Das
Stuttgarter Kunstprojekt
Assoziationsblaster
(
Review,
Interview)
ist eine Schreibumgebung, bei der Nutzer passend zu
Begriffen eigene Texte eingeben können. Durch eine
Link-Automatik entsteht ein klickbarer Assoziationsraum
besonderer Art. Der Assoziationsblaster wurde 1999
mit einem
Netzliteraturpreis
der Stadt Ettlingen und der Firma EnBW ausgezeichnet. Das
Projekt ist auf einem von Studierenden verwalteten Computer
der Merz Akademie, einer privaten Kunst-Fachhochschule,
abgelegt.
Was war passiert? In der
Datenbank des Projekts tauchten unter verschiedenen
Stichworten mehrere Dutzend gleichlautende Werbetexte
für den Münchner Internet-Dienstleister
3points
auf, die als Assoziations-Reaktionen zum Teil wüste
Beschimpfungen anderer Nutzer nach sich zogen.
Nach einer Kontaktaufnahme
der Münchner mit der Merz Akademie wies diese nach
einer juristischen Prüfung die beiden jungen
Künstler, Dragan Espenschied und Alvar Freude, an, die
beleidigenden Einträge zu entfernen oder das System
abzuschalten. Andernfalls müsse man den
Studenten-Server vom Netz nehmen.
Markus Merz, der
Geschäftsführer und Direktor der Merz Akademie,
sah sich nach eigenen Angaben vor allem aus sachlichen
Gründen gezwungen, dem Druck von 3points
nachzugeben. Man stehe zwar grundsätzlich hinter dem
Kunstprojekt und hinter der Selbstverwaltung des Servers
durch die Studierenden und wolle damit ähnlich
innovative avancierte Projekte fördern, dennoch
müsse man abwägen, ob der finanzielle Aufwand
eines Rechtsstreits gerechtfertigt sei, oder ob man das
selbe Geld nicht lieber in ähnliche Projekte investiere
wie den Blaster.
Die Reaktion der beiden war
die Offensive: Der Blaster wurde abgestellt, durch
eine Dokumentation des Vorfalls ersetzt und mit einem
Diskussionsforum versehen. In verschiedenen Online-Foren von
Netzkünstlern und Internet-Freiberuflern erschienen
Aufrufe den Geschäftsführer von 3points per
E-Mail zum Einlenken zu bewegen. Jura-Foren im Netz wurden
bemüht, um sich über die Rechtslage klar zu
werden. 3points hatte sich nicht mit zwei weltfremden
Netzkünstlern angelegt. Freude und Espenschied hatten
unter anderem eine Software zur Ermöglichung von
virtuellen
Sitzblockaden nicht
nur erstellt, sondern auch gleich am Server des
Justizministeriums ausprobiert und hatten in ihrer
Diplomarbeit zu Zensur und Datenschutz im Internet durch
kreative Hack-Eingriffe in das interne Netz der
Merz-Akademie unter anderem Studien zu Nutzerreaktionen auf
Verletzungen der Privatsphäre angestellt.
Die Lage spitzte sich zu:
Der Geschäftsführer der Münchner Firma
erhielt teils sachliche teils weniger sachliche Zuschriften
per E-Mail, im Diskussionsforum des Blaster gingen
die emotionalen Wellen hoch: Von Zensur war die
Rede.
"Die Leute vom Blaster sind
absolut kompromisslos", so Oliver Kostinek, der
Geschäftsführer von 3points. "Ja, die
Schleichwerbung wurde offenbar von einem unserer Mitarbeiter
bereits im März 2000 in das System eingegeben. Die
harschen Reaktionen stören uns auch gar nicht, so lange
sie nur im Assoziationsblaster zu finden sind." Man wolle
lediglich sicherstellen, dass bei der Eingabe des
Firmennamens in Suchmaschinen nicht die herabsetzenden
Äußerungen der Blaster-Nutzer angezeigt
würden.
Dann wurde offenbar versucht
mit Hacker-Werkzeugen den Blaster-Server lahm zu
legen, Schwachstellen des Systems mit sogenannten Portscans
auskundschaftet wurden und Versuche unternommen wurden
Zugang erlangen. Zwei Fachleute der Stuttgarter
Computer-Sicherheitsfirma
DELOS
haben den Hack-Versuch analysiert und kamen zu dem Schluss:
"Der Hack hatte seine Quelle mit hoher Wahrscheinlichkeit im
Firmennetz von 3points. Der Hack wurde allerdings so
dilettantisch durchgeführt, dass keinerlei
Erfolgschance bestand. Es wurde beispielsweise versucht, mit
einem Hack-Tool für Windows-Server einem Unix-Server zu
schaden."
Bei 3points ist man
sich nicht sicher, ob und wann gehackt wurde. Mal gibt man
einen Portscan zu oder weiß man vom Einsatz eines
Hacker-Werkzeugs, dann war man es wieder nicht. Nach
fünf Tagen Gegenwind aus dem Netz lenkte 3points
schließlich ein: Man verzichte auf juristische
Schritte, der Blaster könne wieder online gehen. Man
bitte lediglich um Vorkehrungen, damit der Firmenname von
3points nicht mehr via Suchmaschinen gefunden werden
könne.
Warum haben Dragan
Espenschied und Alvar Freude nicht gleich am Anfang die
Einträge aus der Datenbank entfernt? Alvar Freude dazu:
"Es wäre gegen das Konzept des vorliegenden Kunstwerks,
dessen Motto ein Zitat des Hackers TRON ist : Die
Entscheidung liegt bei uns, den Usern. Das
heißt: Streng genommen haben Dragan und ich als
Administratoren gar nicht das Recht, die Texte der Nutzer zu
löschen. Eine Redaktion findet durch die Vergabe von
Punkten durch die Schreibenden selbst statt."
Und abschließend
Dragan Espenschied zu den Konsequenzen, die aus diesem
Zwischenfall folgen: "Hoffentlich trägt dieser Fall
dazu bei, dass nichtkommerzielle Projekte im Netz sich nicht
weiterhin automatisch wirtschaftlichen Interessen zu
unterwerfen haben. Schon zu oft haben bloße Drohungen
viele Site-Betreiber zum Aufgeben veranlasst. Doch auch die
ursprünglichen Werte des Netzes haben eine Lobby."
Oder, um es mit den Worten Wilhelm Buschs und deren
Abwandlung durch einen Schreiber im Blaster-Forum zu
sagen: "Fünf Tage war der Blaster krank, jetzt
blast er wieder. Gott sei Dank."
Der Beitrag
erschien zuerst in einer gekürzten Fassung in der
Stuttgarter Zeitung am 19.9.2001.
***
Oliver Gassners
Fragen an Olia Lialina
(
Review
zu Lialinas Hyperfiction My boyfriend came back from the
war)
OG: What
is special about this net-art project? How can it be
charaterized? What is it's quality?
OL: Internet
gives a possibility to initiate project which grow, so to
say, by themselves. or more precisely they grow by
contribution of others. one thing is to have this chance and
another to be able to use it. There are millions of texts,
databases archives online which are announced to be
"interactive" or "self generated", but only few of them
really work. AB is among this few really working.
OG:
How can the refusal of Espenschied and Freude to alter the
database in any way be explained?
OL: They are
well educated and experienced guys, they know the
environment in which they are acting. and they see that
there are no reasons to remove this entry. i myself don't
see any as well. But even if to imagine that there is a real
reason (don't know what can it be...), to remove this entry
would mean to destroy the AB, because there are no sense in
censored associations
OG: What is your
opinion on their consequence?
OL: first of all AB
will become more popular. Side effect can be that
3points and other online firms with offline logic
will finally start to learn laws and logic of distributed
network and act according to it which can finally make them
profitable.
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