Susanne Berkenhegers "Hilfe" - Ein zielloser Wettlauf in 5 Fenstern Susanne Berkenheger hatte
schon mit ihrer Hyperfiction "Zeit für die Bombe"
(1997) gezeigt, dass sie weniger an Flash- und
Shockwave-Effekten als an der originellen Präsentation
von Text interessiert ist. Ihr neues, 1999 in Ettlingen
ausgezeichnetes Stück "Hilfe" folgt ganz diesem Prinzip
und offeriert sehr interessante Ideen der digitalen
Textdarbietung. Es ist ein reines, mit dem Kombinationseffekt der
Hyperfiction arbeitendes Textwerk, dessen Figuren in
kleinen Java Fenstern auf dem Bildschirm erscheinen. Die
graphische Choreographie des Textes, die auch die
Titelleisten der Java Fenster als zusätzliche Textebene
einbezieht, macht den Bildschirm zur Bühne und stellt
eine ganz eigene, faszinierende Art der kinetischen Poesie dar. Die Handlung trägt
phantastische Elemente, ist stilsicher erzählt und
dreht sich im Kreis. Jo wird aus dem Flugzeug geworfen und
trifft auf Ed, Pia, Lea, Max, die nun ihre verschiedenen
Hoffnungen im Hinblick auf Jo hegen. Im Grunde geht es
darum, mit wem Jo sich einlässt. Die Banalität
dieser Frage wird durch einen technischen Trick und durch
eine trickreiche Sprache aufgefangen. Recht schnell gelangt
man an Textstellen, die entweder Jo in das jeweils andere
Geschlecht verwandeln oder ihn/sie an den Ausgangspunkt
Flugzeug zurückführen, um den Fenstersturz und die
Begegnung mit Ed, Pia, Lea und Max zu wiederholen. Auf diese
Weise begegnet man allmählich schon gelesen Passagen,
die nun ein bisschen anders fortgeführt werden, wenn man nun
einem anderen Link folgt. Dies alles geschieht in einer dichten,
expressiven Sprache, die der Geschichte ein hohes Tempo
gibt. Die Frage ist allerdings,
wohin der Wettlauf führt. Auch nach mehreren
Durchgängen hat man das Gefühl, dass nur Spuren
gelegt werden, die sich dann aber im Sand verlaufen. Die
Topoi der Geschlechtsumwandlung und Asylbewerbung sowie die
Beziehungsgeschichten verlieren sich im Kombinationsspiel
des Werkes. Die bemerkenswerte Phantasie der Autorin
(hinsichtlich der Wortarbeit wie der technischen Effekte)
scheint kein Endziel zu haben. Es stellt sich die Frage,
ob dies eine Gefahr der zugrundeliegenden Technologie ist?
Führt diese zur Versuchung, sich dem Phantastischen zu
überlassen, ohne den Faden einer Geschichte
konzentriert zu Ende zu spinnen? Vielleicht ist die Erwartung einer Geschichte
mit einem wie auch immer gebrochenen Faden und einem Ziel schon falsch.
Das Unterwegssein ohne Ankunft wird ja oft gerade als Errungenschaft des Hypertextes
gesehen. Im vorliegenden Fall spürt man aber auch die Problematik
dieser Ziellosigkeit und das Bedürfnis nach einer Aussage. Man möchte in ein 'Genderswaping des
Urteils' flüchten und mit gleicher Sicherheit einmal
ausrufen: "Ein äußerst originelles Spiel mit
den Möglichkeiten der digitalen Textpräsentation als Wiederkehr des Ungleichen" - ein
andermal: "Die Flucht in Alternativen ist keine
Alternative"! |