www.dichtung-digital.de/2001/05/13-Simanowski

Körper als Hindernis
Frank Fietzeks Bodybuilding-Installation

von Roberto Simanowski

Das Verschwinden der zweiten Hand ist eine altbekannte Metapher, wenn es um den Umgang der Menschen mit den Medien geht. In den Kupferstichen des 18. Jahrhunderts entdeckt man sie mitunter tief vergraben im Schoß, während die andere noch das Buch hält, das so erregenden Inhalt vermittelt. Die Bildschirmmedien haben dieser Konstellation gewiss nicht Abbruch getan, und noch im Internet-Chat hat man - wenn der Separé-Partner am anderen Ende der Leitung plötzlich weniger kontinuierlich in die Tasten haut - so seine Vermutungen. Wie immer aber sich Hände und Medium zueinander verhielten, nie bestimmte letzteres, wo erstere sein müssen. Frank Fietzek inszeniert diese Beziehung völlig neu, indem er ihr Zeugen schafft und den Rezipienten als Akteur in Bewegung hält.



Hand am Gewicht

Die p0es1s-Austellung, die in Kassel vom 6. 10. bis 12. 11. 2000 stattfand, versammelte neben Internet-Projekten auch eine Bildschirm-Installation, die das Verhältnis zum Monitor auf ganz besondere Weise in Szene setzte. Die Sätze, die dieser Bildschirm ausgibt, sind nicht eben zimperlich: "Sind deine Beine weit gespreizt?" liest man oder: "Ich knie mich auf dich, so, und nehme dich ganz behutsam in mich auf, so, siehst du, und dann verhalten wir uns ein, zwei Minuten ganz still" oder: "Du weißt, was jetzt mit dir passieren wird, nicht wahr?" Wer diese Sätze liest, weiss sehr wohl, was mit ihm passiert, denn er hat bereits Platz genommen auf dem Stuhl vor dem Monitor, die Beine des Gleichgewichts wegen gespreizt, die Gewichte, die auf Schulterhöhe am Stuhl angebracht sind, zusammengedrückt und dadurch die ersten Sätze auf dem Bildschirm erzeugt.


Wort für Sport  

Fietzeks Installation (1998/99) funktioniert erst, wenn der Zuschauer ihr Teil wird und Gewichte stemmt. Unmittelbare Belohnung sind die Texte, die dann auf dem Bildschirm erscheinen: 50 verschiedene, recht unzusammenhängende Sätze pornographischen Inhalts, per Zufallsoperation aus dem eingespeisten Datenbestand ausgewählt. Stoppt der Benutzer die körperliche Betätigung, gibt es keine neuen Sätze. Es ist die Paraphrasierung eines alten Volksspruches: Was man nicht in den Armen hat, hat man auch nicht im Kopf. 

Hand über der Bettdecke

Fitzeks Installation dürfte von The Legible City (1988/1991), der berühmten Installation Jeffrey Shaws und Dirk Groeneveld, inspiriert sein. Dort bewegt sich der Benutzer auf einem fixierten Fahrrad durch eine Stadt aus Text-Häusern, die, abhängig von der eigenen Tretgeschwindigkeit und Lenkerbewegung, vor ihm auf einer Videoleinwand Gestalt annimmt. Der Betrachter wird durch seine Handlung im realen Raum Teil des visuellen und ist, anders als die Zuschauer hinter dem Fahrrad, Rezipient und Akteur des Kunstwerks zugleich. (Die Installation ist seit 1997 dauerhaft im Medienkunstmuseum des ZKM in Karlsruhe zu sehen.)

Während in "The Legible City" die Interaktion auch bestimmt, welche Texte erscheinen, geht es in "Bodybuilding" darum, ob Text erscheint. Während dort die Füße zum Interface werden, sind es hier die Arme, und während man dort auch austrudeln und in Ruhe lesen kann, schiebt sich hier ganz die körperliche Aktion ins Zentrum. Dies hängt mit der etwas anderen Funktion der Beziehung zwischen Körper und Medium bei Fitzek zusammen, denn die Gewichte dieser Installation sind als Armatur gegen die sinnliche Verführung zu verstehen. Die "Hände müssen bei der Lektüre sozusagen immer über der Bettdecke, nämlich am Gerät bleiben", schreibt Friedrich W. Block im Ausstellungskatalog; die Installation selbst erklärt mit einem der Sätzte das Programm: "Heute üben wir, wie du mich nimmst, ohne zu kommen."

Man könnte auch von der Rückkehr der Unschuld im Umgang mit Pornographie sprechen, denn die Lektüre steht hier weniger im Dienst 'unsittlicher Imagination' als des Leistungsnachweises. Dieser ist gewissermaßen die Falle, in die der Benutzer als Teil der Installation vor dem umstehenden Publikum gerät. Gibt er die Erzeugung der pornographischen Texte allzuschnell auf, fällt dies leicht als Verdacht der Muskelschwäche auf ihn zurück. Stemmt er die Gewichte tapfer weiter, wird man auch dies gegen ihn auslegen. So mag er schließlich mit Schweiß in den Augen versuchen, die mühsam erzeugten Sätze zu entziffern, fern davon, die Früchte seiner Anstrengung in irgendeiner Form genießen zu können. Intendiert die Gestik des Bodybuildings im Rahmen des zeitgenössischen Körperkults erotische und sexuelle Attraktivität, so fungiert sie innerhalb der Installation auf ironische Weise als Voraussetzung und Verhinderung von Sexualität zugleich.

Hand in Fesseln

Die Sache lohnt den zweiten Blick. Wer in der Installation eine Kritik pornographischer Inhalte von Medien ausmacht, greift zu schnell nach dem Naheliegenden. Unter der Oberfläche lauert die gegenteilige Auskunft, denn indem die Installation Körperlichkeit und Imaginationsstoff gegeneinander ausspielt, macht sie bewusst, wie sehr viel anders als beim Tier menschliche Sexualität auch über Vorstellungskraft funktioniert. Unabhängig von der 'Tyrannei des Hier und Jetzt', der das Tier nicht entkommt, realisiert sich für den Menschen der 'Besitz' des anderen im Reich der Imagination. So wie Pygmalion die geschaffene Statue als Geliebte belebt, so vollzieht sich menschliche Sexualität in der Belebung sprachlicher Zeichen.

Die Installation bringt es an den Tag, indem sie die Körperlichkeiten gegenüberstellt: Der Körpereinsatz des Benutzers wird auf völlig banale Weise Voraussetzung für die Verkörperlichung der Zeichenwelt, auf die allein es ankommt. Es war nur konsequent, dass Fietzek, der diese Installation 1994 mit Bildern begann, dann zu Texten überging. Mit dem Wechsel von der Sinnlichkeit des Bildes zur Abstraktheit des Wortes wanderte die Körperlichkeit vom Bildschirm vollends in den Kopf des Betrachters. Der Satz "Und jetzt bitte ich dich, einen Teil meines Körpers zu berühren" ist insofern nicht unfair, sondern genauer Ausdruck dessen, worum es eigentlich geht. Dass dem Adressaten des Satzes die Hände gebunden sind, ist egal, denn Körper wie Berührung existieren nur in seiner Imagination. Dass die Hände nicht gefesselt, sondern in eine sportliche Aufgabe eingebunden sind, macht diesen Umstand erst richtig bewusst: Fessel wäre Befreiung, so aber verhindert Körperlichkeit Genuß. 


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