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Die
Teilnehmer des Panels, das am 18. Juni um 18 Uhr rund 30
Zuschauer anzog, stehen durchaus in unterschiedlicher
Beziehung zum Gegenstand. Thomas Wegmann war Mitorganisator
der Softmoderne, jenem legendären Symposium, das schon
1996 amerikanische Autoren von Hyperfiction in Berlin aufs
Podium brachte. Ulf Schleeth hat als Mitbegründer von
txt.de, der "führenden Web-Plattform für
Independent Verlage", seit 1997 soviel Erfahrungen mit dem
Vertrieb von Texten im Netz gesammelt, dass das ganze sich
inzwischen als Firma trägt. John Tranter, Poet aus
Australien, investiert seit 1997 viel Energie und Liebe in
das Journal Jacket (jacket.zip.com.au), das viermal
jährlich in einem Umfang von je rund 200 Seiten Poesie
online präsentiert. Der Essayist und Übersetzer
Eliot Weinberger aus Manhatten schließlich hat sich
verschiedentlich mit der Bedeutung des Netzes für das
Buch beschäftigt.
Bei dieser Zusammensetzung
war es kein Wunder, dass das Netz v.a. als Distributionsort
diskutiert wurde, und in dieser Hinsicht hatten alle viel
Löbliches zu sagen. Scheel verweist auf den Vorteil des
Book on Demand-Verfahrens für kleine Verlage und
exklusive Bücher, Weinberger schwärmt vom
faktisch grenzenlosen Zugang zu allen Büchern, sei es
aus Alaska oder dem Alpendorf, und betonte, dass dieses
Medium der Massenkultur zugleich, und anders als das
Fernsehen, ein verdienstvolles Medium der Minderheitenkultur sei. Tranter
hob die Reichweite und die Unabhängigkeit kleiner Literaturzeitschriften im Netz hervor. Die sensible Frage, wie er sein kostenloses
Journal finanziere, kontert er mit Enthusiasmus und einem
Ausflug in die Schenkkultur des pazifischen Raums, wo sich
soziales Ansehen nicht daran misst, wieviel man besitzt,
sondern wieviel man weggibt. Wegmann resümiert mit
Blick auf Reinald Götz' bei Suhrkamp erschienenes
Netztagebuch: "Zum Buche drängt, am Buche hängt
doch alles" und versucht, das Gespräch nun von der
Literatrur im Netz auf die Literatur des Netzes zu lenken.
Damit stößt er an die Kompetenzgrenzen seiner
Gesprächspartner.
"You don't sit in bed with
your laptop", wiederholt Weinberger ein altes Argument,
über das man schon nicht mehr lachen kann, und meint
weiter, es gebe im Leben ohnehin Lügen genug, da
brauche man nicht auch noch computergenerierte Zufallstexte,
sondern wahre, verlässliche Worte. Tranter glaubt
nicht, dass Animationen einem Gedicht irgendwas hinzugeben
könnten, und Scheel findet Hypertext
überflüssig, weil ja schon der traditionelle
lineare Text im Kopf der Leser ein Gewebe an Assoziationen
entstehen lasse. Und mehr gab es zum Abenteuer digitale
Literatur schon nicht zu sagen.
Man möchte auf solch
offensichtliche Unkenntnisse einfach nicht mehr eingehen.
Man möchte nicht immer wieder richtigstellen, dass
digitale Texte nicht mit aleatorischen gleichzusetzen sind
und dass gerade im Netz effektive Formen entwickelt werden,
um kursierende Lügen zu dekonstruieren, und zwar ohne
die Naivität, die wahre Wahrheit an deren Stelle setzen
zu können. Man möchte nicht immer wieder auf die andere
Ästhetik konkreter Poesie hinweisen, die durch die
Zeitebene der Animationen eine interessante
Ausdrucks-Schicht hinzubekommt. Man möchte auch nicht
immer wieder von der neuen Semantik sprechen, die sich aus
der Verbindung von Wort, Bild, Ton und Programmierung
ergibt, und die unsere Lesekompetenz in ganz neuer Weise
herausfordert. Man möchte den Herren einfach nur
zurufen: Bitte, beschäftigt euch vorher ein bisschen
mit dem, worüber ihr nachher vor Publikum sprechen
sollt. Und bitte bemesst das Neue nicht nach den Maßstäben
des alten Literatur-Paradigmas.
Dass Wegmann bei soviel
Ignoranz nicht den Märtyrer gab, sondern dann
vielmehr selbst die mangelnde Qualität von
Mitschreibprojekten zum Besten gab, ist fast
verständlich. Wie soll man sich und dem Publikum in
einer solchen Runde auch differenziertere Standpunkte
erarbeiten! Schade ist nur, dass ein so unqualifiziertes
Gerede dann als Auskunft stehenbleibt. Ist das Absicht?
Wegmann hatte eingangs
erklärt, dieses Panel sei so etwas wie die ungeliebte
Satellitenschüssel am Balkon des Festivals. Das war
schön gesagt und gewiss nicht übertrieben, bedarf
aber eines Zusatzes: Ungeliebt ja, unwichtig keineswegs,
denn solche Veranstaltungen sind allemal gut genug, Themen
in bestimmter Weise zu besetzen. Seit Foucault wissen wir,
dass man den Sex nicht durch Verschweigen bannt, sondern
durch eine bestimmte Diskursivierung. Sollte dies das
Kalkül solcher Satellitenschüsseln sein? Die
skizzierte Diskussionsrunde hat jedenfalls ihr Bestes
dafür getan, dass der Zusammenhang Literatur und Neue
Medien nur aus der Perspektive der Distribution als sinnvoll
und zukunftsträchtig erscheint. Das Netz also als
Diener des Buches, und nicht als ernstzunehmender Ort neuer
ästhetischer Experimente und damit gar als Konkurrent
in der Aufmerksamkeitkonkurrenz der Medien. Ganz schön
raffiniert!
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