www.dichtung-digital.de/2001/04/22-Sandbothe

Pragmatische Medienphilsophie
Grundlegung einer neuen Disziplin im Zeitalter des Internet

Abstract der Habilitation von Mike Sandbothe  

Angesichts der zunehmenden Bedeutung, die den modernen Informations- und Kommunikationstechnologien in Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zukommt, steht die Frage nach den Medien ganz vorn auf der intellektuellen Agenda des 21. Jahrhunderts. Medienpsychologie, Mediensoziologie, Medienpädagogik, Medieninformatik und Medienökonomik gehören sowohl innerhalb ihrer jeweiligen Mutterdisziplinen als auch innerhalb des transdiziplinären Fächerverbunds der Kultur-, Medien- und Kommunikationswissenschaften längst zum professionellen Standard in Forschung und Lehre. Wie aber schon Hegel wußte, beginnt die philosophische Eule der Minerva "erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug." Eine systematisch ausbuchstabierte Medienphilosophie ist bis heute ein Desiderat der Forschung.

Mike Sandbothe macht in seinem Buch erstmals den Versuch, das unübersichtliche Feld medienphilosophischer Fragehorizonte hinsichtlich seiner Basiskoordinaten zu strukturieren. Dabei verfolgt der Autor ein doppeltes Forschungsinteresse. Zum einen exponiert er einen philosophisch weiten Medienbegriff. Dieser zielt auf die Verflechtungszusammenhänge, die zwischen sinnlichen Wahrnehmungsmedien (wie Raum und Zeit), semiotischen Kommunikationsmedien (wie Bild, Sprache, Schrift und Musik) und technischen Verbreitungsmedien (wie Stimme, Buchdruck, Radio, Fernsehen und Internet) bestehen. Zum anderen leistet der Autor einen Beitrag zu der Debatte, die gegenwärtig um die Aufgabenbestimmung der neuen Disziplin geführt wird. Er schlägt vor, Medienphilosophie nicht nur auf den institutionell eingefahrenen Pfaden eines theoretizistischen Wissenschaftsverständnisses als Fundamentaldisziplin zu verstehen. Statt dessen möchte er dazu anregen, das neue Forschungsfeld vor dem Hintergrund der Renaissance zu konzipieren, die der amerikanische Pragmatismus gegenwärtig in Erkenntnis-, Wissenschafts- und Sprachphilosophie erfährt. 

Als ‚theoretizistisch' wird ein professionalisiertes Verständnis von Medienphilosophie bezeichnet, für das die theoretische Reflexion auf die Möglichkeitsbedingungen der Erzeugung von Sinn und der Konstitution von Wirklichkeit zum akademischen Selbstzweck geworden ist. Eine medienphilosophische Ausbuchstabierung des Neopragmatismus führt demgegenüber zu dem Versuch, die medientheoretisch gewendeten Grundfragen der modernen Philosophie auf die soziopolitischen Handlungshorizonte zurückzubeziehen, von denen sich demokratische Gesellschaften leiten lassen. Sandbothes Plädoyer für eine pragmatische Medienphilosophie läuft auf den Vorschlag hinaus, den fast schon konfessionell anmutenden Glaubensstreit zwischen Medienrealisten und Medienkonstruktivisten durch die Frage aufzulockern, welche Medienepistemologie für demokratische Gesellschaftsformen angemessen ist. 

Um eine Antwort auf diese Frage zu geben, legt der Autor die Veränderungen frei, die unsere Mediennutzungsgewohnheiten im Zeitalter des Internet erfahren. Während im Gutenbergzeitalter vorwiegend realistische und im Fernsehzeitalter vorwiegend konstruktivistische Epistemologien Konjunktur hatten, macht Sandbothe deutlich, daß der Umgang mit dem Internet dazu beitragen kann, daß sich im Common Sense eine pragmatische Grundhaltung sedimentiert. Diese zielt weniger auf die abbildende oder konstruierende Erkenntnis als vielmehr auf die handelnde Veränderung von Wirklichkeit. Das Buch führt vor Augen, unter welchen bildungs-, medien- und wirtschaftspolitischen Bedingungen demokratische Kommunikationsverhältnisse verbessert werden können. Von zentraler Bedeutung ist dabei die breitenwirksame Ausbildung einer philosophisch anspruchsvollen Medienkompetenz.

 

Mike Sandbothe
Pragmatische Medienphilsoiphie
Grundlegung einer neuen Disziplin im Zeitalter des Internet
Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2001
etwa 240 Seiten, voraussichtlich DM 49,-


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