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"'Things
Spoken' is Agnes Hegedüs' archive of personal
memorabilia, which the artist presents on a 'virtual
shelf'." So heisst es in der Readme-Datei dieser 5.
artintact-CD-ROM interaktiver Kunst des Zentrum für
Kunst- und Medientechnologie Karlsruhe (Ostfildern:
Cantz-Verlag 1999, 98.00 DM, ISDN 3-89322-949-3) mit
bemerkenswerten Beispielen digitaler Literatur bzw. Kunst.
Der Bildschirm zeigt auf schwarzem Hintergrund eine Reihe
abgebildeter Objekte: eine Zeichnung, ein altes Buch, eine
Straßenkarte, ein Reisepass, eine Buddha-Figur, ein
Heiligenbild, ein Kondom
Man kann sich diese
Erinnerungsstücke nach verschiedenen Katergorien
anzeigen lassen: Wann / Wo / Wie erworben, Name des Gebers,
Geschlecht des Gebers, Schlüsselwörter u.a. Der
Klick bringt jeweils das gewählte Objekt
vergrößert in den Vordergrund und gibt die
Geschichte preis, die es in Agnes Hegedüs' Leben
spielt.

Ein zweiter Klick listet
die Fakten des Objekts auf.
Perspektiven
Die Geschichte steht im
Textstreifen unter dem Bild, der auf Mousekontakt hin
automatisch von rechts nach links läuft und die Rede
der Künstlerin präsentiert. Zugleich mit dem Text
startet eine Audio-Datei, die den Text als gesprochenen
präsentiert - geschriebener wie gesprochener Text
stoppen, wenn der Mousekontakt unterbrochen wird. Unter der
Textzeile befindet sich eine zweite Zeile, die die spontanen
Gedanken eines der fünf befragten Freunde wiedergibt.
Dadurch wird das Erinnern quasi an den Gedanken Fremder
gebrochen. So heisst es im Beispiel einer Graphik mit zwei
Händen:
"Das sind
Zeichnungen von Andras, meiner ersten Liebe. Es sind
seine Hände. Ich erinnere mich an sie, wenn ich
dieses Bild anschaue. Es ist so schwer, den Verlust der
ersten Liebe zu verdauen, fast genauso schwer wie der Tod
der Eltern..."
Die unteren Zeile beginnt
hingegen ganz langsam mit der Rekonstruktion das
Äußeren:
"Zuerst weiss man
nicht, ob es eine Hand ist oder zwei. Dann muss man sich
überlegen, was dieseBewegungen zu bedeuten haben -
ist das eine Schwur-Hand?
"
Gibt im oberen Text die
Künstlerin den Dingen einen Sinn, tun dies im unteren
Unbeteiligte. Das Objekt beginnt gleichsam ein neues Leben,
sei es die Babypuppe, die Jeffrey als Zeichen mitbrachte,
dass er nun für die Familiengründung bereit ist,
sei es die Freiheitsstatue als Radiergummi, die an den
ersten Besuch in New York, in der westlichen Welt
überhaupt, erinnert, sei es das Heiligenbild, das
Kondom oder der Trabant, der Hegedüs an eine
frühere Liebe, einen Maler, in Budapest erinnert und
über den künstlerischen Schaffensprozess
reflektieren lässt, und der den befragten Amerikaner an
das aufziehbare Spielzeugauto erinnert, das er als Kind
besaß. Die solcherart akzentuierte Differenz zwischen
äußerere Erscheinung und anhaftender innerer
Bedeutung wird sehr schön an einem aus Spaghetti
gebildeten Penis deutlich:
"Dieses Objekt
läßt mich annehmen, dass die Beschneidung
für jüdische Männer wohl keine einfache
Erfahrung ist. Morris machte diesen Penis aus Spaghetti
während seines Besuchs bei einem Freund in der
Schweiz. Sie hatten eine Party, um ihrer verlorenen
Vorhäute zu gedenken..."
In der unteren Zeile findet
man eine etwas andere Perspektive einer deutschen Frau:
"Ein ganz
blödes Buch, da wird alles was mit dem Penis zu tun
hat gezeigt, alles, egal was es ist, und da könnte
so was auch drin vorkommen. Das machen Männer,
Männer backen auch den Kuchen in der Form
..."

Spaghettipenis - und was
Frauen dazu denken.
Verschiebungen
So wie das Objekt durch die Fremd-Besprechung in
einen neuen Kontext gestellt wird - und man sieht am
Beispiel sehr gut, wie verschieden der gedankliche
Hintergund sein kann -, so wird es auch durch die
Auswahlmöglichkeiten ständig umgestellt. Die
Schlüsselwörter strukturieren das Erinnern zum
Teil nach allgemeingültigen Stichworten - mother,
childhood, house, birth, life, death ... -, zum Teil sind
diese aber auch schon Inhaltsverzeichnis eines individuellen
Lebens: Amsterdam, Australia, stepfather, taboo. Man findet
die Schlüsselwörter im laufenden Text wieder, als
gelb markierte Links (in der oben zitierten Passage wurden
sie unterstrichen), die zu einem anderen Objekt mit dem
gleichen Keyword linken. Dass dabei nicht nur sofort die
entsprechende Textstelle aufgerufen wird, sondern auch die
Audiodatei an der entsprechenden Stelle beginnt, zeigt,
welch genaue Programmierarbeit hier vorliegt.
Erinnern des
Erinnerns
Die hypertextuelle Anordnung
liegt natürlich nahe, wenn es ums Erinneren geht, das
ja gewöhnlich chronologisch ungeordnet und rein
assoziativ erfolgt. Und auch der fließende Text
spricht von der Struktur des Erinnerns. Er unterstreicht die
Prozessualität der Schrift gegenüber der
flächigen Statik des Bildes und vermittelt die
Zeitgebundenheit der Sinngebung: Wenn der Text schon
vergangen ist, bleibt das Objekt stehen - textlos wieder und
neuen Kommentaren offen.
Dieser Aspekt wird
verstärkt duch die Hinzunahme eines je zweiten Textes,
der neben der Zeitgebundenheit auch die Relativität der
Perspektive zeigt. Die Art der Präsentation betont,
dass die Objekte keine Bedeutung an sich, sondern nur eine
Bedeutung 'für mich' haben, weswegen es ja auch nicht
"Things Speaking" heißt, sondern "Things
Spoken" - die Dinge sprechen nicht, ihnen wird Sprache
angehängt.
Hegedüs' Werk erweist
sich damit nicht nur als ein Werk des Erinnerns, sondern
auch als ein vielschichtiges Werk über das Erinnern. Es
materialisiert durch die Links die assoziativen Sprünge
des Gedächtnisses, es thematisiert durch die
Nebeneinanderstellung verschiedener Aussagen zu einem Objekt
die Subjektivität der Sinnzuschreibungen und es stellt
durch Erscheinen und Abtritt des Textes zusätzlich die
Zeitgebundenheit solcher Sinnzuschreibungen dar. Eine
raffinierte Geschichte, die einmal zeigt, wie tiefsinnig die
technischen Effekte der digitalen Medien in eine
Aussageabsicht integriert werden können und was es
heisst, Wort, Bild und Ton nicht nur
multimedial nebeneinanderzustellen, sondern intermedial in
ein Zusammenspiel zu führen.
hypomnesischer
Darwinismus
Wenn die Materialität
der Objekte gegen die Zeit- und Personengebundenheit der
Erinnerung akzentuiert wird, liegt die Ironie freilich
darin, dass diese Materialität in der vorliegenden
digitalen Präsentation gerade nicht besteht. Nicht nur
Art und Weise der Erinnerung, auch die Dauer der
Erinnerungsobjekte ist in Frage gestellt. Während der
Dachboden die aufbewahrten Reliquien nur Staub, Mäusen
und natürlicher Zersetzung aussetzt, droht ihnen im
digitalen Medium eine viel prinzipiellere Gefahr der
Vernichtung. Die Transformation in den digitalen Zustand
unterstellt die Objekte den Dispositiven der digitalen
Medien, und eines davon ist die ständige
Weiterentwicklung der technischen Grundlage, was schnell zur
Veraltung der benutzten Hard- und Software führt. Der
Sachverhalt wird jedem klar, der heute seine Daten auf einer
großen Floppy-Disk lesen will und verzweifelt nach
einem Computer sucht, der noch mit einem Laufwerk für
diese Disketten ausgestattet ist. Um auf das Aufbewahrte
zugreifen zu können, benötigt man ein älteres
Computermodell; im Kontext der digitalen Medien wird das
Archiv selbst zum Objekt der Archivierung. Dieser Notstand der
doppelten Musealisierung bedeutet, dass die
Erinnerungsobjekte von Zeit zu Zeit in die Hand genommen und
in die aktuelle Technologie übertragen werden
müssen, um weiterhin als Erinnerungsstücke
zugänglich zu sein.
Erinnern wird so zur
Voraussetzung des Erinnernkönnens, eine Art
'hypomnesischer Darwinismus', der all das überleben
lässt, was seine Wichtigkeit durch fortlaufendes
Erinnertwerden beweist. Diese Überlegung ist nicht
unmittelbarer Teil des Werks von Hegedüs, als bekanntes
Phänomen digtialer Medien muss es aber mitgedacht
werden, und es ist nicht auszuschließen, dass
Hegedüs dies auch im Sinn hatte.
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