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Am 17.
März 2001 feierte Siegfried Lenz seinen 75. Geburtstag,
Anlass genug, drei ältere Essays zu einem schmalen Band
zusammenzufassen. Das eine, "Kunstwerk als
Regierungserklärung", war 1979 die Einleitung zu Thomas
von Vegesacks "Die Macht und die Phantasie. Schriftsteller
in der Revolution". Es befragt sehr klug Inhalt und Wert der
bekannten Losung Phantasie an die Macht, stellt die
entscheidenen Fragen - wessen Macht?! - und resümiert,
dass die Phanatsie an der Macht nicht überleben
könnte, ohne sich selbst zu verleugnen. Das andere,
"Aus der Nähe. Über nordamerikanische Literatur",
erschien zuerst 1999 und ist eine einsichtsreiche Homage an
Hemingway, Faulkner und John Dos Passos. Das dritte Essay -
von 1999 - trägt den Buchtitel, steht am Anfang des
Bandes und ist Anlass zu einiger
Verärgerung.
Perspektivenmangel
"Globales Creative writing
in der Gruppe wird das Buch nicht ersetzen. Literatur wird
von dem Einzelnen geschaffen und wendet sich an den
Einzelnen, und solange es Leser gibt, werden sie
bestätigen, daß ein Buch um so mehr preisgibt,
als man bereit ist zu investieren - an Gefühlen, an
Gedanken, in konzentrierter Zurückgezogenheit." Soweit
Lenz und soweit ist auch alles richtig. Das Problem ist der
Eindruck, der entsteht. Kollaborative Texte, wie man sie im
Internet zur Genüge findet, sind weder das einzige
Phänomen digitaler Literatur, noch haben sie vor, dem
Buch Konkurrenz zu machen. Sie stehen in der Tradition der
écriture automatique und der kommunikativen Utopien
à la Brechts Radiotheorie. Dass etwas anderes
rauskommt, wenn der Brei viele Köche hat und obendrein
vielleicht auch noch viele rote Fäden, liegt auf der
Hand. Aber Mitschreibprojekte sollte man eben nicht mit
philologischen Kriterien angehen, sondern mit sozialen. Es
geht nicht um den großen Roman, es geht ums Mitmachen;
was also soll der Vorwurf, diese Projekte seien nicht das,
was sie gar nicht sein wollen.
Autorschaft
"Der traditionelle Leser
eines Buches indes, der die lustvollen Mühen einer
geistigen Durchdringung auf sich nimmt, widmet sich einem
begrenzten, einem fertigen Text, dessen Urheber ein
einziger, und zwar belangbarer Autor ist." Wieder richtig;
und doch auch wieder nicht richtig richtig. Die
literarischen Hypertexte, die man auf Diskette oder im Netz
findet, haben zumeist einen Autor und sind insofern
abgeschlossen, als ihnen kein Text und kein Link mehr
hinzugefügt werden kann. Der Leser steht also einer
klar benennbaren und belangbaren Autorinstanz
gegenüber. Dass diese oft in der Tat belangt werden
muss, weil der Text schlecht geschrieben ist und die
Verlinkung keinen tieferen Sinn ergibt, ist eine andere
Sache. Schwarze Schafe gibt es auch in der Printliteratur.
Inwiefern das nichtlineare Erzählen sie geradezu
provoziert und wie weit man sich prinzipiell von
traditionellen narrativen Regeln entfernen kann, ohne
ungenießbar zu werden, ist eine ernsthafte Frage. Lenz
deutet die Probleme an mit dem Hinweis, dass in der
"elektronisch hergestellten Literatur [...] Zeit,
die große epische Herrscherin, die auf jede
Entwicklung im Roman Einfluß nimmt, übergangen,
weggeblendet, entwertet wird". Aber diese Bemerkung reicht
ihm schon, weiter lässt er sich auf das Thema nicht
ein. Dabei wäre viel zu diskutieren, u.a. inwiefern die
if-then-Konstruktion der traditionellen Epik durch den
if-then-Befehl der Programmiersprache, die ja jedem
digitalen Text zugrundeliegt, ersetzt werden
kann.
Intermedialität
Und was wird aus der
Literatur, wenn sich das Wort mit Bild und Ton und den
Inszenierungstechniken des Theaters verbindet? Das geschieht
in vielen Fällen übrigends linear, womit Lenz'
Argumentation nicht mehr weiterhilft. Ansatzpunkte für
eine Erörterung hätte es hier mit der visuellen
und konkreten Poesie gegeben. Aber auf diese Aspekte der
Geschichte der Literatur lässt sich Lenz ebensowenig
ein wie auf die Aufstände gegen das traditionelle
lineare Erzählen: die Permutationsgedichte des Barock,
die Digressionen bei Laurence Sterne und Jean Paul,
Burroughs Cut-Up-Methode, die mathematische Poetik der
Oulipo-Gruppe... Es ist erstaunlich, wie wenig Neugier Lenz
für die Zukunft des Wortes in digitaler Umgebung - und
für dessen Vorläufer in der Literaturgeschichte -
wirklich verspürt. Nein, erstaunlich ist es eigentlich
nicht. Eher typisch, und man kann nicht einmal böse
sein, denn es ist nicht die Aufgabe handfester
Erzähler, sich für poetische Experimente zu
interessieren. Nur schreiben, schreiben sollten sie dann
auch nicht darüber.
Siegfired
Lenz
Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur,
Essays
120 S., 20,- DM, Hoffmann und Campe, Hamburg 2001
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