www.dichtung-digital.de/2001/05/12-Simanowski

Wider den digitalen Antichrist
Siegfried Lenz' Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur"

von Roberto Simanowski

Glaubt man Siegfied Lenz, dann ist elektronisch erstellte Literatur Hypertexte, die auf der "beliebigen Kreativität einer Gemeinschaft" basieren. Das kommt davon, wenn man von weitem etwas über die Entwicklung einer neuen Literatur in den neuen Medien gehört hat und sich spontan entschließt, für die herkömmliche im Buch einzutreten. Die vielen Halbwahrheiten, die vielen Missverständnisse zeigen, wie wenig Lenz den aufs Korn genommenen Gegenstand erkundet hat. Er tappt in alle Fallen, die andere mit ebenso uninformierten Beiträgen auslegen. Dass er auch ins Schwarze trifft, überrascht nicht, denn mancher Einwand gegen das Erzählen mittels digitaler Rhetorik liegt einfach auf der Hand.



Am 17. März 2001 feierte Siegfried Lenz seinen 75. Geburtstag, Anlass genug, drei ältere Essays zu einem schmalen Band zusammenzufassen. Das eine, "Kunstwerk als Regierungserklärung", war 1979 die Einleitung zu Thomas von Vegesacks "Die Macht und die Phantasie. Schriftsteller in der Revolution". Es befragt sehr klug Inhalt und Wert der bekannten Losung Phantasie an die Macht, stellt die entscheidenen Fragen - wessen Macht?! - und resümiert, dass die Phanatsie an der Macht nicht überleben könnte, ohne sich selbst zu verleugnen. Das andere, "Aus der Nähe. Über nordamerikanische Literatur", erschien zuerst 1999 und ist eine einsichtsreiche Homage an Hemingway, Faulkner und John Dos Passos. Das dritte Essay - von 1999 - trägt den Buchtitel, steht am Anfang des Bandes und ist Anlass zu einiger Verärgerung.

Perspektivenmangel

"Globales Creative writing in der Gruppe wird das Buch nicht ersetzen. Literatur wird von dem Einzelnen geschaffen und wendet sich an den Einzelnen, und solange es Leser gibt, werden sie bestätigen, daß ein Buch um so mehr preisgibt, als man bereit ist zu investieren - an Gefühlen, an Gedanken, in konzentrierter Zurückgezogenheit." Soweit Lenz und soweit ist auch alles richtig. Das Problem ist der Eindruck, der entsteht. Kollaborative Texte, wie man sie im Internet zur Genüge findet, sind weder das einzige Phänomen digitaler Literatur, noch haben sie vor, dem Buch Konkurrenz zu machen. Sie stehen in der Tradition der écriture automatique und der kommunikativen Utopien à la Brechts Radiotheorie. Dass etwas anderes rauskommt, wenn der Brei viele Köche hat und obendrein vielleicht auch noch viele rote Fäden, liegt auf der Hand. Aber Mitschreibprojekte sollte man eben nicht mit philologischen Kriterien angehen, sondern mit sozialen. Es geht nicht um den großen Roman, es geht ums Mitmachen; was also soll der Vorwurf, diese Projekte seien nicht das, was sie gar nicht sein wollen.

Autorschaft

"Der traditionelle Leser eines Buches indes, der die lustvollen Mühen einer geistigen Durchdringung auf sich nimmt, widmet sich einem begrenzten, einem fertigen Text, dessen Urheber ein einziger, und zwar belangbarer Autor ist." Wieder richtig; und doch auch wieder nicht richtig richtig. Die literarischen Hypertexte, die man auf Diskette oder im Netz findet, haben zumeist einen Autor und sind insofern abgeschlossen, als ihnen kein Text und kein Link mehr hinzugefügt werden kann. Der Leser steht also einer klar benennbaren und belangbaren Autorinstanz gegenüber. Dass diese oft in der Tat belangt werden muss, weil der Text schlecht geschrieben ist und die Verlinkung keinen tieferen Sinn ergibt, ist eine andere Sache. Schwarze Schafe gibt es auch in der Printliteratur. Inwiefern das nichtlineare Erzählen sie geradezu provoziert und wie weit man sich prinzipiell von traditionellen narrativen Regeln entfernen kann, ohne ungenießbar zu werden, ist eine ernsthafte Frage. Lenz deutet die Probleme an mit dem Hinweis, dass in der "elektronisch hergestellten Literatur [...] Zeit, die große epische Herrscherin, die auf jede Entwicklung im Roman Einfluß nimmt, übergangen, weggeblendet, entwertet wird". Aber diese Bemerkung reicht ihm schon, weiter lässt er sich auf das Thema nicht ein. Dabei wäre viel zu diskutieren, u.a. inwiefern die if-then-Konstruktion der traditionellen Epik durch den if-then-Befehl der Programmiersprache, die ja jedem digitalen Text zugrundeliegt, ersetzt werden kann.

Intermedialität

Und was wird aus der Literatur, wenn sich das Wort mit Bild und Ton und den Inszenierungstechniken des Theaters verbindet? Das geschieht in vielen Fällen übrigends linear, womit Lenz' Argumentation nicht mehr weiterhilft. Ansatzpunkte für eine Erörterung hätte es hier mit der visuellen und konkreten Poesie gegeben. Aber auf diese Aspekte der Geschichte der Literatur lässt sich Lenz ebensowenig ein wie auf die Aufstände gegen das traditionelle lineare Erzählen: die Permutationsgedichte des Barock, die Digressionen bei Laurence Sterne und Jean Paul, Burroughs Cut-Up-Methode, die mathematische Poetik der Oulipo-Gruppe... Es ist erstaunlich, wie wenig Neugier Lenz für die Zukunft des Wortes in digitaler Umgebung - und für dessen Vorläufer in der Literaturgeschichte - wirklich verspürt. Nein, erstaunlich ist es eigentlich nicht. Eher typisch, und man kann nicht einmal böse sein, denn es ist nicht die Aufgabe handfester Erzähler, sich für poetische Experimente zu interessieren. Nur schreiben, schreiben sollten sie dann auch nicht darüber.

Siegfired Lenz
Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur, Essays
120 S., 20,- DM, Hoffmann und Campe, Hamburg 2001


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