www.dichtung-digital.de/2001/06/10-Simanowski

Russisch Hypertext
Olia Lialinas "My boyfriend came back from the war"

von Roberto Simanowski

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Olia Lialina - für manche die "Diva der Netzkunst", mit Teleportacia.org jedenfalls die erste Galeristin, die Netzkunst zu verkaufen sucht - hat 1996 mit My boyfriend came back from the war ein Stück digitaler Literatur vorgelegt, das die meisten mögen. Im Gegensatz zu anderen Hypertexten hat man hier das Gefühl, dass etwas mit einer Unausweichlichkeit funktioniert, die man Links nicht zutraut. Um so verwunderlicher, dass nie jemand drüber geschrieben hat. Weil man Blumen nicht zerpflücken mag? Einer muss den Rasen betreten.


Gespräch nach dem Krieg

Das Stück eröffnet mit einem schwarzen Bildschirm, auf dem oben rechts eine Zeile in Weiss steht: "My boyfriend came back from the war. After dinner they left us alone." Diese Dichte im Ausdruck lässt hoffen. Was bedarf es auch grosser Worte: Er ist zurück und alles, worauf es wirklich ankommt, kann nicht am Familientisch besprochen werden. Warum? Was ist passiert?

Die ganz Zeile ist ein Link, der einzige, den es gibt, denn es kommt nur auf das eine an: Unter sich sein nach dem Abendessen. Dieses Unter-sich-Sein ist keines der Umarmung, wie die zwei körnigen Schwarz-weiss-Bilder hinter dem Link schnell verraten: Beide sitzen abgewandt voneinander, in einem weißen Lichtkegel, wie auf einer Bühne - stellvertretend für all die anderen Paare, die nach Krieg und Dinner miteinander zu reden hatten. Das andere Bild, oben rechts, zeigt das Fenster, hinter dem die Szene zu denken ist, von aussen. Dort, unten auf der Strasse, stehen wir: die Zuschauer. Unbeteiligte?

Es gibt nur einen Link: auf dem Pärchen. In der Folge ist das Fenster nach links gerückt und blinkt fortan, als stehe es in Flammen. Die Bühne hat sich geteilt, in der rechten Hälfte, abgetrennt durch eine weisse "Demarkationslinie", ist ihr Gesicht zu sehen, auf dem wiederum der einzige Link liegt. It's her turn.

Where are you? I can't see you. So lauten die beiden Sätze, die nun zwischen das Frauengesicht und die zwei Bilder auf der linken Seite getreten sind. Die Bühne ist jetzt dreigeteilt. Beide Sätze sind durch Unterstreichung als Link gekennzeichnet, beide zeigen die gleiche Adresse. Aber auch das Bild der Frau ist ein Link, mit einem anderen Ziel. Ab hier muss man entscheiden; Ankunft im Hypertext. Die Texte führen zu einem noch nicht ganz verständlichen "Forget it", das Bild ergibt ein schon deutlicheres: "So, last time we met when... And you promised." Darunter - das rechte Bühnendrittel wurde wiederum geteilt - nur: " Look!!!"

Der Leser ahnt, dass sie es ist, die spricht, und er sieht bei Mouseover-Bewegungen, dass der obere Text zu 127.htm führt, "Look!!!" aber zu 141.htm. Die Zählung deutet auf eine zugrundeliegende Linearität, obgleich Links vorliegen und zweifellos verschiedene nächste Klicks zur Auswahl stehen. Geht man bei "Forget it" weiter, spaltet sich diese Zelle einerseits in ein Bild, das undeutlich eine Gruppe Soldaten vor einem Hubschrauber zeigt, andererseits in den sehr klein geschriebenen Vorwurf "you don't trust me, i see". Der Klick darauf bringt Gewissheit des Konflikts:

"But... it was only once... Last summer... And if you think...Why I should explain?...Don't you see?".

Im Netscape-Browser wird man den Text blinken sehen, womit er für Netscape-User deutlich als Schlüsselstelle markiert ist; der Explorer versteht den Blink-Tag bekanntlich nicht. Der Klick bringt auch Gewissheit über die vorliegende Stilsicherheit: Da ist kein Wort zuviel, aber auch keines zu wenig!

Das Prinzip der Teilung setzt sich fort. Auch das Hubschrauberbild ergibt zwei Zellen, die wiederum je zwei Zellen hervorbringen. Es ist die Rede von Wandel - "My mother told me that you could change" / "All guys change don't worry. I'll help you" - und offenbar kommen sich die beiden auch wieder näher: "you want me?" heisst es links, während rechts eine Uhr diskret erst Viertel Zehn, dann Viertel nach Sechs anzeigt.

In der Zelle unter der Uhr erfährt man, dass es der Nachbar war; "don't kill" heisst es, und nach dem Klick: "him" - und nach dem Klick darauf, als verberge sich tief unten noch viel mehr: "them". Eine raffinierte Deklination: Gab es mehrere Nachbarn? Oder zielt dies auf jene, die ihn in den Krieg schickten und sie dem Nachbarn überließen? "Forgive me", heisst es in der Zelle rechts daneben. An anderer Stelle - der Link auf "So, last time we met..." - erklingen Stichwörter der Konfliktlösung: "we will start a new life" oder "TOGETHER FOREVER" oder "kiss me" und: "will you marry me".

Das Ende ist jeweils Schweigen, denn am Ende klickt man den Text jeweils weg und bleibt allein mit einer schwarzen Fläche, ohne Worte, ohne Links. Der Hypertext läuft aus in seinen Verzweigungen und ermahnt, an den anderen Stellen fortzufahren. Auch dort dann Teilung in der Teilung und die schwarze Fläche als Resultat. Bedeuten die verschwindenen Texte auch das Verschwinden des Problems? Oder zeigen die zurückbleibenden leeren Felder nur den Reichtum an Aussichtslosigkeit an, der nach dem Krieg sich den Pärchen in einer Mischung aus Depression, innerer Entfremdung, Inflation und Staatszerfall darbietet?

Das Schlussbild fasst alles noch einmal grafisch zusammen: Links wie am Anfang die beiden, den Rücken einander zugekehrt, unter dem Fenster. Rechts, wie nach einer Schlacht, ein Setzkasten leerer Felder, die man als Gitter oder Fenster ins Nichts lesen mag. Was den beiden gelingt, ist nicht abzusehen. Es ist nicht einmal sicher, dass ihr Gespräch schon stattgefunden hat. Vielleicht wird es sich ganz anders ereignen.

 

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