Jeder
Anleger erhält gegen E-Mail-Adresse und Passwort 10.000
virtuelle Euro als Startkapital für den erwerb von
Text-Anteilen an der vom Steierischen Herbst beaufsichtigten
literaturboerse.com.
Rund 20 Literatur-Produzenten haben den Schritt an die
Börse bereits gewagt, unter ihnen allerlei Prominenz
des alten und neuen literarischen Marktes: Teilnehmer des
Bachmann-Wettlesens, Leonce-und-Lena-Preistäger und
Initiatoren des Netz-Forum der 13.
Es ist die erste
temporäre Börse der Welt geöffnet rund
um die Uhr vom 1. Juni bis 1. November 2001 und es
ist zweifellos die spannendste. Da lässt sich nicht nur
die Entwicklung einer Aktie im Tages-, Monats- und
Gesamtverlauf verfolgen, sie kann auch vollständig
gelesen, bewertet und weiterempfohlen werden. Und die
ständige Versammlung der Anleger im Diskussionsforum
ermöglicht mit vorbildlicher Transparenz Einblicke in
die Verfassung von Autoren, Kritiker und Publikum. Das macht
Entwicklungen tausendmal kalkulierbarer als in vielen
Fällen des Dax, ganz zu schweigen vom Nemax.
Ein attraktives Unternehmen
also, das sensibel auf die Urteile der Juroren reagiert, die
mit ihrem doppelten Spielkapital auch direkt in die
Kursentwicklung eingreifen können. Sie
repräsentieren die New Economy der Literaturkritik und
verantworten abseits der traditionellen Feuilletons und
Quartette Kapitalwertzuwächse wie einbrüche.
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang aber auch das Schicksal
der Füssel-Aktie, die sich nach einem heftigen
Auftaktveriss und einer nicht ohne Beschimpfungen
geführten Auseinandersetzung erstaunlich gut erholen
konnte und nun mit einem Kurs von 22, 86 gar unter den
Top-Aktien auftaucht.
Unter den Top-News
diese Woche übrigens die Prognose einer Belebung der
Sparte Drama, die ja Verluste gegen Lyrik hatte hinnehmen
müssen. Außerdem: Kieler Lyriker Arne Rautenberg
erhält Lyrikpreis der Akademie Graz. Sein Text
"Barbarenlichter" ist im Laix nach einem Plus von 50 Punkten
Ende Juli (Ausgabewert 10 Punkte) derzeit wieder völlig
unterbewertet. Verantwortlich dafür sicher auch das
vernichtende Urteil des zuständigen Jurors
"mißglückte Parodie", "Pseudolyrik",
"spätpubertäre Imitationsaktion" , der der
Aktie zudem grammatikalische Unsauberkeiten nachwies. Dass
er selbst unsicher im Einsatz von Präpositionen ist,
könnte der Aktie wieder aufhelfen. Den Rest wird die
Grazer Entscheidung tun. Deutliche Zeichen für die
Anleger also, jetzt zuzugreifen.
Deutschland im Aktienfieber,
die Supermacht Börse kämpft mit dem Sport um
Aufmerksamkeitsvorteile; die Kultur längst weit
abgeschlagen. So war es einmal. Die Zeichen stehen auf
Wandel. Die Literatur betritt den Markt und drängt mit
großen Schritten in den Diskurs der Ökonomie.
Journalisten, Buchhändler, Leser haben ein neues Thema.
Warten wirs ab, bald gibt es in den Nachrichtensendungen
neben den Börsenberichten die Rubrik
Aktien-Lektüre. Das nennt man: die Verhältnisse in
ihrer eigenen Sprache umwälzen. Die fabelhafte Welt der
Amélie kommt im Schafspelz.
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