"In
VERBARIUM funktioniert Text wie genetischer Code zur
Schaffung dreidimensionaler Formen." So heisst es in der
neunsprachigen Selbstvorstellung. Und in der Tat, der Effekt
ist faszinierend: Aus Buchstaben werden Bilder, die an
bereits transformierten Wörtern anwachsen. Dahinter
steckt eine Java-Programmierung, die nicht gezeigt wird und
die wir wahrscheinlich sowieso nicht verstehen würden.
Bleibt die Frage: Welchen Text?
Was unten links getippt
wird, wächst oben rechts an.
Warum nicht Frühling
oder Bürgerkrieg?! Man sehen, wie das Programm mit so
gegensätzlichen Dingen umgeht. - Nun, es hat keine
Probleme damit. Denn es wird nicht das eine Zeichensystem -
Sprache - in ein anderes - Bilder - übertragen, es wird
die Bedeutung der Ausgangszeichen ignoriert, um
bedeutungslose Zeichen daraus zu machen. Man kommt mit einer
simplen Versuchsanordnung dahinter: Man gebe jeweils die
Begriffe einer, viele, EINER,
one, many ein.

Wo einer mehr ist als
viele.
Das Ergebnis: Die Formen
zeigen zwar Unterschiede, aber die lassen sich nicht auf die
Bedeutungsdifferenzen zurückführen - bei one und
many ist das Gebilde zum Singular z.B. vielgestaltiger als
das zum Plural. Die Wörter sind nicht mit ihrem
Zwilling in der andern Sprache identisch, und im Grunde
nicht einmal mit sich selbst: zwar führt einer
immer zum gleichen Bild, aber EINER ist schon was
ganz anderes. Die Transformation folgt allein der
Materialität der Zeichen. Die auf der Oberfläche
effektvolle Programmierleistung ist inhaltlich nicht sehr
tief.
Kollektiver
Un-Sinn
Mit dieser Einsicht liest
man den zweiten Teil der Selbstvorstellung schon
skeptischer: "Alle Formen zusammen bilden ein kollektives
dreidimensionales Bild [...] ein virtuelles und
interaktives Herbarium (=VERBARIUM)" Worin besteht das
Kollektive, worin das Interaktive?
Die Interaktion besteht
zunächst in der Möglichkeit, auf die Teile des
Verbariums zu klicken und so im linken Fenster wieder den
Text zu erhalten, der den grünen Gebilden
zugrundeliegt. Ein recht halbherziger Effekt, denn die
entsprechende Form löst sich nicht aus dem Hintergrund
heraus, so dass das Bild zum Text keine Konturen annimmt.
Die sprachlichen Spuren der Vorgänger am 20. März
2001: "vhhgdetyopmpjimyufrktet [...]", "kill and
distroy hjjjjfdkljdlkjgkdg [...]", "kill evriwone",
"me abd em / you and uoy / ----------- oyoyoyoyoyoyoyoyoyoyo
/ you and uoy / me abd em datdatad" und
"Hej".
Einige Einträge zeigen
unverkennbar die gleiche Handschrift. Man steht offenbar
einem recht kleinen Kollektiv gegenüber. Der
Mitteilungsgehalt dieser Autoren besteht in nicht viel mehr
als Fingerübungen auf der mittleren Keybordleiste und
kryptischen bis aggressiven Ausrufen. Möchte man da
wirklich Mitglied sein? Aber selbst wenn die sinnvollen und
persönlichen Aussagen stärker vertreten wären
- bei einem früheren Besuch fand ich "we need red
smiles" und gar eine ganze Geschichte: "orange julips in the
afternoon, waiting for Danielle to put down her umbrella and
find a seat, I am not lonely now only a little hot in the
sun." -, selbst kommunikativere Textvorlagen würden den
Kollektivgedanken nicht wirklich vermitteln, aus mehreren
Gründen: 1. Die hinterlassenen Spuren sind anonym. 2.
Sie gehen nicht aufeinander ein. 3. Auch im Projektumfeld
fehlt jedes Zeichen einer Gemeinschaft: kein Gästebuch,
kein Forum, kein Newsletter. 4. Jeder neue Eintrag legt sich
als Front-Layer auf die vorangegangenen und wirft den
letzten raus; im Grunde kann einer mit 10 Eingaben alle
Hinterlassenschaften der anderen tilgen und das Verbarium
vollständig übernehmen.
Entkollektivierung; Despotismus statt
Demokratie.
Einsamkeit und
Postkarten
So sehr das Projekt auch
einen organischen Eindruck erweckt, es ist in kollektiver
und kommunikativer Hinsicht recht unfruchtbar. Im Grunde
gibt man nur rasch irgendeine Buchstabenfolge ein, um die
Transformationsleistung zu testen. Das bewegende Moment des
Projekts ist nicht die Botschaft seiner Teilnehmer, sondern
die Leistung seiner Programmierer, die allerdings ihren
Respekt verdient. Das Projekt wird zum Anlass eines Events,
was es mit anderen Mitschreibprojekten wie etwa dem
Assoziations-Blaster
ja teilt. Aber anders als dort ist dies kein Event zwischen
Leuten, sondern zwischen einem selbst und dem Programm im
Hintergrund, das glatte, kalte Gebilde auswirft. Das
bläst einem die Einsamkeit im Netz und im Leben noch
einmal so richtig um die Ohren. - Sollte dies Absicht
gewesen sein? Ein Mitschreibprojekt, das die Illusion
virtueller Gemeinschaften demontiert? - Wie auch
immer; wenigstens kann man aus der Wüste Karten
schicken, Screennshots mit sprechenden Blumen, auf denen
Ich liebe dich steht, oder eben: Es ist
aus.

Die Sprache der Blumen.
Welche sagt was?
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