Als
Ende 1989 die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit
noch auf den Ereignissen im früheren Ostblock lag,
publizierte
New Literary History. A Journal of Theory and
Interpretation einen Beitrag, der von einer ganz anderen
Revolution in einem ganz anderen Reich kündete. Richard
Ziegfeld machte unter dem Titel
Interactive Fiction: A
New Literary Genre? mit einer Neuerung auf dem Feld der
Literatur bekannt, die das literarische Feld schon deswegen
gründlich umwälzen sollte, weil sie sich ein Neues
in neuen Medien schaffte. (Ziegfeld) Was war mit
Interactive Fiction gemeint? Wie sah die zu
erwartende Revolution aus?
Die kurze Definition, die
Ziegfeld liefert, lautet: "Interactive fiction is literature
delivered via software rather than print books. Available
software permits options of three types: graphic/visual,
audio, and those that involve author/reader dialogue." (341)
Die eigentliche Interaktion erfolgt unter Typ 3 "The
author responds to reader responses. As authors iteratively
anticipate readers response and readers continue to answer,
dialogue develops." (347) , aber auch
Punkt 1 und 2 sprechen von neuen Möglichkeiten, die den
Autoren im Reich des Digitalen gegeben sind: Die Verbindung
von Text mit Bildern und Sound. Ziegfeld listet diese
Möglichkeiten pragmatisch und mit Blick auf
literarische Texte auf, wobei eine zweiachsige Tabelle (350)
zeigt, welche Softwareoption bei welchem literarischen
Element angewandt werden kann: Farbmarkierung z.B. für
Narration, Setting und
Tone,(1)
Zeichnungen für das
Setting,(2)
Audio für Character, Setting und
Tone,(3)
Interaction für Plot und
Theme.(4)
Die gegebenen
Einsatzvorschläge mögen ob ihres buchhalterischen
Eifers amüsieren, der vor lauter Anwendungssuche auch
schon mal die eigentliche literarische
Intention verpasst.(5)
Sie belegen aber recht schön die Visionen, mit denen
das literarische Schreiben im Angesicht der Neuen Medien
gekoppelt wurde. Dass sich daraus ein neues literarisches
Genre entwickeln würde, begründet Ziegfeld mit den
Notwendigkeiten neuer Produktionstechniken, neuer
ästhetischer Bewertungskriterien und einer
entsprechenden Schulung der Rezipienten allesamt
Indizien, so Ziegfelds Argumentation, für ein neues
Genre (359). Wie auch immer man die
Genrefrage handhaben will,(6)
unstreitbar ist, dass die hier prognostizierte Literatur
nicht mehr nur auf die Imagination eines
Vorgestellten durch die Kraft des Wortes abzielt. Farben,
Bilder und Töne nehmen dem Wort die Arbeit ab,
erweitern seine Ausdrucksmöglichkeiten bzw.
beschränken diese durch Auslagerung an visuelle und
akustische Elemente.
Interaktion ist dabei, wie
gesagt, nur ein Teilphänomen, und insofern hätte
Ziegfeld besser von Software-Fiction sprechen sollen,
da Software sowohl der Interaktion wie den audio-visuellen
Erweiterungen des Wortes zugrundeliegt. Dass diese
Erweiterungen auch der Begriff Literatur problematisch
erscheinen lassen, weiß Ziegfeld: "Is interactive
fiction a literary or a visual art form?" (370) Die Antwort
basiert auf Proportionen: Interactive fiction "addresses
language concerns with visible rather than oral words
that readers can contemplate for so long as they wish
and to wich they may return for further study. While
interactive fiction offers potent possibilities in the
visual realm, it presents a proportion of word in relation
to graphic device that sharply distinguishes it from the
visual electronic media. Thus, interactive fiction is the
first literary electronic form." (370)
Die Abgrenzung zu den
anderen visuellen Formen (Film, TV, Video, Software
Adventure Games) ist einsichtig für die Zeit, da sie
vorgenommen wird. Zugleich eröffnet das Argument der
Anteiligkeit den Weg für eine neuerliche Befragung
angesichts veränderter Ausgangsbedingungen. Heute, da
die 10. Jahrestage sowohl des Mauerfalls wie der
Wiedervereinigung hinter uns liegen und
Schlüsselbegriff wie Kommunismus oder Kalter Krieg
längst durch Multimedia und Internet
abgelöst wurden, bedarf Ziegfelds Beschreibung einiger
Zusätze und Korrekturen. Die Ankunft des Netzes und
dessen fortschreitende Multimedialisierung, die Robert
Coover, der bücherschreibende Künder vom Ende des
Buches (Coover 1992, vgl. Nuernberg), bereits zum Abgesang
auf den Literary Hypertext veranlasste (Coover,
2000), führen zu anderen Proportionsverhältnissen
und lassen fragen, inwiefern die Bestimmung von interaktiver
bzw. Software-Literatur noch medienintern erfolgen kann,
wenn der Gegenstand sich längst transmedial
verhält. Andere Fragen schließen sich an: Welche
Entwicklungen gab es seit Ziegfelds wegweisendem Artikel?
Wie steht es mit der wissenschaftlich reflektierten Kritik
des neuen Phänomens, der Ziegfeld bereits 1989 erste
theoretische und methodische Ratschläge ins Stammbuch
schreibt? Ich will im folgenden die vielen Begriffe, die
seit Ziegfelds Artikel entstanden sind und die zu nicht
wenigen Missverständnissen führen, erörtern
sowie die Aspekte einer wissenschaftlich reflektierten
Kritik des Gegenstandes diskutieren.
1
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2
- 3
- 4
- 5
(1)
"Recent color research suggests that color influences our
moods, so authors could use color to modulate tone.
Allusion: Poe could have used darker hues to set an ominous
tone. Writers interested in character studies could use
color symbolism to signal readers about a character's mood
shift." (352)
(2)
"Authors can develop maps to illustrate locations and
thereby enrich their settings. Allusion: Faulkner could have
provided numerous geographical maps to keep readers oriented
in his Yoknapatawpha saga." (351)
(3)
"Thomas Mann could incorporate Schoenberg pieces in Doctor
Faustus" (354).
(4)
"Authors might give readers random bits of dialogue to
assign to characters. The author could determine the order
(or logic) for the dialogue. This option would let readers
help 'write' for the dialogue. If readers were 'stumped' by
the dialogue challenge, they could request a solution that
reveals the author's idea about how the dialogue should
progress." - "
A prime example is the European journal
tradition represented by Max Frisch's Sketchbook, 1966-1971,
where Frisch asks the reader probing questions. Now, with
software, he could pose the questions and then respond with
individualized feedback tailored to that response."
(355)
(5)
So im Falle von Max Frisch, wo alle Antwort-Sammlung und
Antwort-Beantwortung dem Witz der gestellten Fragen
abträglich wäre.
(6)
Im Deutschen wird man fragen müssen, wie eng oder weit
der Genre-Begriff angewandt wird und ob nicht von einer
neuen Gattung oder gar Kunstrichtung zu sprechen sei. Vgl.
Beat Suter, der Hyperfiktion und interactive Fiction schon
im Titel seiner Dissertation als neues Genre vorstellt
(Suter) Hyperfiktion und interaktive Narration im
frühen Entwicklungsstadium zu einem Genre, Zürich
1999.