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RD:
Die Stuttgarter
Gruppe war eine im
soziologischen Sinne offene (offen gehaltene) Gruppe. Ich
kann also nicht als Gruppensprecher, wohl aber aus meinem
Verständnis antworten. Nach unserer einzigen
manifesten
Äußerung
verstand sich die Stuttgarter Gruppe in einer Tradition seit
der Kunstrevolution, bemüht, die Grenzen zwischen den
einzelnen Kunstarten offen zu halten und das Produzieren von
Kunst mit dem Reden über Kunst zu verbinden. Dabei ging
es uns (oder wenigstens mir) zunächst um eine
Verbindung von Tendenz und Experiment im Antagonismus
dessen, was Max Bense dann als "natürliche" und
"künstliche Poesie" unterschied, (in Umkehrung
übrigens von Vorstellungen des Novalis aus dem
"Allgemeinen Brouillon"), was sich durch die Apollinairesche
Unterscheidung von "persönlicher" und
"unpersönlicher Poesie" ergänzte. Daß es
dann seit 1959 in Stuttgart und bald auch anderswo
möglich wurde, mit Hilfe von Rechenmaschinen Texte
auszugeben, war uns neben unseren anderen Textexperimenten
und nicht nur bei der Diskussion des Autorbegriffs
willkommen. Ich möchte das mit zwei Zitaten belegen:
"schließlich bin ich so etwas wie eine geschichte von
etwas" versus "ich bin eine maschine, die
schreibt".
dd:
Wenn die Experimente zur "künstlichen Poesie" auf die
literarische Produktion einer Maschine zielen, stellt sich
freilich die Frage, inwiefern auch die Rezeption an eine
Maschine gebunden ist. Quenaus berühmter Text Cent
Mille Milliards de poèmes (1961) ist Beispiel
dafür, dass ein von einer virtuellen Maschine
produzierter Text nur noch von einer Maschine
erschöpfend wahrgenommen werden kann, denn kein Leser,
auch nicht der Autor, kann all die Texte dieser
Sonettsammlung rezipieren. Der Sachverhalt verschärft
sich, wenn der Text völlig aus der Maschine stammt.
Worin liegt der Reiz stochastischer und aleatorischer Texte?
Was macht man mit Texten, aus denen der Autor und mit ihm
der individuelle und gesellschaftliche Hintergrund
ausgetrieben wurde?
RD: Zunächst zu
Raymond Queneaus Cent Mille Milliards de poèmes,
die uns bei Erscheinen in dem von Max Bense geleiteten
Arbeitskreis "Geistiges Frankreich" der damals noch
Technischen Hochschule Stuttgart heftig beschäftigt
haben, ebenso wie ein Jahr später Marc Saportas
beliebig kombinierbarer Lose-Zettel-Roman "Composition no.
1". Im Falle Queneaus handelt es sich um 10 reimidentische
Sonette, die übereinandergelegt und nach jeder Zeile
geschnitten in den möglichen Kombinationen eine in der
Tat individuell nicht mehr mögliche Leseleistung
verlangen. Das war einmal ein bei Queneau nicht
verwunderlicher mathematischer Spaß, verwies zum
anderen (wenn Sie an das Nachwort von F. Le Lionnais denken)
auf eine "Littérature Combinatoire", die Ars
Combinatoria des Barock (hier mit ausdrücklicher
Namensnennung von Harsdörffer). Es gibt also eine
Tradition stochastischer und aleatorischer Dichtung und
Kunst, sogar Wissenschaft (wenn Sie z.B. an die, allerdings
wissenschaftssatirisch gedachte, Maschine der Akademie von
Lagedo in Gullivers Reisen denken).
Und wie im Barock diese
aleatorischen Spiele einen weltanschaulichen
(religiösen) Hintergrund hatten, kann ich die
stochastische und aleatorische Dichtung und Kunst seit den
60er Jahren durchaus als Spiegel eines
Weltverständnisses lesen bzw. sehen, das menschliches
Denken und Wissen auf 0 und 1 zurückzuführen
versucht (das Gödelsche Unentscheidbarkeitstheorem
einmal außen vor gelassen). Wobei die Maschine ja im
doppelten Sinne nicht nur zur Hervorbringung von Text und
Grafik genutzt wurde, sondern auch zur Analyse eingesetzt
werden kann, spielerisch und überzeugend z.B. in Georg
Perecs "La Machine", einem von Eugen Helmlé für
den Funk über- und umgesetzten Hörspiel, in dem
ein Computer "Wanderers Nachtlied" untersucht bis zu dem
Befehl, es zu verbessern, den auszuführen der Computer
verweigert. Notabene: Georg Perec war Computerfachmann.
Natürlich hat "La Machine" noch einen Autor, der die
Maschine vorführt. Und bei Theo
Lutz' "Stochastischen
Texten" von 1959,
den unwesentlich späteren "Autopoemen" Gerhard Stickels
gäbe es sogar - wenn man so will - zwei Autoren,
nämlich denjenigen, der jeweils das Wörterbuch
bereit stellt (Kafka, Matthias Claudius etc.) und
denjenigen, der die Syntax und Grammatik programmiert und
den erzeugten Text selektiert: den Mathematiker und
Programmierer.
dd:
Die philosophische Dimension der Ars Combinatoria des Barock
drückt sich vielleicht am prägnantesten im Apendix
zu Quirinus Kuhlmanns Gedicht "Wechsel menschlicher Sachen"
von 1671: "Alles wechselt; alles libet; alles scheinet was
zu hassen: Wer nur disem nach wird denken / muß di
Menschen Weißheit fassen". Die Botschaft
entsprach dem Lebensgefühl des kopernikanisch belehrten
Barock, das mit dem Mittelpunktstatus im Sternensystem auch
die Verbindlichkeit des Kanonischen verlor und so die
unmissverständliche Bestimmtheit der klassischen
Renaissanceform durch Ambivalenz, Dynamik und Spiel
ersetzte. Die kombinatorische Dichtung war dann ein
logischer Bestandteil dieser Ästhetik. Im digitalen
0-1-Paradigma scheint sich hingegen die Idee der absoluten
Bestimmbarkeit zu verkörpern, die den unbenennbaren
Rest des analogen Wahrnehmungs- und Beschreibungsmodells
endgültig tilgt. Wäre insofern die aleatorische
Dichtung des Computerzeitalters eher die Reaktion auf einen
Erfolg als auf die Erfahrung eines Verlusts, ein Spiel also,
dem der ernste Hintergrund fehlt? Oder versteckt sich in den
Spielen des Digitalen gar die Sehnsucht nach dem Analogen
als dem verdrängten Alter Ego?
RD: Man kann,
muß hier (im Übergang von der Renaissance zum
Barock) nicht nur an Quirinus Kuhlmann denken. Aber da
gäbe es im Grunde wohl keine
Verständigungsschwierigkeiten. Mir lag lediglich am
Hinweis, daß man selbst bei extremen
künstlerischen Hervorbringungen in den "Quelltext"
schauen sollte. Aktuell gerade auch bei den digitalen
Hervorbringungen, um die es in diesem Gespräch wohl vor
allem geht. Hier gibt es sicherlich auch keinen Dissenz
darüber, daß sich im "digitalen 0-1-Paradigma
[...] die Idee der absoluten Bestimmbarkeit"
verkörpere. Und: daß sie nicht ausreiche.
Vielleicht habe ich mich hier unklar ausgedrückt. Alles
was in der mathematischen Logik seit Frege, Russel, seit
Wittgenstein und anderen diskutiert wurde, und was uns in
den 60er Jahren sehr beschäftigte, interessierte uns
vor allem an den Grenzen, dort nämlich, wo mit Kurt
Gödels "Über formal unentscheidbare Sätze
[...]" so etwas wie eine Meta-Mathematik ins Spiel
kam, wo - ich glaube es war in Princeton - eine Maschine
diskutiert wurde, die sich selbst bauen konnte, aber wegen
der einprogrammierten Random-Elemente schon in der zweiten
Generation nicht mehr vorstellbar war. Ich würde
deshalb gerne das wahr-falsch-unentscheidbar unserer
damaligen Dikussionen für die Computer- und Netzkunst
mit einem 0-1-x ersetzen und wäre an einer Diskussion
über dieses x mehr interessiert als an der in meinen
Augen unfruchtbaren Diskussion über Sinn und/oder Uninn
einer Hyperliteratur.
dd:
Was wären die Parameter einer solchen Diskussion
über das x?
RD: Wenn ich bei
"dichtung digital" 0 1 für "digital" setze, stünde
x für "dichtung". Anders gesagt, mich interessiert
brennend, was einen Netztext zu Dichtung, ein Netzbild zu
Netzkunst macht, oder beides zusammenfassend: was die Kunst
der Netzkunst ist. Dies herauszufinden, bedarf es
zunächst gewissenhafter Analysen der bisherigen
Experimente und ihrer Ergebnisse, um zunächst einmal so
etwas wie die 'poetologischen' Grundlagen einer Netzkunst
oder -dichtung, wenn Ihnen das lieber ist, zu bestimmen.
Danach könnte man weiter sehen.
dd:
Das ist freilich die schwerste Aufgabe überhaupt und
die dringlichste zugleich: eine Poetologie der Netzkunst
erarbeiten. Ich vermute, diese Diskussion wird nicht so
schnell abzuschließen sein, und ich bin mir sicher,
dass man sie in mancher Hinsicht auch außerhalnb des
0-1-Paradigmas führen muss. Denn gerade solche Fragen
wie: Wann wird aus einem Text Literatur? Was ist Kunst?
bedürfen, vor oder neben ihrer Diskussion am konkreten
digitalen Beispiel, wohl auch einer
medienübergreifenden Erörterung; die
Phänomenologie des digitalen Kitsches z.B. wird ohne
eine Psychologie des Kitsches im allgemeinen nicht
auskommen. Ein weites Feld, das einmal eine gesonderte
Behandlung verdient hätte. Lassen sie mich für
jetzt auf die Vorgeschichte der digitalen Medien
zurückkommen. Der WDR sendete 1970 Ihren Radio-Essay
"Sprache und Elektronik. Über neue technische
Möglichkeiten, Literatur zu erstellen und rezipieren".
Was waren Ihre Hauptthesen? Welche neueren technische
Möglichkeiten sehen Sie heute, im Zeitalter von
Heimcomputer und Internet?
RD: In diesem
später von Helmut Heißenbüttel für SDR
übernommenen Radio-Essay ging es mir vor allem um die
These, daß jedes neue Medium Literatur verändert,
wenn sich ihre Hersteller auf die Bedingungen des Mediums
einlassen. Und ich habe dies u.a. an ausgewählten
Hörspielen, Stuttgarter Tonband-Experimenten und
stochastischen (computergenerierten) Textbeispielen zu
zeigen versucht.
Der Personal Computer hat
heute den Weg vom Autor zum Leser
(Autor-Lektor-Drucker-Buch-Handel) wesentlich vereinfacht
und verkürzt, das Internet den User/Leser, wenn der
Autor dies zuläßt, zur nachträglichen
Mittäterschaft eingeladen. Ein Roman entstand zum
Beispiel am Schreibtisch und im Context des in der Regel
belesenen Autors (Bücher entstehen aus Büchern),
aber er entstand (mit anderem Context) im Kopf des Lesers
neu und anders. Das Internet bietet dem User/Leser jetzt die
Möglichkeit, seinen Roman zur weiteren Lektüre
ebenfalls bereitzustellen, der im Kopf des nächsten
User/Lesers ... undsoweiter, was den Text offen hält.
Mit der Konsequenz, daß Internet-Texte oft nicht
abgeschlossen sondern lediglich Textzustände
sind.
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