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Poeten-Pinnwand
digital
NULL
Thomas Hettches
Netz-Projekt als Buch
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Roberto
Simanowski
Am 1. 1. 1999 ging auf der
Website des DuMont-Verlages ein Projekt online, um als
Countdown auf den Jahreswechsel "Flaschenpost oder
Adventskalender des letzten Jahrtausendjahres" zu sein.
Unter den drei Dutzend geladener Autoren bekannte Namen wie
Marcel Beyer, Jan Peter Bremer, Johannes Jansen, Helmut
Krausser, Terezia Mora, Katrin Schmidt und Burkhard Spinnen.
Eine gute Ausgangslage also für die Aufmerksamkeit der
Medien, die denn auch nicht lang auf sich warten ließ.
NULL
avancierte zum Paradebeispiel für Netzliteratur:
Focus sprach von einem "Mammutprojekt der
Netzliteratur", die Badische Zeitung vermutete gar,
"daß NULL die Netzliteratur endlich aus ihren Windeln
bringt". Was machte diese 'Netzliteratur' aus?
Man könnte sagen: der
Ort ihrer Präsentation. Die Beiträge (kleine
Geschichten, Notizen, Kommentare zum Zeitgeschehen,
Zeichnungen, Gedichte) wurden in der Reihenfolge ihres
Eintreffens (zumeist als Email oder auf Diskette, mitunter
aber auch als Fax oder gar als handgeschriebene Postkarte)
in HTML-Format gebracht und ins Internet gestellt. Eine
sternbildförmige Sitemap hielt alles zusammen,
unterteilt noch einmal nach den entstandenen Themekreisen
wie Aufräumen, Krieg, Sommer, Herbstnotate, Endlos und
Nullung. Dieses Inhaltsverzeichnis mit aktiven Links zu den
angezeigten Beiträgen gab dem Projekt ein netziges
Outfit, wobei die Formel gilt: je später das Jahr, je
mehr Beiträge, je mehr Beiträge, je netziger das
Netz.
Kritische Berichterstatter
merkten freilich bald den Schwindel und monierten, dass die
Autoren an den Möglichkeiten des Mediums vorbei nur
aktuelles Rohmaterial und lang schon Liegendes
zusammentragen und Halbgares oder Banales durch die Aura des
Unmittelbaren adeln (Holm Friebe, Abfall von allen, BZ
4.3.99). Auch mit dem aufeinander Eingehen der Beteiligten
war es nicht weit her. Man freute sich, wenn man dem
Geisterfahrer von Dagmar Leupold dann auch bei Judith
Kuckart begegnete, insgesamt aber scherrte sich keiner viel
um das, was der andere schrieb - mit Ausnahme der Diskussion
um den Kosovo-Krieg, die von April bis Juli wirklich ein
Netz an Meinungen sichtbar machte.
Impresario Hettche war auf
solche Einwände vorbereitet, kamen sie doch auch aus
den eigenen Reihen (Krausser sprach enttäuscht von
einer Dichterclub-Pinnwand, Oswald zeigte Verdruss ob der
wenigen literarischen Brosamen, andere mutmaßten in
NULL eine Müllhalde für vom Lektor gestrichene
Texte). Im Vorwort der Buchausgabe räumt Hettche ein,
dass die Beiträge sich nicht so beeinflussten, dass
Motive nicht so aufgenommen und weitergesponnen wurden, wie
er es sich vorgestellt hatte. Trotzdem sieht er in NULL ein
neues, wegweisenden Öffentlichkeitsmodell. Und in der
Tat, die Transparenz des Produktionsprozesses kennzeichnet
NULL in hohem Maße (Nie zuvor waren die Leser so dicht
am Dichter, formulierte es der SPIEGELl).
So nimmt man Teil an der
Korrespondenz zwischen Autor und Herausgeber, erfährt
wie letzterer mal die eingesandte Datei wegen Unlesbarkeit
nochmals als RTF erbittet, ein andermal zum Text "BIST DU
BORG? Eine Zusammenfassung zu Donna Haraways Cyborg" die
Autorin zu einer persönlichen Stellungnahme ermahnt,
die dann, recht schulaufsatzmäßig getitelt, auch
kommt: "BIST DU BORG? Teil II. Sabine Scholl und ihr eigener
Standpunkt". Im externen Link zu Donna Haraways Website
sieht Hettche übrigens seine Vision von der
"Assimilation medialer Wirklichkeiten" erfüllt. Man
kann es gewiss so sehen; dass Sabine Scholl, wenn sie
über den 'Cyborg' Golem berichtet, nicht zu Mark
Amerikas berühmtem Hypermediaprojekt Grammatron
linkt, wo Golem
eine Hauptrolle spielt, zeigt, dass es in Sachen Assoziation
und Assimilation noch viel zu tun gibt.
Was die Verlinkung insgesamt
betrifft, so hat sie die Kinderkrankheiten, die man sich als
Neuling im Netz holen kann: Sie ist unbestimmt und
verleugnet überdies sich selbst. Das ist zumindest der
Eindruck, den die Buchausgabe vermittelt, wo die Links durch
Verweise am Rand eines Textes verkörpert werden. In
Brigitte Oleschinskis Beitrag vom 19. 4. etwa (S. 119)
verweist das Wort ratlos auf Schmidt 11. 2.
Und richtig, Katrin Schmidt hatte am 11. 2. einen Text
geschrieben, genaugenommen zwei, die sich von Seite 69 bis
73 erstrecken. Irgendwo dazwischen muss also etwas sein, das
auf ratlos hört. Der Link gibt da keine weitere
Rechenschaft über seine Existenz. Oder wollte er
performativ sein und durch diesen vagen Verweis den Leser
selbst ratlos machen? (In der Netzfassung führt der
Link zum ersten der Schmidt-Texte, was das Problem halbiert,
aber nicht beseitigt.) Dass dieser Link in der Sternenkarte
nicht auftaucht (denn Oleschinksis Text ist der Abteilung
Krieg zugeordnet, Schmidts Text hingegen der
Abteilung Aufräumen) lässt eine
Zweiklassengesellschaft der Links erkennen: Manche sind eben
mehr Link als andere, erstere dürfen sich auf der
Titelseite zeigen, letztere nur im Anhang. Oder soll man
zwischen Link und Assoziationen unterscheiden? Aber stehen
Links denn nicht für Assoziationen? Oder gibt es
Assoziationen verschiedener Ordnung: die
vordergründigen, die nebenbei geschehenen? Oder habe
ich hier was falsch verstanden?
Was nun den Vorwurf des
linearen Erzählens betrifft, antwortet Hettche mit
Leander Scholz selbstbewusst: "Unsere Synapsen sind die
besseren Hyperlinks". Der "Fama von der experimentellen
Netz-Literatur, die möglichst multimedial und
interaktiv zu sein habe", wird mit dem Bekenntnis zum
unhintergehbaren geradlinigen Erzählen begegnet, und
mit Harald Taglinger, der das Ende der Revolution ausruft:
"NULL ist die Abkehr von Glauben an das Internet" - "Die
Einsicht, daß es einer Online-Avantgarde nicht
bedarf." (9) Ganz in diesem Sinne deklariert Hettche
schließlich: "das Netz selbst ist das Dokument eines
Generationsbruchs. Die Zeit der Experimente, der
Link-Sammlungen und Selbstverlage im Netz ist vorüber.
Vielmehr führt es vor, wie sehr die Veränderungen
der Arbeitstechnik eine der Öffentlichkeit ist und die
der Literatur eine ihrer medialen Voraussetzungen. Davon
will NULL berichten." (17)
Da setzt sich NULL etwas
schnell an die Spitze einer Bewegung, die es gar nicht
überblickt, und widerspricht, ohne es zu merken, sich
selbst dabei. Natürlich verändert sich die
Literatur aufgrund ihrer medialen Voraussetzungen, und die
ästhetischen Abenteuer, die das Netz in dieser Hinsicht
parat hält, zielen idealtypisch auf das multilineare,
multimediale, kooperativ erstellte Werk. Genau dazu ist das
Unternehmen NULL nun allerdings ein recht schlechter
Auskunftsgeber. Es ist nicht das Symbol einer Generation von
Autoren, "für die erstmals die Rituale des Bleistifts
nicht mehr gelten" (17), wie Hettche im Editorial
unterstellt. All diese Texte hätten ebenso mit dem
Bleistift verfasst werden können - und auch Johannes
Jansens oder Peter Bremers handgeschriebene Texte sind eher
ein Schritt hinter die Schreibmaschine zurück als
über sie hinaus. Daran ändert auch nichts, dass
diese Texte dann im Netz nicht als Text (d.h. im
ASCII-Format), sondern als Bilder (d.h. in Pixelform)
präsentiert werden.
Wenn Bremer seine Texte
unter dem Titel "Postkarten an Thomas Hettche aus einem
fernen Jahrtausend" einschickt, scheint er - denn es ist
gewiss nicht vom 21. die Rede - damit sogar
ausdrücklich diesen Schritt nach vorn zu verweigern.
Ganz zu schweigen von seinen Meldungen über das
Familienglück auf dem türkischen Land - "Ach, mein
lieber Freund, wenn man sich richtig lieb hat, gibt es
keinen größeren Reichtum als Enge" -, die ganz
die Intonation des Bleistifts, wenn nicht der Feder tragen.
Hat denn keiner die kleine Palastrevolution bemerkt?
Ach was, der Herausgeber
kokettiert ja im Grunde genauso mit dem Alten, wenn er das
Buch in unaufgeschnittenen, ungebundenen Bögen
herausgibt. Und andere (Georg M. Oswald am 13. 12.) warnen
sogar vor Schriftstellern, die einen Netzanschluss haben:
Das lenke von der Vollendung des nächsten Romans ab und
führe zu zweifelhaften Texten im Zeichen einer "Poetik
des Vorläufigen". Oswald hält sich den Fluchtweg
offen, indem er die Warnung einer 3. Person in den Mund legt
- und sie ist angesichts seines Spotts über das
angeblich Netzige von NULL am 20. 9. gewiss als Ironie und
Provokation zu verstehen. Aber niemand widerspricht ihm,
schon gar nicht von Stefan Beuse (20.12.), der nach dem
Absturz seines Computers zu einer Olympia Monica
("Ich habe sie auf den Beifahrersitz gestellt und an jeder
Ampel angesehen wie eine Geliebte") konvertiert. Soviel zum
Verhältnis dieser Post-Bleistift-Generation zu den
modernen Aufschreiberitualen.
Andererseits ist NULL
durchaus Symbol einer neuen Generation von Autoren. Mag man
diese nun als Pop- oder @-Autoren bezeichnen oder nicht,
Fakt ist, dass sie den Meinungsträgern des
traditionellen literarischen Felds in jenes Reich
entfliehen, wo @ eine Schlüsselrolle spielt. "Zum
ersten mal trägt die Möblierung des
öffentlichen Raumes nicht mehr die Signatur einer
anderen Generation", schreibt Hettche im November-Editorial
(304): "Endlich muss ich Corino, Karaseck und Hamm und Hage
nicht mehr lesen." "Der Generationswechsel ist vollzogen",
ruft Hettche dann aus und fixiert im Anschluss ganz nebenbei
die Rolle, die NULL dabei spielte:
"In den ersten
[Fällen ?] literarischer Reflexion auf diese
Veränderungen haben sich in diesem Jahr
ästhetische Positionen und technologische
Entwicklung auf eine neue Weise verschränkt. Kein
Zufall, daß in der Nachfolge von NULL, dem ersten
Ort jüngerer deutschsprachiger Literatur im Netz,
gleich mehrere Foren von Autoren entstanden sind. Im
Pool
wie im Forum
der Dreizehn wird
lebhaft miteinander gesprochen, mitunter sogar
debattiert, ohne daß noch jemand auf die Idee
käme, dies mit den altbekannten Modellen
literarischer Öffentlichkeit - Stichwort Gruppe 47 -
in Verbindung zu bringen. Die Literatur reagiert
selbstverständlich und genau auf die medialen
Erschütterungen, indem sie wie immer schon ihr
Formenrepertoire erweitert." (305)
In der Stunde Null war NULL,
wird es einmal heißen: Man schreibt schon am
Gründungsmythos; bestes Zeichen, dass die ersten 60
Minuten längst rum ist.
Übergehen wir die
Aussage zum erweiterten Formenrepertoire und folgen wir
Hettches Hoffnung "nach dem Ende der Literaturkritik"
angesichts der Leserkommentare bei www.amazon.de. Die Kritik
der Leser, die Punktevergabe durch Laufkundschaft, die
Debatte der Autoren untereinander, das sind die Insignien
eines neuen literarischen Feldes, das nicht nur Karaseck,
sondern auch Iris Radisch die Deutungsmacht entreisst.
Verständlich, dass die alten Meinungsführer
zurückschlagen und, wie eben Radisch, in Projekten wie
NULL "Inzest auf Papier" wittern. NULL sei in seinen besten
Momenten eine literarische Talkshow, befand PETRA.
Genau das ist es, was andere
Talkshow-Aktivisten befürchten. Medienaneignung findet
als Generationskampf statt, auch wenn es nur um
Literaturkritik geht. Die Ansätze einer, wenn man so
will, interprojektionalen und intramedialen Literaturkritik
findet man in NULL durchaus, z.B. wenn Steffen Kopetzky am
6. 12. in NULL mit zielsicher gesetzter Pointe sich auf
einen Autor einschließt, der im Pool schreibt
(zum inkriminierten Gedicht gibt es einen Link, der
allerdings nicht weiterbringt). Schade nur, dass keiner
diesen Ansatz aufgreift, nicht einmal Kopetzky selbst, der
weitere Kritiken versprochen hatte, sich daraufhin aber nie
wieder - beleidigt ob der Mitachtung der anderen? - in NULL
meldet.
NULL als Zeichen einer neuen
Organisationsform von Literaten im Netz, Aufschein eines
"poetologischen Diskurses" (Georg M. Oswald) der
jüngeren Auteren über das Schreiben und die Rolle
der Neuen Medien dabei. Also ist es keine Netzliteratur? Man
muss den Kasus ändern: NULL ist nicht Literatur
des Netzes, sondern Literatur im Netz, so wie
es ja auch auf dem Buchdeckel steht. Davon gibt es freilich
eine ganze Menge, zum einen, weil das Netz am Schreibtisch
des Lektors vorbeiführt und den Zugang zur
Öffentlichkeit schon gegen ein paar Pfennige und simple
Formatierungskenntnisse erlaubt. Zum anderen, weil es
inzwischen als sexy gilt, drin zu sein. Hermann
Rotermund, Mitorganisator und Juryvorsitzender des von ZEIT
und IBM ausgerichteten Internet-Literaturwettbewerbs 1997
und 1998, resümiert in einem Interview
mit dichtung-digital
nüchtern:
"Die Entdeckung des
Internet als öffentlichen Previewer für die
eigene Kladde (im Falle von Goetz sogar
preisgekrönt) ist bislang nicht mit der Entdeckung
und dem Ausprobieren der spezifischen Möglichkeiten
digitaler Literatur einhergegangen. Web-Anthologien wie
'Null' waren und sind Sammelstellen traditioneller
Literatur, und es gilt wohl für eine Weile als chic,
dort mit einer Arbeit vertreten zu sein."
Nichts gegen die Etablierung
neuer Diskussions- und Präsentationsformen, aber
Literatur einfach deswegen Netzliteratur zu nennen, weil sie
im Netz vorliegt, ist so sinnvoll wie angesichts abgefilmter
Lesungen von TV-Literatur oder von einer
'Literaturverfilmung' zu reden. Trotzdem hält sich
gerade diese Definitionsvariante hartnäckig, nicht
zuletzt durch die Praxis der Berichterstattung, die aus
Mangel an besseren Informanten in NULL ein "Mammutprojekt
der Netzliteratur" sehen, das "die Netzliteratur endlich aus
ihren Windeln bringt".
Und doch, bei all dem
Ärger über Trittbrettfahrer, NULL ist trotzdem
oder gerade deshalb das Projekt, das die Netzliteratur aus
den "Windeln" bringen könnte. Die Auswahl von Autoren,
die erwiesenermaßen schreiben können und sich im
traditionellen literarischen Feld bereits einen Namen
gemacht haben, sorgte für eine Medienaufmerksamkeit,
die die Pioniere der eigentlichen Netzliteratur bisher nicht
herstellen konnten. Nun, da das Netz als Medium von
Literatur einmal in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit
gerückt ist, wird man sich fragen, ob das schon alles
war. Man wird sich fragen, ob der digitale Zustand des
Wortes nicht mehr Möglichkeiten eröffnet, als in
NULL gesehen. NULL könnte so für die deutsche
Netzliteratur die Funktion haben, die Stephan King mit
seinen Netz-Geschichten für die englischsprachige haben
könnte. Ob NULL auch so eifrig gelesen werden wird wie
Stephan Kings "Riding the bullet" oder "The Plant" wird sich
in den Antiquariaten zeigen, wenn man das Buch zur Hand
nimmt und prüft, wie weit es der Vorbesitzer
aufgeschnitten hat. Es gäbe einige Seiten zu nennen, in
die sich das Reinschauen unbedingt lohnt. Aber es bleibe den
Lesern überlassen, auf Entdeckung zu gegen und in
dieser "Anthologie des Internet" zu browsen, wie man es vom
Internet gelernt hat.
Ihr
Kommentar

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