www.dichtung-digital.de/2000/Tholen-10-Dez

Metaphorologie der Medien

Abstract (Englisch)

Georg Christoph Tholen

Streifzüge durch die Landschaft der zeitgenössischen Medientheorien bestätigen: Kontrovers wird diskutiert, was die Medien als Medien ausmacht und somit erst eine ‚eigenständige‘ Medienwissenschaft begründen könnte. Die Unsicherheit, ob die - alten wie neuen – Medien unsere Welterfahrung herstellen oder nur einrahmen, ob sie bloß nützliche Mittel der Kommunikation sind oder eine zweite Wirklichkeit eröffnen, welche die erste zu ersetzen oder gar aufzulösen imstande wäre, wird freimütiger als noch in den 80er Jahren debattiert.

Bei aller Vielfalt der Theorien und Methoden, die Mediengeschichte und – theorie in den letzten Jahren zum Angelpunkt ihrer Reflexion (und ihrer eigenen Institutionalisierung) machen, fällt auf, dass die Frage nach dem epistemologischen Ort der Medien mit der sich beschleunigenden Verbreitung des Computers als Medium virulent wurde. Es reicht anscheinend wegen der multi- oder intermedialen Durchlässigkeit des digitalen Codes nicht mehr aus, nur Kommunikationswissenschaft, Publizistik, Fernseh-, Theater- und Filmwissenschaft usw. in engen Fachgrenzen zu betreiben. Und da – spätestens mit dem sich globalisierenden Internet - die Unterscheidung zwischen (manipulativen) Massenmedien und (dialogischen) Einzelmedien, zwischen Sendern und Empfängern, zwischen Passivität und Interaktivität, brüchig wird, ist Grundlagentheorie kein Anathema mehr.

Doch eben diese ‚permissive‘ Sphäre des noch unausgeloteten Medienverbunds geht mit einer beinahe wuchernden Metaphorik und Unschärfe in den Begriffen einher, die die Medialität der Medien zu bestimmen versuchen: Ist das Medium Werkzeug oder Mittel der Kommunikation? Ist es Instrument der Erweiterung (oder Amputation) der menschlichen Sinne und Organe? Oder ist es ein flüchtiges Interface der profitablen Unterhaltung, hinter der sich der Geist der Rechen-Maschine verbirgt, der des Geistes des Menschen eigentlich nicht mehr bedarf? Vielleicht aber ist es gerade dieser unversöhnliche Widerstreit zwischen ‚eigentlichen‘ und ‚uneigentlichen‘, zwischen anthropologischen und instrumentellen Definitionen, der im universellen Übertragungszusammenhang elektronischer Medien zur Disposition steht. Medien übertragen Botschaften, Sichtweisen, Ästhetiken, aber sind – als Übertragung – nicht die Botschaft selbst. Die Übertragung - wie die Metapher - passiert als Sinnvorbehalt und Sinnaufschub. Das Medium ist vielleicht das, was den (jeweiligen) Sinnhorizont eröffnet, verschiebt und unterbricht. Die Konturen einer solchen Unterbrechung sind der Gegenstand einer Metaphorologie der Medien.

(Der Beitrag ist erschienen im E- Journal Zäsuren, Heft 1)


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