www.dichtung-digital.de/2001/05/06-Simanowski

Transmedialität interaktiv
Christa Sommerers und Laurent Mignonneaus "Verbarium"

von Roberto Simanowski

Wollten Sie schon immer wissen, wie das Wort Frühling oder Bürgerkrieg gemalt aussieht? Beim Verbarium erfahren Sie es. Tippen Sie im linken Fenster das Wort ein und klicken Sie auf send - in zwei, drei Sekunden erscheint ein dreidimensionales Gebilde in Grün. Ihr Wort ist Form geworden und wird nun den anderen Wort-Formen der anderen User im rechten Fenster hinzugefügt. Dort gibt es schon einen ganzen Urwald an Wörtern. Ein Mitschreibprojekt der besonderen Art also. Wie man bald merkt: eins, das völlig einsam macht.



"In VERBARIUM funktioniert Text wie genetischer Code zur Schaffung dreidimensionaler Formen." So heisst es in der neunsprachigen Selbstvorstellung. Und in der Tat, der Effekt ist faszinierend: Aus Buchstaben werden Bilder, die an bereits transformierten Wörtern anwachsen. Dahinter steckt eine Java-Programmierung, die nicht gezeigt wird und die wir wahrscheinlich sowieso nicht verstehen würden. Bleibt die Frage: Welchen Text?

Was unten links getippt wird, wächst oben rechts an.

Warum nicht Frühling oder Bürgerkrieg?! Man sehen, wie das Programm mit so gegensätzlichen Dingen umgeht. - Nun, es hat keine Probleme damit. Denn es wird nicht das eine Zeichensystem - Sprache - in ein anderes - Bilder - übertragen, es wird die Bedeutung der Ausgangszeichen ignoriert, um bedeutungslose Zeichen daraus zu machen. Man kommt mit einer simplen Versuchsanordnung dahinter: Man gebe jeweils die Begriffe einer, viele, EINER, one, many ein.


Wo einer mehr ist als viele.

Das Ergebnis: Die Formen zeigen zwar Unterschiede, aber die lassen sich nicht auf die Bedeutungsdifferenzen zurückführen - bei one und many ist das Gebilde zum Singular z.B. vielgestaltiger als das zum Plural. Die Wörter sind nicht mit ihrem Zwilling in der andern Sprache identisch, und im Grunde nicht einmal mit sich selbst: zwar führt einer immer zum gleichen Bild, aber EINER ist schon was ganz anderes. Die Transformation folgt allein der Materialität der Zeichen. Die auf der Oberfläche effektvolle Programmierleistung ist inhaltlich nicht sehr tief. 

Kollektiver Un-Sinn

Mit dieser Einsicht liest man den zweiten Teil der Selbstvorstellung schon skeptischer: "Alle Formen zusammen bilden ein kollektives dreidimensionales Bild [...] ein virtuelles und interaktives Herbarium (=VERBARIUM)" Worin besteht das Kollektive, worin das Interaktive? 

Die Interaktion besteht zunächst in der Möglichkeit, auf die Teile des Verbariums zu klicken und so im linken Fenster wieder den Text zu erhalten, der den grünen Gebilden zugrundeliegt. Ein recht halbherziger Effekt, denn die entsprechende Form löst sich nicht aus dem Hintergrund heraus, so dass das Bild zum Text keine Konturen annimmt. Die sprachlichen Spuren der Vorgänger am 20. März 2001: "vhhgdetyopmpjimyufrktet [...]", "kill and distroy hjjjjfdkljdlkjgkdg [...]", "kill evriwone", "me abd em / you and uoy / ----------- oyoyoyoyoyoyoyoyoyoyo / you and uoy / me abd em datdatad" und "Hej". 

Einige Einträge zeigen unverkennbar die gleiche Handschrift. Man steht offenbar einem recht kleinen Kollektiv gegenüber. Der Mitteilungsgehalt dieser Autoren besteht in nicht viel mehr als Fingerübungen auf der mittleren Keybordleiste und kryptischen bis aggressiven Ausrufen. Möchte man da wirklich Mitglied sein? Aber selbst wenn die sinnvollen und persönlichen Aussagen stärker vertreten wären - bei einem früheren Besuch fand ich "we need red smiles" und gar eine ganze Geschichte: "orange julips in the afternoon, waiting for Danielle to put down her umbrella and find a seat, I am not lonely now only a little hot in the sun." -, selbst kommunikativere Textvorlagen würden den Kollektivgedanken nicht wirklich vermitteln, aus mehreren Gründen: 1. Die hinterlassenen Spuren sind anonym. 2. Sie gehen nicht aufeinander ein. 3. Auch im Projektumfeld fehlt jedes Zeichen einer Gemeinschaft: kein Gästebuch, kein Forum, kein Newsletter. 4. Jeder neue Eintrag legt sich als Front-Layer auf die vorangegangenen und wirft den letzten raus; im Grunde kann einer mit 10 Eingaben alle Hinterlassenschaften der anderen tilgen und das Verbarium vollständig übernehmen. Entkollektivierung; Despotismus statt Demokratie.

Einsamkeit und Postkarten

So sehr das Projekt auch einen organischen Eindruck erweckt, es ist in kollektiver und kommunikativer Hinsicht recht unfruchtbar. Im Grunde gibt man nur rasch irgendeine Buchstabenfolge ein, um die Transformationsleistung zu testen. Das bewegende Moment des Projekts ist nicht die Botschaft seiner Teilnehmer, sondern die Leistung seiner Programmierer, die allerdings ihren Respekt verdient. Das Projekt wird zum Anlass eines Events, was es mit anderen Mitschreibprojekten wie etwa dem Assoziations-Blaster ja teilt. Aber anders als dort ist dies kein Event zwischen Leuten, sondern zwischen einem selbst und dem Programm im Hintergrund, das glatte, kalte Gebilde auswirft. Das bläst einem die Einsamkeit im Netz und im Leben noch einmal so richtig um die Ohren. - Sollte dies Absicht gewesen sein? Ein Mitschreibprojekt, das die Illusion virtueller Gemeinschaften demontiert? - Wie auch immer; wenigstens kann man aus der Wüste Karten schicken, Screennshots mit sprechenden Blumen, auf denen Ich liebe dich steht, oder eben: Es ist aus.


Die Sprache der Blumen. Welche sagt was?


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