"Nach der Adresse eine
Mediums zu fragen ist so, als erkundige man sich nach der
Adresse des postalischen Systems. Es mag spezifische
Postämter geben, aber das Medium, das als Post bekannt
ist, hat keine Adresse. Es enthält alle Adressen in
sich selbst; es ist das, was Adressen möglich macht."
W. J. T. Mitchells Statement
klärt den Genetiv des Titels: Es geht nicht um die
Adresse, die das Medium hat, sondern um jene, die es
ermöglicht und fordert. Also eine HM2@hotmail.com-Folge
oder ein www.interfictions.com. Was verraten solche
Adressen? Nichts, nicht einmal das Aufenthaltsland des
Namenlosen. Hinter der Adresse wartet eine andere Adresse,
eine Zahlenfolge, die erst dem Domain Name Server die genaue
Zuordnung erlaubt. Gewissheit bringt freilich auch das
nicht. Schließlich gibt es Weiterleitungsbefehle
für URLs und Email-Adressen. Adressierung im Netz ist
punktgenau (hier korrigiert kein versierter Briefträger
die falsche Hausnummer) und doch absolut diffus.
Adresse als
Skandal
Die schönste
Geschichte
über die Realität digitaler Adressen erinnert
Christoph Neubert: C&A ließ eine Web-Adresse auf
Kinder-T-Shirts drucken, um cool zu sein und ihren
Käufern etwas davon abzugeben. Die schauten die Adresse
allerdings nach und stießen auf eine
Schwulen-Hardcore-Site. Es folgten: Entrüstungen,
Entschuldigungen, schlechte Presse und Rückrufaktionen.
Abgesehen davon, dass sich C&A nun plötzlich zu den
martialischen Sexualpraktiken einer Randgruppe verhalten
musste, war es freilich peinlich, auf den Hype der neuen
Medien zu setzten und dann preiszugeben, wie wenig es an
diesen interessiert ist. Welch eine Heuchelei! Und welch
bodenlose Dummheit!
Adresse als
Medium
Es gibt einige Paradoxa und
Kuriosa der Adressierung im Netz: Individuelle
Mehrfachadressierung, wie man es von Wurfsendungen mit
persönlicher Anrede kennt, nur dass hier das "Original"
an alle geht. Damit verbunden die geheime Kopie der Mail,
die Herrn BCC vielleicht gar zum eigentlichen Adressaten
macht. "Adressenklassen", deren Mitglieder sich nicht
kennen, weil nur die Marketing-Spezialisten wissen, dass
alle bei xx gekauft haben. Die vierfache Rolle des Link: Als
Teil des Textes, als Hinweis auf, Adresse für und
Zugangsmedium zu anderen Texten - Brief, Kuvert und Postbote
zugleich.
Die Verlinkung des Hypertext
wird in Eckhard Schumachers Beitrag übrigens auch
einmal auf ihre Intertextualitätsfunktion geprüft.
Das Ergebnis ist die längst überfällige
Einsicht, dass die klare Adressierung der Links die
Austreibung des Subjekts aus dem Vorgang der Assoziation
bedeutet. Während die Anschlüsse und
Abschweifungen in der Rezeption herkömmlicher Texten
vom Leser realisiert werden, und zwar entsprechend seiner
oder ihrer Diskurs- und Lektürebiografie, schieben sich
im Hypertext immer die vom Autor programmierten Verweise vor
und entwerten die Differenzen individueller
Assoziationen.
Adresse als
Kunst
Der Band, der auf eine
Tagung gleichen Titels im Dezember 1999 an der
Universität Köln zurückgeht, ist zugleich
Nummer 2 der von Wilhelm Voßkamp herausgegebenen
Schriftenreihe des Kulturwissenschaftlichen
Forschungskollegs "Medien und kulturelle Kommunikation". Die
versammelten Beiträge zur Materialität digitaler
Adressen, zum Verhältnis von Medientheorien zu ihren
Gegenständen und zu Archiven der Medialität sind
in ihrer Gesamtheit ein gutes Beispiel
interdisziplinärer Gegenstandserforschung. Insofern
dieses Kolleg Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft
unter der Adresse Mediologie vereinen will, wünscht man
sich für den nächsten Band allerdings einen
stärkeren Aufgriff literarischer bzw. ästhetischer
Phänomene der neuen Medien.
Unter dem Aspekt der
Adressierung hätten sich schon für diesen Band
neben dem Hypertext mindestens zwei weitere interessante
Phänomene angeboten: 1. Die Mitschreibprojekte, die im
Gegensatz zu ihren Vorläufern, keine konkrete
Adressierung der Teilnehmer mehr vornehmen, sondern als
spezifische Adresse im Netz das gesamte Laufpublikum zur
Kollaboration einladen. 2. Die "Realfiction", d.h. die
gefälschten Websites, deren Ästhetik der
"Aufklärung durch Lüge" auf der Aneignung der
"richtigen" Adresse, d.h. eines irreführenden
Domainnamens beruht.
Drittens hätte die
unerwartete Rückkehr der Aura, die im Medium der
absoluten Kopie gerade durch die Adressierung erfolgt, ein
höchst interessantes Thema abgegeben. Die erste
Netzkunstgalerie, die Netzkunst zum Verkauf anbietet, Olia
Lialinas "art.teleportacia.org", löst das Paradox des
unbestimmbaren Originals (und damit der Logik von Kauf und
Besitz) allein mit dem URL, das einzige im Netz, das
bekanntlich nicht kopiert werden kann. "Die Adresszeile", so
Lialina, "ist der Ort der Handlung und die Handlung selbst.
Die wirkliche Handlung, die sich im Netz nicht in animierten
gifs und lustigen scripts konzentriert,
sondern eben in der Adresszeile." (DU, November 2000, S.
XLIV)
An diesen Beispielen
hätte man gut verdeutlichen können, dass die
Nutzer der digitalen Medien nicht nur die Adressaten einer
neuen Adressierung sind, sondern die vorgefundene
Adressierungspolitik zum Ausgangspunkt neuer
ästhetischer Ausdrucksformen machen. - Und man
wäre so dem alten Dilemma entkommen, über die
neuen Medien immer nur aus soziologischer Hinsicht zu
berichten, kaum aber auch aus ästhetischer.
Stefan
Andiopoulos, Gabriele Schabacher, Eckhard Schumacher
(Hgg.)
Die Adresse des Mediums
282 S., DuMont, Köln 2001, 39,80 DM
ISBN 3-7701-5612-9
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