Mike
Sandbothe macht in seinem Buch erstmals den Versuch, das
unübersichtliche Feld medienphilosophischer
Fragehorizonte hinsichtlich seiner Basiskoordinaten zu
strukturieren. Dabei verfolgt der Autor ein doppeltes
Forschungsinteresse. Zum einen exponiert er einen
philosophisch weiten Medienbegriff. Dieser zielt auf die
Verflechtungszusammenhänge, die zwischen sinnlichen
Wahrnehmungsmedien (wie Raum und Zeit), semiotischen
Kommunikationsmedien (wie Bild, Sprache, Schrift und Musik)
und technischen Verbreitungsmedien (wie Stimme, Buchdruck,
Radio, Fernsehen und Internet) bestehen. Zum anderen leistet
der Autor einen Beitrag zu der Debatte, die gegenwärtig
um die Aufgabenbestimmung der neuen Disziplin geführt
wird. Er schlägt vor, Medienphilosophie nicht nur auf
den institutionell eingefahrenen Pfaden eines
theoretizistischen Wissenschaftsverständnisses als
Fundamentaldisziplin zu verstehen. Statt dessen möchte
er dazu anregen, das neue Forschungsfeld vor dem Hintergrund
der Renaissance zu konzipieren, die der amerikanische
Pragmatismus gegenwärtig in Erkenntnis-, Wissenschafts-
und Sprachphilosophie erfährt.
Als theoretizistisch'
wird ein professionalisiertes Verständnis von
Medienphilosophie bezeichnet, für das die theoretische
Reflexion auf die Möglichkeitsbedingungen der Erzeugung
von Sinn und der Konstitution von Wirklichkeit zum
akademischen Selbstzweck geworden ist. Eine
medienphilosophische Ausbuchstabierung des Neopragmatismus
führt demgegenüber zu dem Versuch, die
medientheoretisch gewendeten Grundfragen der modernen
Philosophie auf die soziopolitischen Handlungshorizonte
zurückzubeziehen, von denen sich demokratische
Gesellschaften leiten lassen. Sandbothes Plädoyer
für eine pragmatische Medienphilosophie läuft auf
den Vorschlag hinaus, den fast schon konfessionell
anmutenden Glaubensstreit zwischen Medienrealisten und
Medienkonstruktivisten durch die Frage aufzulockern, welche
Medienepistemologie für demokratische
Gesellschaftsformen angemessen ist.
Um eine Antwort auf diese
Frage zu geben, legt der Autor die Veränderungen frei,
die unsere Mediennutzungsgewohnheiten im Zeitalter des
Internet erfahren. Während im Gutenbergzeitalter
vorwiegend realistische und im Fernsehzeitalter vorwiegend
konstruktivistische Epistemologien Konjunktur hatten, macht
Sandbothe deutlich, daß der Umgang mit dem Internet
dazu beitragen kann, daß sich im Common Sense eine
pragmatische Grundhaltung sedimentiert. Diese zielt weniger
auf die abbildende oder konstruierende Erkenntnis als
vielmehr auf die handelnde Veränderung von
Wirklichkeit. Das Buch führt vor Augen, unter welchen
bildungs-, medien- und wirtschaftspolitischen Bedingungen
demokratische Kommunikationsverhältnisse verbessert
werden können. Von zentraler Bedeutung ist dabei die
breitenwirksame Ausbildung einer philosophisch
anspruchsvollen Medienkompetenz.
Mike Sandbothe
Pragmatische Medienphilsoiphie
Grundlegung einer neuen Disziplin im Zeitalter des
Internet
Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2001
etwa 240 Seiten, voraussichtlich DM 49,-
home