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Innovationspreis?
Die in Buchform präsentierten Beiträge lassen den
Netzliteratur-versierten Leser über dieses Wort
stolpern, denn eigentlich kommen die Texte recht
konventionell daher. Ein kollektives Sampling von meist
ausgesprochen selbstreflexiven Kurztexten verschiedener
Autoren, nach wöchentlich wechselnden Themenkomplexen
geordnet. Auch der Geburtsvorgang der Texte im Rahmen eines
offenen Mitschreibeprojektes im Internet kann nach acht
Jahren World-Wide-Web-Existenz nicht mehr unbedingt als neu
bezeichnet werden. Da kommt man schon eher in die paradoxe
Situation, die Veröffentlichung in Buchform als
innovativ zu bezeichnen - im Gegensatz zu den
Internet-Ausflügen von ausgewiesenen Buchautoren wie
das von Thomas Hettche initiierte NULL
und Rainald Goetz' Abfall
für alle, bei
dem die Veröffentlichung als Buch schon in den
Internetbeiträgen vorauszusehen war, ist dies beim
"Pixel-Ich" nicht der Fall. Man merkt dem Buch an, dass es
aus dem Netz kommt, nicht dass das Netz als
"Vorveröffentlichungsmedium" eines Buches gedacht war.
Die Herausgeber haben sich auf die Fahnen geschrieben,
möglichst wenig an der Ursprungsform der Texte zu
ändern - so bleibt die Heterogenität der
Beiträge erhalten. Und dies ist tatsächlich in
gewisser Weise innovativ (auch wenn es dafür den Preis
eigentlich nicht gab) - und zwar sowohl als literarisches
Experiment als auch als Dokumentation der medialen
Verknüpfung von Menschen durch das Internet.
Doch was dokumentieren die
Texte eigentlich genau? Weniger das kommunikative Element
des Internet, denn die Beiträge sind nicht auf
Kommunikation mit anderen angelegt. Auch nicht das
Innovationspotential digitaler Darstellungsformen - weder
Hypertext noch Multimedialität noch andere
programmbasierte "Gimmicks" werden hier kultiviert. Im
Mittelpunkt des Projektes steht - schon thematisch
vorgegeben - der Mensch und seine Verknüpfung mit der
Medialität des Alltags. Und das ist tatsächlich
interessant. Ein Buch über die Auswirkungen eines
kommunikativen Mediums auf den Lebensalltag von Menschen -
eine Mediengeschichtsschreibung von unten. So habe ich
dieses Buch gelesen und so ist es unterhaltsam, manchmal ob
der vielen Selbsterforschung auch ermüdend - dennoch
hat man als Leser das Gefühl, den Menschen, den
Autoren, zum Teil näher zu kommen. Man findet sich
wieder in den Alltagsnöten mit dem widerspenstigen
Digitalen, leidet mit Betty Bienenstich, die ihren Freund
ans World Wide Web verliert, verfolgt Sabrina Ortmanns
langen Weg vom Papier zum Internet, von diesem wieder zur
leidigen (papierenen) Magisterarbeit, beobachtet Ariane
Rüdigers Alltag als Teleworkerin und Thorsten Kettners
Identitätssuche. Dazwischen ein paar netzinspirierte
Phantasieszenarien: Der Papst als Chatter im Netz, ein
Familientreffen im Cyberspace, Romeo und Julia müssen
sterben, weil der Service-Provider die entscheidende E-Mail
nicht zustellt...
Soap Opera im Netz? Reality
Literature, garniert mit Phantasien? In gewisser Weise ja,
aber auch wieder nicht. Deutlich wird an den
Selbstreflexionen der Projektteilnehmer, dass das Internet
tatsächlich einen eigenen sozialen Raum etabliert, der
mit dem realen Lebensumfeld der Autoren und Autorinnen
gleichzeitig konfligiert und korrespondiert.
Identitätsspiele im Chat, Kommunikation über Mail,
Informationssuche im WWW, diese Tätigkeiten nehmen
mittlerweile einen Großteil des Alltags ein - und das
Netz macht abhängig. Die Schwierigkeiten des
Netzentzuges, der Abnabelung vom Makrokosmos (oder
Mikrokosmos?) des Internets, wie sie Mone Hartmann und
Triticea alias Caroline Mißbach schildern, hin und
hergerissen zwischen Sehnsucht und Erleichterung, sprechen
für sich. Dagegen erscheinen die vielen Reflexionen
über wechselnde Identitäten (der Thementeil
Identität ist der umfangreichste der acht Blöcke)
eher bemüht, münden zumeist in allgemeinen
Reflexionen über die Konstitution des Ichs (nicht
notwendigerweise des Pixel-Ichs) oder den üblichen
Phantasien über Rollenspiele im Netz. Man
stößt hier auf Probleme, die vielleicht durch das
Netz verstärkt werden, im Grunde genommen aber den
Charakter einer medienunabhängigen "anthropologischen
Konstante" haben - die Suche nach dem Kern der eigenen
Identität. Und dies macht eines deutlich: Auch das Netz
eignet sich nicht zur Wunschmaschine für eine
Alternativ-Existenz, die von der Last des Real-Life befreit
- dazu ist es (ein Paradox?) viel zu real. Und so stellt
sich das Internet als eine der vielen Wirklichkeiten dar,
die man als Berufs-, Familien- und Freizeitmensch sowieso
hat. Das Pixel-Ich ist ein Teil des Ichs.
Natürlich kann man sich
die Frage stellen, inwieweit es sinnvoll ist, ein in und mit
dem Internet entstandenes Projekt über das Netzleben in
Buchform herauszugeben. Nun, es sprechen einige Gründe
dafür: Zunächst einmal der legitime Wunsch der
Autoren, vielleicht doch etwas Geld zu verdienen. Lebt das
Internet gerade im Kunstbereich von einer Art
"Geschenkökonomie", in der weder Künstler noch
Schriftsteller finanziell profitieren, liegt es nahe, sich -
wenn möglich - des ausgereiften Buchmarktsystems zu
bedienen, statt das Netz mit "Zollgrenzen" zu spicken, die
nur gegen Zahlung überwunden werden können. Zum
zweiten ist es nach wie vor so, dass Bücher sehr viel
stärkere Beachtung durch Kritik und Wissenschaft finden
als die zensur- und redaktionsfreie
Netzveröffentlichung. In einer Zeit, in der Literatur
und Wissenschaft sich nach wie vor am medialen Paradigma des
gedruckten Buches orientieren, kann ein Buch wie das
"Pixel-Ich" durchaus Aufklärungsarbeit leisten und
damit das Augenmerk auf die (ästhetischen) Potentiale
des Internet lenken. Und zum dritten dokumentiert das Buch
etwas, das sonst selten deutlich wird: Der Transfer in das
alte Printmedium führt vor Augen, dass Buch- und
Netzliteratur in engem Zusammenhang miteinander stehen
können - das Schreiben im Netz wird voraussichtlich
auch das Schreiben von Büchern verändern.
Heterogenität und Stilvielfalt sind Merkmale einer
kollektiven Autorschaft, bei der keine vereinheitlichende
Glättung vorgenommen wurde, um ein homogenes "Werk" zu
kreieren, wie es normalerweise bei kooperativen
Schreibprojekten für Bücher passiert - insofern
ist das Buch auch eine Dokumentation performativer
Sampling-Literatur, die keinen Anfang und kein Ende und
schon gar keinen Werkcharakter für sich beansprucht.
Das wird unterstrichen durch die Spontaneität vieler
Beiträge, die aus dem Moment heraus entstanden sind und
denen eine angenehme Unmittelbarkeit innewohnt.
Die jüngst entfachte
Diskussion
über den ästhetischen Wert des "Pixel-Ich" scheint
sich dagegen auf einen sehr konservativen, von der
Literaturtheorie schon seit längerem kritisierten
Literaturbegriff zu orientieren. Denn interessant ist das
Buch gerade unter dem Aspekt seiner Entstehungsgeschichte
und seiner medialen Umgebung, die sich in den Beiträgen
in vielfältiger Form spiegelt. Zudem - und dies ist der
Vorteil von Samplings - kann der Leser sich je nach Vorliebe
das heraussuchen, was ihm gefällt und anderes
überspringen. Die Heterogenität verhindert
darüber hinaus zum Glück das exhibitionistische
Moment, das Online-Tagebüchern von Einzelautoren
häufig anhängt: Von den Pixel-Ichs erfährt
man immer nur Splitter, den Rest muss man sich selber
denken.
Das Buch als Ganzes ist als
Dokumentation des netzverwobenen Alltagslebens daher
durchaus nicht überflüssig, als Sammlung einzelner
Texte teilweise amüsant zu lesen, zumal man -
ähnlich wie im Netz - beliebig browsen kann, mal hier
und mal dort herumliest. Außerdem: Was nun eigentlich
Literatur ist, weiß sowieso kein Mensch - erlaubt ist,
was Vergnügen bereitet. Und mir hat das Lesen
Spaß gemacht.
Sabrina
Ortmann/Enno E. Peter (Hg.)
tage-bau.de: Mein Pixel-Ich. Ein literarisches
Online-Tagebuch.
Berlin (berlinerzimmer.de) 2001.
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