www.dichtung-digital.de/2001/05/25-Simanowski

Die Adresse des Mediums
Ein Tagungsband des Forschungskollegs
"Medien und kulturelle Kommunikation"

Roberto Simanowski

Adressen ermöglichen Zustellung und Zuordnung von Kommunikation. Entweder vor oder nach dem Gespräch sagt man die Namen, um zu wissen, auf wen man sich später beziehen soll und an wen die Einsprüche zu senden sind. Ohne "Access Information" nutzen auch die inhaltlichen nichts. Mit den neuen Medien ändert sich da einiges: Adressen sind unabhängig von Ort und Medium (Email ins Handy, Voicemail als Audiodatei per Mail), es hat Platz für nur einen Meier.de und dahinter kann durchaus ein Schulze stecken, der sich aber als Meier ausgibt. Das Schönste aber: Das Kuvert ist oft zugleich die Postkutsche.

"Nach der Adresse eine Mediums zu fragen ist so, als erkundige man sich nach der Adresse des postalischen Systems. Es mag spezifische Postämter geben, aber das Medium, das als Post bekannt ist, hat keine Adresse. Es enthält alle Adressen in sich selbst; es ist das, was Adressen möglich macht."

W. J. T. Mitchells Statement klärt den Genetiv des Titels: Es geht nicht um die Adresse, die das Medium hat, sondern um jene, die es ermöglicht und fordert. Also eine HM2@hotmail.com-Folge oder ein www.interfictions.com. Was verraten solche Adressen? Nichts, nicht einmal das Aufenthaltsland des Namenlosen. Hinter der Adresse wartet eine andere Adresse, eine Zahlenfolge, die erst dem Domain Name Server die genaue Zuordnung erlaubt. Gewissheit bringt freilich auch das nicht. Schließlich gibt es Weiterleitungsbefehle für URLs und Email-Adressen. Adressierung im Netz ist punktgenau (hier korrigiert kein versierter Briefträger die falsche Hausnummer) und doch absolut diffus.

Adresse als Skandal

Die schönste Geschichte über die Realität digitaler Adressen erinnert Christoph Neubert: C&A ließ eine Web-Adresse auf Kinder-T-Shirts drucken, um cool zu sein und ihren Käufern etwas davon abzugeben. Die schauten die Adresse allerdings nach und stießen auf eine Schwulen-Hardcore-Site. Es folgten: Entrüstungen, Entschuldigungen, schlechte Presse und Rückrufaktionen. Abgesehen davon, dass sich C&A nun plötzlich zu den martialischen Sexualpraktiken einer Randgruppe verhalten musste, war es freilich peinlich, auf den Hype der neuen Medien zu setzten und dann preiszugeben, wie wenig es an diesen interessiert ist. Welch eine Heuchelei! Und welch bodenlose Dummheit!

Adresse als Medium

Es gibt einige Paradoxa und Kuriosa der Adressierung im Netz: Individuelle Mehrfachadressierung, wie man es von Wurfsendungen mit persönlicher Anrede kennt, nur dass hier das "Original" an alle geht. Damit verbunden die geheime Kopie der Mail, die Herrn BCC vielleicht gar zum eigentlichen Adressaten macht. "Adressenklassen", deren Mitglieder sich nicht kennen, weil nur die Marketing-Spezialisten wissen, dass alle bei xx gekauft haben. Die vierfache Rolle des Link: Als Teil des Textes, als Hinweis auf, Adresse für und Zugangsmedium zu anderen Texten - Brief, Kuvert und Postbote zugleich.

Die Verlinkung des Hypertext wird in Eckhard Schumachers Beitrag übrigens auch einmal auf ihre Intertextualitätsfunktion geprüft. Das Ergebnis ist die längst überfällige Einsicht, dass die klare Adressierung der Links die Austreibung des Subjekts aus dem Vorgang der Assoziation bedeutet. Während die Anschlüsse und Abschweifungen in der Rezeption herkömmlicher Texten vom Leser realisiert werden, und zwar entsprechend seiner oder ihrer Diskurs- und Lektürebiografie, schieben sich im Hypertext immer die vom Autor programmierten Verweise vor und entwerten die Differenzen individueller Assoziationen.

Adresse als Kunst

Der Band, der auf eine Tagung gleichen Titels im Dezember 1999 an der Universität Köln zurückgeht, ist zugleich Nummer 2 der von Wilhelm Voßkamp herausgegebenen Schriftenreihe des Kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs "Medien und kulturelle Kommunikation". Die versammelten Beiträge zur Materialität digitaler Adressen, zum Verhältnis von Medientheorien zu ihren Gegenständen und zu Archiven der Medialität sind in ihrer Gesamtheit ein gutes Beispiel interdisziplinärer Gegenstandserforschung. Insofern dieses Kolleg Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft unter der Adresse Mediologie vereinen will, wünscht man sich für den nächsten Band allerdings einen stärkeren Aufgriff literarischer bzw. ästhetischer Phänomene der neuen Medien.

Unter dem Aspekt der Adressierung hätten sich schon für diesen Band neben dem Hypertext mindestens zwei weitere interessante Phänomene angeboten: 1. Die Mitschreibprojekte, die im Gegensatz zu ihren Vorläufern, keine konkrete Adressierung der Teilnehmer mehr vornehmen, sondern als spezifische Adresse im Netz das gesamte Laufpublikum zur Kollaboration einladen. 2. Die "Realfiction", d.h. die gefälschten Websites, deren Ästhetik der "Aufklärung durch Lüge" auf der Aneignung der "richtigen" Adresse, d.h. eines irreführenden Domainnamens beruht.

Drittens hätte die unerwartete Rückkehr der Aura, die im Medium der absoluten Kopie gerade durch die Adressierung erfolgt, ein höchst interessantes Thema abgegeben. Die erste Netzkunstgalerie, die Netzkunst zum Verkauf anbietet, Olia Lialinas "art.teleportacia.org", löst das Paradox des unbestimmbaren Originals (und damit der Logik von Kauf und Besitz) allein mit dem URL, das einzige im Netz, das bekanntlich nicht kopiert werden kann. "Die Adresszeile", so Lialina, "ist der Ort der Handlung und die Handlung selbst. Die wirkliche Handlung, die sich im Netz nicht in animierten gifs und lustigen scripts konzentriert, sondern eben in der Adresszeile." (DU, November 2000, S. XLIV)

An diesen Beispielen hätte man gut verdeutlichen können, dass die Nutzer der digitalen Medien nicht nur die Adressaten einer neuen Adressierung sind, sondern die vorgefundene Adressierungspolitik zum Ausgangspunkt neuer ästhetischer Ausdrucksformen machen. - Und man wäre so dem alten Dilemma entkommen, über die neuen Medien immer nur aus soziologischer Hinsicht zu berichten, kaum aber auch aus ästhetischer.

Stefan Andiopoulos, Gabriele Schabacher, Eckhard Schumacher (Hgg.)
Die Adresse des Mediums
282 S., DuMont, Köln 2001, 39,80 DM
ISBN 3-7701-5612-9

 


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