Ich
denke nein. Das Theater selbst ist anachronistisch, aber
dadurch auch bis heute aktuell geblieben. Weil die Themen,
die es behandelt, immer mit dem Menschen zu tun haben und
uns von daher immer angehen. Gleichzeitig hat Theater auch
mit Technik zu tun. Mit seiner Inszenierung im Raum.
Theatermacher haben und hatten auch stets einen Hang zur
Technik und zu neuen Technologien. Wie Goethe in seinem
Faust den Direktor im "Vorspiel auf dem Theater" sagen
lässt:
"Ihr
wißt, auf unseren deutschen Bühnen
Probiert ein jeder was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen
..."
Oder - kleiner
Schnelldurchlauf durch die Theatergeschichte - ich erinnere
an die hochkomplexe Bühnenmaschinerie des
Barrocktheaters oder an Erwin Piscator, der schon ganz
früh mit Filmeinblendungen, Projektionen und
Laufbändern auf der Bühne
arbeitete.
Ein anderer Theatermensch
schrieb 1932 eine "Rede über die Funktion des
Rundfunks". Bertolt Brecht. Was er in dieser Rede
formulierte, hört sich sehr nach Internet an.
Vielleicht muss man ja Brecht als einen der Pioniere des
Internet bezeichnen. Er hatte sich nämlich schon damals
ein Medium vorgestellt, das kein reines Distributions-
sondern ein Kommunikationsmedium wäre. Vor dem
Hintergrund des immer stärker Verbreitung findenden
Rundfunks heißt es bei Brecht: "Der Rundfunk wäre
der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des
öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das
heißt, er wäre es, wenn er es verstünde,
nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den
Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu
machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung
zu setzen."
Brecht forderte also genau
das, was das Internet heute ermöglicht, und er
knüpfte daran die utopische Hoffnung, dadurch die
Wirklichkeit, bzw. die Gesellschaft verändern zu
können.
Tatsächlich eine
Utopie? 1998 organisierte der ehemaliger Schauspieler
Ricardo
Dominguez mit dem
von ihm gegründeten "Electronic Disturbance Theater"
eines der ersten virtuellen Sit-Ins aus Solidarität mit
den Zapatisten in Chiapas. Durch das starke öffentliche
Interesse an den Aktionen konnten die Forderungen der
Zapatisten international bekannt gemacht werden, und
inzwischen gilt die zapatistische Bewegung als eines der
erfolgreichsten Beispiele politischen Untegrundaktivismus im
Internet.
Am letzten Beispiel wird
klar, dass man nicht pauschal über "das Theater" reden
kann. Theaterleute selbst haben unterschiedliche
Auffassungen von der eigenen Kunst. Für die einen steht
das politisch / soziale Moment im Vordergrund, für die
anderen die Ästhetik. Verwiesen sei hier beispielsweise
auf die schicke Site des
Hamburger
Schauspielhauses,
das vor einiger Zeit seine "Fünfte Spielstätte" im
Web eröffnet hat.
Bevor ich nun von einem
Wettbewerb berichte, der Anfang dieses Jahres vom
Theaterfestival
SPIELART
in Zusammenarbeit mit der
Ars
Electronica, dem
Medienforum
München und dem
Stadtforum
München
ausgeschrieben wurde, einem Wettbewerb, der zur
Auseinandersetzung mit den oben formulierten Fragen aufrief
und sich ausdrücklich an Theaterleute richtete,
möchte ich ganz allgemein und vielleicht etwas abstrakt
die Analogien der beiden (Kunst)-Medien Theater und Internet
benennen.
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