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Das Geschäft
mit Tippfehlern und die Streiche der
Politik
Während
in der Sprachwissenschaft als kleinstes
bedeutungsdifferenzierendes Zeichen das Phonem gilt, ist
dies im Internet eher das s oder der Bindestrich. Denn das
Plural-S und der Binde-Strich haben völlig
gegensätzliche Aussagen zur Folge, und zwar dann, wenn
sie im URL stehen, der Adresse, die man in den Browser
eingibt, um zu einer bestimmten Website zu kommen. Oft sind
die Ergebnisse gar nicht so gegensätzlich, wie im Falle
www.auto.de und www.autos.de, oft aber doch, wie bei
www.car.com und www.cars.com, wo ersteres zu Carter Wallace,
Inc. führt, dem Vertreiber von Zahnpoliercreme und
Amerikas Kondom Nr.1, und erst letztere zu dem, was man
schon unter jener Adresse erwartete. Unter www.lifestyle.de
stößt man wie erwartet auf eine Beauty-Homepage
mit Fitness-, Styling-, Stil-, Typ- usw. -beratung. Probiert
man hier den Plural, sieht man, dass der Domainname vergeben
ist, die Website (im Mai 2001) aber noch nicht aufgebaut
wurde. Man fragt sich, wer da in der Nähe des
Beauty-Shops wohnen will. Dass es sich um eine gute Wohnlage
handelt, steht außer Frage.
Die inhaltliche
Nachbarschaft ist freilich mitunter recht lose, wie die
Kommunikation und Webdesign GmbH & Co KG zeigt, die sich
unter www.life-style.de angesiedelt hat, und wie noch viel
mehr Udo Weißenfels belegt, der unter www.livestyle.de
Vertriebspartner für ein Lotto-System sucht. In diesem
Falle ist www.livestyle.de übrigens nur eine
Fängerseite für Besucher mit schlechtem Englisch,
der Klick führt dann zur Site www.lottoteam.com, wo von
Livestyle, ob mit v oder f, nicht mehr die Rede ist. Andere
bauen weniger auf mangelnde Rechtschreibkenntnisse als auf
Tippfehler, womit die Nachbarschaft eine der Buchstaben auf
dem Keyboard ist. Vertippen Sie sich zur Probe mal bei
www.microsoft.com und achten Sie darauf, dass microdoft
wieder so eine Fängersite darstellt und dass microsodt
for Sale ist. Ohne Frage, gern siedelt man sich in der
Nähe viel besuchter Websites an, die
Hauptstraßenlage zahlt sich auch im Netz aus: das
Geschäft mit dem Tippfehler.
Dass der Tippfehler auch
geschäftsschädigend sein kann, zeigte sich, als
der amerikanische Spielzeugkonzern www.etoys.com vor Gericht
die Schließung der viel früher angemeldeten
Domain der Schweizer Künstlergruppe www.etoy.com
beantragte, weil dort martialisch anmutende Männer
Sprüche und Bilder päsentierten, die jeden
Spielzeug-Kunden so verschrecken mussten, dass er nie wieder
auch nur in die Nähe dieser Domain gehen würde.
Etoys setzte die Schließung der
geschäftsschädigenden Domain bekanntlich durch und
ging - denn die Rache der Netzgemeinde war bitter - daran
schließlich zugrunde. Wer diese moderne
David-Golliath-Geschichte noch nicht kennt, erfährt sie
von Armin Medosch auf Telepolis
).
Geschäftsschädigend
ist es übrigens auch, wenn man nur mal so mit
Webadressen hantiert, weil das Medium gerade In ist. So
geschehen im Sommer 2000, als C&A auf Kinder-T-Shirts
einen URL drucken ließ, um cool zu wirken und seinen
minderjährigen Käufern etwas davon abzugeben. Die
zeigten sich allerdings informierter als der
Bekleidungskonzern und wussten im Gegensatz zu dessem
PR-Manager, dass man sowas im Web auch tatsächlich
aufsuchen kann. Sie stießen auf eine
Schwulen-Hardcore-Site. Es folgten: Entrüstungen,
Entschuldigungen, schlechte Presse und Rückrufaktionen.
Abgesehen davon, dass sich C&A nun plötzlich zu den
ungewohnten Sexualpraktiken einer Randgruppe verhalten
musste, war es freilich peinlich, auf den Hype der neuen
Medien zu setzten und dann preiszugeben, wie wenig diese
einen interessierten. Welch eine Heuchelei! ( mehr
Informationen dazu)
Aber solche Vorfälle
sind nur bodenlose Dummheit und die Tippfehlergeschichten
sind, abgesehen vom Etoy-War, nur Schummelei. Die Lüge
sieht anders aus. Die
Lüge, um die es hier geht, benutzt einen ähnlichen
URL nicht, um dahinter einen ganz anderen Inhalt anzubieten,
sondern um den gleichen Inhalt anzubieten, genauer: um so zu
tun, als wäre dies der Fall. Man macht für jemand
anderen die Website, um diesem zu schaden. Einige
Aufmerksamkeit und Gelächter erregte der "virtuelle
Maibaumklau" in Oberbayern, als die SPD des Alpendorfes
Lenggries sich die Domain www.csu-lenggries.de aneignete und
als, im Retourverfahren, die Programmierer der CSU unter der
noch freien Domain www.spd-pasing.de schrieben: "Willkommen
bei der SPD Pasing. Wir sind in festem Tiefschlaf. Nichts
geht voran. Wie in Pasing". (vgl. den Sternnewsletter
vom 27.4.01) Aber auch das sind nur Spielereien, die, als
habe man Angst vor der eigenen Courage, den Schwindel durch
Übertreibung selbst aufdecken und letztlich alles nur
als Spaß verstanden wissen wollen. Fälscht jemand
die Website des Bundesministeriums des Innern, ist das schon
anderen Kalibers.
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