www.dichtung-digital.com/2001/06/25-Simanowski

Fotofragmente
Frank Richters "I concrete myself in a oscillating world"

Roberto Simanowski

"Today i live in a world, in which people more often travel without arriving, or arrive without traveling. So it is possible to see a space or a space structure that goes beyond imagination and reflection. The presented work makes the phenomena of living-space concrete." So lautet die Einleitung zu Richters "16 statements and 16 questions for you", seinem Beitrag zum InternetKunstPreises 2001 (Bericht auf dd) . Das Thema des Wettbewerbs lautete: "Wer bin ich heute? Was werden wir morgen tun?" Richter kleidet seine Antworten in Fotos, Flash, JavaScripts, dynamische Layers. Die Effekte sind beeindruckend, und wer dies nicht aus der Perspektive der technischen Umsetzung so empfindet, kann es vielleicht aus der Perspektive dekonstruktivistischer Fotofilosofie.


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Nehmen wir gleich die erste Einstellung. Unter der Überschrift in Rot: "(1) I concrete myself in a oscillating world !" bewegen sich acht kleine Images über den Bildschirm, die jeweils animiert sind und ein Männergesicht - nehmen wir einmal an, es ist Frank Richter - zeigen, das viel zu gross für den Rahmen ist. Man sieht auf den rot umrandeten Schwarweißbildern abwechselnd eine der Augenpartien oder den Halsansatz. Das ist ein nicht schwer verständliches Symbolik: Die Multiplizierung des Ichs und zugleich seine Fragmentarisierung innerhalb des zur Verfügung stehenden Raumes; plus die Unstetigkeit, die in der Bewegung über den Bildschirm liegt. Durch einen Mousemove-Tag gewinnt die Sache allerdings zusätzliche, medienspezifische Bedeutung.

Alles strebt zur Maus, könnte man das beschreiben, was Richter hier programmiert hat. Wo immer man die Maus hinbewegt, die Bilder strömen zu ihr. Solche Effekte kennt man aus diversen JavaScript-Libraries. Aber was dort ein billiger Effekt ist, mit dem man die Besucher seiner Website einen Überraschungsmoment lang beeindruckt, ist hier raffiniert integriert in eine mehrschichtige Aussage über die Verortung des Ich. Ich bin es, dem das andere Ich gehorcht, ich, der User, und meine Maus.

Aber wieso ich? Der andere kennt mich doch gar nicht! Es könnte irgendwer sein, wenn er nur eine Maus hat. Eben; es kommt nicht auf mich, als das Gegenüber, an. Ich bin ja selbst ein namenloser User, der sich irgendwie zu verorten versucht in dieser Welt der Verschiebungen. Und mir mag es dabei so ergehen wie den Ich-Fragementen Frank Richters: Selbst die Ausrichtung aller Teile auf ein Ziel, führt zu keinem Ganzen. Einen Augenblick entsteht die Illusion, wenn alle Bildchen zur Maus streben, dass sie dort wie die Mitspieler eines Puzzles sich verbünden. Aber dem ist nicht so. Mehr noch: Die Maus zeigt, wenn sie eines der Bilder berührt, einen Link an. Aber sie linkt nicht. Kein Großbild erscheint, wie es üblich ist, wenn man im Netz auf Images von solch geringen Maßen klickt. Der zur Hand verwandelte Kurser ist ein Versprechen, das nicht eingelöst wird. Weil es gar kein Hinter-dem-Image gibt? Die dysfunktionalen Links sind freilich zunächst der Technik geschuldet, denn die Bilder sind als Layer ausgewiesen und müssen für das Funktionieren des JavaScripts einen Link darstellen. Indem dieser auf sich selbst linkt, kann man die aufgezwungene Verbindung wieder neutralisieren. Die Vorspiegelung des Links auf der Bildschirmebene bleibt trotzdem; und wie man sieht, kann man sie interpretativ ganz gut gebrauchen.


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