www.dichtung-digital.com/2001/08/20-Simanowksi

Dax, Nemax ... Laix
Literaturaktien und Steierischer Herbst

Roberto Simanowski

Der Aktienindex auf Talfahrt, die Börse flimmert, Kleinanleger raufen sich die Haare und wissen nicht was tun. Wie sagt der Dichter? In der Gefahr wächst das Rettende auch! Der Laix (Literaturaktienindex) beglückt mit dem Modell absoluter Risikominimierung. - Wie man die Börse mit der schönen Literatur versöhnt.


Jeder Anleger erhält gegen E-Mail-Adresse und Passwort 10.000 virtuelle Euro als Startkapital für den erwerb von Text-Anteilen an der vom Steierischen Herbst beaufsichtigten literaturboerse.com. Rund 20 Literatur-Produzenten haben den Schritt an die Börse bereits gewagt, unter ihnen allerlei Prominenz des alten und neuen literarischen Marktes: Teilnehmer des Bachmann-Wettlesens, Leonce-und-Lena-Preistäger und Initiatoren des Netz-Forum der 13.

Es ist die erste temporäre Börse der Welt – geöffnet rund um die Uhr vom 1. Juni bis 1. November 2001 – und es ist zweifellos die spannendste. Da lässt sich nicht nur die Entwicklung einer Aktie im Tages-, Monats- und Gesamtverlauf verfolgen, sie kann auch vollständig gelesen, bewertet und weiterempfohlen werden. Und die ständige Versammlung der Anleger im Diskussionsforum ermöglicht mit vorbildlicher Transparenz Einblicke in die Verfassung von Autoren, Kritiker und Publikum. Das macht Entwicklungen tausendmal kalkulierbarer als in vielen Fällen des Dax, ganz zu schweigen vom Nemax.

Ein attraktives Unternehmen also, das sensibel auf die Urteile der Juroren reagiert, die mit ihrem doppelten Spielkapital auch direkt in die Kursentwicklung eingreifen können. Sie repräsentieren die New Economy der Literaturkritik und verantworten abseits der traditionellen Feuilletons und Quartette Kapitalwertzuwächse wie –einbrüche. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang aber auch das Schicksal der Füssel-Aktie, die sich nach einem heftigen Auftaktveriss und einer nicht ohne Beschimpfungen geführten Auseinandersetzung erstaunlich gut erholen konnte und nun mit einem Kurs von 22, 86 gar unter den Top-Aktien auftaucht.

Unter den Top-News diese Woche übrigens die Prognose einer Belebung der Sparte Drama, die ja Verluste gegen Lyrik hatte hinnehmen müssen. Außerdem: Kieler Lyriker Arne Rautenberg erhält Lyrikpreis der Akademie Graz. Sein Text "Barbarenlichter" ist im Laix nach einem Plus von 50 Punkten Ende Juli (Ausgabewert 10 Punkte) derzeit wieder völlig unterbewertet. Verantwortlich dafür sicher auch das vernichtende Urteil des zuständigen Jurors – "mißglückte Parodie", "Pseudolyrik", "spätpubertäre Imitationsaktion" –, der der Aktie zudem grammatikalische Unsauberkeiten nachwies. Dass er selbst unsicher im Einsatz von Präpositionen ist, könnte der Aktie wieder aufhelfen. Den Rest wird die Grazer Entscheidung tun. Deutliche Zeichen für die Anleger also, jetzt zuzugreifen.

Deutschland im Aktienfieber, die Supermacht Börse kämpft mit dem Sport um Aufmerksamkeitsvorteile; die Kultur längst weit abgeschlagen. So war es einmal. Die Zeichen stehen auf Wandel. Die Literatur betritt den Markt und drängt mit großen Schritten in den Diskurs der Ökonomie. Journalisten, Buchhändler, Leser haben ein neues Thema. Warten wirs ab, bald gibt es in den Nachrichtensendungen neben den Börsenberichten die Rubrik Aktien-Lektüre. Das nennt man: die Verhältnisse in ihrer eigenen Sprache umwälzen. Die fabelhafte Welt der Amélie kommt im Schafspelz.


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