Sie
haben genug von 9 to 5 jobs im Büro? Vom Warten aufs
Wochenende? Werden Sie Hacker! Ein 14 Stunden-Tag und
trotzdem: Was für eine Leidenschaft! Wer einen Computer
besitzt, einen Netzanschluß und genug Potatochips,
macht gern die Nacht zum Tag. Und obendrein ist man noch
Revolutionär, ganz ohne Straßenschlacht.
Information wants to be free heißt die Losung; der
Gegner ist das Copyright der bürgerlichen
Gesellschaft.
Doppelfaktor
Hacker
Das Hacker-Dasein hat zwei
Seiten: Die eine führt nach außen und betrifft
die Open-Source-Bewegung, die Befreiung von Information.
Gegner Nummer eins ist übrigens Ex-Hacker Bill Gates,
dessen Ehrgeiz nun darin liegt, die Welt mit
Lizenverträgen zu überziehen. Hacker wie
Linux-Erfinder Torvalds schwören hingegen auf die
Geschenk-Ökonomie. Die andere Seite führt nach
innen und markiert eine neue Haltung zur Arbeit.
Natürlich verflechten sich beide miteinander, aber
nicht zwangsläufig.
Denn es sind Hacker denkbar,
die nicht mal wissen, wie man eine Email verschickt. "Man
kann ein Hacker-Schreiner sein", schrieb Steven Levy schon
1994 in seinem Buch Hackers: Heroes of the Computer
Revolution. Entscheidend ist die Leidenschaft, die man
für das aufbringt, was man tut. Linus Torvalds
entwickelt im Prolog des Buches eine Motivationshierarchie
für menschliches Handeln: Überleben, Sozialleben,
Unterhaltung. Dass sich Sex und Krieg im Laufe der
Menschheitsgeschichte vom Faktor Überleben zum Faktor
Unterhaltung verschoben haben, klärt Torvalds en
passant. Dass die Arbeit diesen Weg genommen hätte,
kann man bisher nicht sagen. Außer bei jenen wenigen
Privilegierten, die schon immer nicht des Geldes, sondern
der Sache und des Ruhmes wegen wirkten: Künstler,
Schaupieler, Wissenschaftler.... nun auch
Hacker.
Hacker und
Marx
Das Ganze ist insofern nicht
neu. Auch die Chancen, die Arbeit insgesamt von ihrem
Entfremdungscharakter zu befreien und zum Ort der
Selbstverwirklichung zu machen, sind nicht gestiegen. Da
bedarf es schon anderer Revolutionen. Marx und Engels haben
viel darüber geschrieben. Wie man sah, hat es nichts
genutzt. Die Pointe liegt darin, dass die absolute Technik
die Entfremdung aufhebt und einen neuen Berufszweig in den
Club der Berufenen führt. Ob diese Hacker-Ethik die
protestantische Arbeitsethik ablösen wird und inwiefern
sie wirklich auf Schreiner ausgeweitet werden kann (und auf
Holzfäller, Transport- und Lagerarbeiter), bedarf
freilich einer tieferen Diskussion, in der auch Fragen der
Entfremdung, der Bildungschancen und der
Produktivitätsmaximierung zu behandeln
wären.
Darum aber geht es Himanen
nicht. Er will von Hackern reden, von ihrer Geschichte,
ihrem Verhältnis zu Zeit und Geld, zu
Öffentlichkeit und Privatsphäre und von ihren
Karrieren als Software-Unternehmensgründer (=
"kapitalistische Hacker"). Herausgekommen ist eine
informative Phänomenologie mit Hang zum
Philosophischen. Viel Max Weber, viel Platon, allerdings
kein Hegel, kein Marx. Diese Lücke füllt auch
Manuel Castell nicht, der im Epilog viel Theorie liefert,
ohne viel Neues zu sagen: Vom Paradigmenwechsel des
Industrialismus zum Informationalismus hat man schon
gehört, der Vergleich von Politik mit dem Prinzip
Hypertext wird nicht ausgeführt und die Rede von der
Netzwerk-Gesellschaft formuliert im Grunde nur die
Systemtheorie um. Trotzdem: Gut ist es schon, dass das alles
mal erzählt wird und ein Gegenmodell zur aktuellen
Arbeitsethik entworfen wird, die, anders als Sex und Krieg,
noch lang nicht in der Spaßgesellschaft angekommen
ist.
Kommentar/Erfahrungsbericht
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