änderung ist nicht zuletzt gerade an die Kommunikationswissenschaftler adressiert, die, "indem sie die Grenzen ihrer Einzeldisziplinen überschreiten, bei der Entwicklung der neuen Medien eine entscheidende integrative Funktion [haben]. Sie sollten sie nicht aufs Spiel setzen, indem sie - aus den verschiedensten Gründen (Technikphobie, Warnung vor dem Tod der Kommunikation usw.) die Impulse, die von den technischen Innovationen ausgehen, im wesentlichen den Computerwissenschaftlern überlassen." (S. 196f.)

Diese Warnung und Mahnung teilt das Buch mit so vielen Texten zum vorliegenden Thema. Es geht dabei nicht allein um die Finanzierung von bundesministerialen Initiativen wie Schulen ans Netz oder der Erneuerung von Hardware und Software an den Universitäten, um die Hochgeschwindigkeitsverbindungen des Internet 2 entsprechend nutzen zu können. Es geht um die Bereitschaft der Lehrer und Studenten, sich auf die mit dieser technischen Aufrüstung verbundenen neuen Formen des neuen Lernens und Wissens einzulassen.

Insofern dies die Gretchenfrage darstellt, hätte man sich an manchen Stellen des Buches eine ausführlichere und kritischere Diskussion der Konsequenzen gewünscht. So ist zwar plausibel, den Hypertext seiner Struktur der unendlichen Dezentrierung wegen "antihierarchisch und demokratisch" (S. 199) oder gar "anarchistisch" (S. 202) zu nennen und in der Navigationsfreiheit des Lesers eine Intensivierung seiner Verantwortlichkeit und seines Bewußtseins um Multivokalität und Relativität von Information und Wissen vorauszusagen. Aber gegen diese Perspektive gibt es ernstzunehmende Einwände, die nicht nur auf den Verlust der kontemplativen Geste im Klick-Verknüpfungsspiel der Links zielen. So erinnert etwa Myron C. Tuman an Dystopien wie Orwells 1984, wo der Totalitarismus sich gerade durch die Manipulierbarkeit der Texte äußert und gerade durch die ans Buch gebundene unbewachte Privatheit zwischen Leser und einem verläßlichen Text/Autor unterlaufen wird (Myron C. Tuman, Word Perfect: Literacy in the Computer Age [London 1992], Chapter 1).

Ein anderer Streitpunkt ist die 'Demokratie der Links'. Wenn hier mitunter beklagt wurde, dass die Ungewissheit über das Ziel der Links den Leser im Grunde noch stärker tyrannisiert, als es durch die Linearität des Buches der Fall war, ermöglicht die neuere Software inzwischen, diesem Vorwurf mit genauer Auskunft über die Adresse eines Links zu entgehen. Schwerwiegender ist ein anderer Aspekt, den Gabriel selbst am Rande erwähnt: "Da der zentrale Aspekt des Hypertextes auf der Verknüpfung liegt, hat die Tatsache, daß man etwas nicht aufnimmt und nicht verknüpft, erheblich größeres Gewicht als in der Printtechnologie." (S. 202)

Damit wird die 'Mechanik' der Intertextualität im Hypertext angesprochen. Die weiterführende Überlegung hätte sein können, dass im Setzen und Nichtsetzen von Links sich die anhaltende oder sogar gewachsende Autorität des Autors äußert, insofern dieser damit Intertextualitätsbezüge plakativ vorgibt, die im traditionellen Lektüreprozeß aufgrund der im Assoziationsfeld der Leser zur Verfügung stehenden gelesenen Texte durch diese selbst realisiert wurden. Diese Möglichkeit besteht zwar auch im Hinblick auf Hypertext, aber die strukturinhärente Akzentuierung der Verlinkung auf der Oberflächenebene fördert die Ablenkung von der internen Assoziationsarbeit durch die Wahrnehmung von und notwendige Entscheidung zwischen den Markierungen der Autor-Assoziationen.

Solche vertiefte Diskussionen, möglichst noch begleitet durch Untersuchungen des Rezeptionsverhalten im Umgang mit Hypertext-Systemen, sind freilich der zweite Schritt, der die Kenntnis der technologischen Grundlagen und der schulischen Einsatzmöglichkeiten voraussetzt. Norbert Gabriels Buch ist eine gute Vorbereitung auf diese Diskussion, nicht zuletzt durch seine fast 20 Seiten lange Sammlung von Internetadressen zu Textarchiven, Bibliothekskatalogen, Lexika, sprach-, literatur- und geschichtswissenschaftlichen Online-Zeitschriften.

Norbert Gabriel:
Kulturwissenschaften und Neue Medien. Wissensvermittlung im digitalen Zeitalter
Darmstadt: Primus Verlag 1997, 258 Seiten, DM 39.80

Die Rezension erschien zuvor in: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften 5/1999, S.746-748.

 


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