www.dichtung-digital.de/2001/07/17-Simanowski

Zur Ästhetik der Lüge
Gefälschte Websites und Hochstapler

von Roberto Simanowski

1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6

Während im Literaturbetrieb das Ende der genauso apolitischen wie selbstinszenatorischen Popkultur ausgerufen wird, gibt es im Internet einen Polit-Pop, der mit bösen Mitteln gute Werke tut. Da werden Websites gefälscht, da werden Falschmeldungen in Umlauf gebracht, da geben sich Künstler als Politiker aus. Aber die Inszenierung ist nicht Selbstzweck. Die Hochstapelei erfolgt im Dienste der Aufklärung und dient der Vermittluing von Medienkompetenz. Es geht um die Erziehung zum Misstrauen. Die Reservierung der richtigen Domain ist oft der Anfang.



Das Geschäft mit Tippfehlern und die Streiche der Politik

Während in der Sprachwissenschaft als kleinstes bedeutungsdifferenzierendes Zeichen das Phonem gilt, ist dies im Internet eher das s oder der Bindestrich. Denn das Plural-S und der Binde-Strich haben völlig gegensätzliche Aussagen zur Folge, und zwar dann, wenn sie im URL stehen, der Adresse, die man in den Browser eingibt, um zu einer bestimmten Website zu kommen. Oft sind die Ergebnisse gar nicht so gegensätzlich, wie im Falle www.auto.de und www.autos.de, oft aber doch, wie bei www.car.com und www.cars.com, wo ersteres zu Carter Wallace, Inc. führt, dem Vertreiber von Zahnpoliercreme und Amerikas Kondom Nr.1, und erst letztere zu dem, was man schon unter jener Adresse erwartete. Unter www.lifestyle.de stößt man wie erwartet auf eine Beauty-Homepage mit Fitness-, Styling-, Stil-, Typ- usw. -beratung. Probiert man hier den Plural, sieht man, dass der Domainname vergeben ist, die Website (im Mai 2001) aber noch nicht aufgebaut wurde. Man fragt sich, wer da in der Nähe des Beauty-Shops wohnen will. Dass es sich um eine gute Wohnlage handelt, steht außer Frage.

Die inhaltliche Nachbarschaft ist freilich mitunter recht lose, wie die Kommunikation und Webdesign GmbH & Co KG zeigt, die sich unter www.life-style.de angesiedelt hat, und wie noch viel mehr Udo Weißenfels belegt, der unter www.livestyle.de Vertriebspartner für ein Lotto-System sucht. In diesem Falle ist www.livestyle.de übrigens nur eine Fängerseite für Besucher mit schlechtem Englisch, der Klick führt dann zur Site www.lottoteam.com, wo von Livestyle, ob mit v oder f, nicht mehr die Rede ist. Andere bauen weniger auf mangelnde Rechtschreibkenntnisse als auf Tippfehler, womit die Nachbarschaft eine der Buchstaben auf dem Keyboard ist. Vertippen Sie sich zur Probe mal bei www.microsoft.com und achten Sie darauf, dass microdoft wieder so eine Fängersite darstellt und dass microsodt for Sale ist. Ohne Frage, gern siedelt man sich in der Nähe viel besuchter Websites an, die Hauptstraßenlage zahlt sich auch im Netz aus: das Geschäft mit dem Tippfehler.

Dass der Tippfehler auch geschäftsschädigend sein kann, zeigte sich, als der amerikanische Spielzeugkonzern www.etoys.com vor Gericht die Schließung der viel früher angemeldeten Domain der Schweizer Künstlergruppe www.etoy.com beantragte, weil dort martialisch anmutende Männer Sprüche und Bilder päsentierten, die jeden Spielzeug-Kunden so verschrecken mussten, dass er nie wieder auch nur in die Nähe dieser Domain gehen würde. Etoys setzte die Schließung der geschäftsschädigenden Domain bekanntlich durch und ging - denn die Rache der Netzgemeinde war bitter - daran schließlich zugrunde. Wer diese moderne David-Golliath-Geschichte noch nicht kennt, erfährt sie von Armin Medosch auf Telepolis ).

Geschäftsschädigend ist es übrigens auch, wenn man nur mal so mit Webadressen hantiert, weil das Medium gerade In ist. So geschehen im Sommer 2000, als C&A auf Kinder-T-Shirts einen URL drucken ließ, um cool zu wirken und seinen minderjährigen Käufern etwas davon abzugeben. Die zeigten sich allerdings informierter als der Bekleidungskonzern und wussten im Gegensatz zu dessem PR-Manager, dass man sowas im Web auch tatsächlich aufsuchen kann. Sie stießen auf eine Schwulen-Hardcore-Site. Es folgten: Entrüstungen, Entschuldigungen, schlechte Presse und Rückrufaktionen. Abgesehen davon, dass sich C&A nun plötzlich zu den ungewohnten Sexualpraktiken einer Randgruppe verhalten musste, war es freilich peinlich, auf den Hype der neuen Medien zu setzten und dann preiszugeben, wie wenig diese einen interessierten. Welch eine Heuchelei! (mehr Informationen dazu)

Aber solche Vorfälle sind nur bodenlose Dummheit und die Tippfehlergeschichten sind, abgesehen vom Etoy-War, nur Schummelei. Die Lüge sieht anders aus. Die Lüge, um die es hier geht, benutzt einen ähnlichen URL nicht, um dahinter einen ganz anderen Inhalt anzubieten, sondern um den gleichen Inhalt anzubieten, genauer: um so zu tun, als wäre dies der Fall. Man macht für jemand anderen die Website, um diesem zu schaden. Einige Aufmerksamkeit und Gelächter erregte der "virtuelle Maibaumklau" in Oberbayern, als die SPD des Alpendorfes Lenggries sich die Domain www.csu-lenggries.de aneignete und als, im Retourverfahren, die Programmierer der CSU unter der noch freien Domain www.spd-pasing.de schrieben: "Willkommen bei der SPD Pasing. Wir sind in festem Tiefschlaf. Nichts geht voran. Wie in Pasing". (vgl. den Sternnewsletter vom 27.4.01) Aber auch das sind nur Spielereien, die, als habe man Angst vor der eigenen Courage, den Schwindel durch Übertreibung selbst aufdecken und letztlich alles nur als Spaß verstanden wissen wollen. Fälscht jemand die Website des Bundesministeriums des Innern, ist das schon anderen Kalibers.

1 > 2 - 3 - 4 - 5 - 6