Eine in
Ocker getauchte Website, mit schwarzen und gelben
kryptischen Zeichen, in der Mitte ein Rechteck, das in einen
Raum führt. Dort, wieder in Ocker, wieder unleserliche,
spiegelverkehrte Zeichen, die als Wände und Boden die
Umrisse eines Raumes bilden. In der Mitte ein Kubus aus
Buchstaben. Man hört eine Soundschleife. Jazz. Man kann
mit der Maus navigieren. Nach links und rechts, oben und
unten, man kann hinein-und herauszoomen.
Klickt man auf die
Wände oder in den Raum hinein, erzeugt man
Sound-Impulse, die sich in den bestehenden Sound-Teppich
einordnen. An der einen Stelle ist es ein Schlagzeug, das
der Klick aktiviert, an einer anderen ein Bass, Becken,
Drum-Sample, Gong. Die Instrumente sind hör- und
sehbar, denn der Klick bringt zugleich Buchstaben hervor,
die sich im Raum verteilen: tssh, ao/bm, td, dm.
Zwischen diesen vom
User-Input erzeugten Sound-Impulsen murmeln immer wieder
mehrere Männer den einen Satz: "Reality is because of
its sweet images...teaching a fair...hang on over you,
son...good sound... generic drugs". Oder ist es etwas ganz
anderes? Man kann den Satz eigentlich nicht verstehen, auch
nicht als Muttersprachler. Aber das ist schon Teil des
Konzepts. Es geht nicht um Sinn, der Text ist hier nur
Umgebung. Die Nachfrage bei Squid S o u p ergibt, man
hat zufällig aus Büchern Wörter gesampelt:
1. take a random
book off of a random shelf and open at a random page
2. read a random passage
3. repeat steps 1 and 2 a few times
4. take recorded passages and cut them into small pieces
(samples).
5. Change the speed and direction of some of the
samples
6. stick them back together in a different order
What you are left with is
the essence of speech.
Menschliches
3-D
Das Projekt heißt
passend
Untitled
und ist auf der renommierten Netzkunst-Website
The
Remedi Project
Nummer 7 ausgestellt. Es wurde geschaffen von
Squid
S o u p, einer
Gruppe von Designern, Künstlern und Musikern, die sich
neben kommerziellen Produkten (Online Games, Webtoys,
Multiuser Environments) der räumlichen Darstellung von
Sound verschrieben haben.
In einem begleitenden
Gespäch erklärt Squid S o u p, dass die
typographische Repräsentation von Sound ein Weg ist,
die Synergien zwischen Auditiven und Visuellem zu erkunden.
Der User taucht visuell und akustisch in den Sound ein.
Squid S o u p geht es um 3-D Räume, die warm und
menschlich sind. Bitte keine sterilen geometrischen oder
sci-fi Landschaften mehr, rufen sie aus: Wir wollen die
Gefühle des Publikums rühren durch die Schaffung
atmosphärischer Erlebnisse.
Rahmung
Das ist ihnen im
vorliegenden Projekt auf jeden Fall gelungen. Der Raum ist
voller Wärme, die Musik ist relaxed, das Gemurmel
suggestiv. Man kann nicht aufhören. Man wünscht
sich in diesen Raum, in dieses Licht. Will zwischen den
Buchstaben umhergehen. Sie immer wieder anfassen, sie doch
noch entziffern. Der Raum ist magnetisch wie die Tiefe von
Brunnen.
Vielleicht ist die Rahmung
des Ganzen ein Versuch, den Fall abzuschwächen.
Würde ein JavaWindow den navigierbaren Raum
umschließen, wäre der Kontakt unmittelbar. So
aber ist er eingebettet in die HTML-Seite, die immer die
Wand bewusst hält, in der sich das Fenster, durch das
man schaut, befindet. Dies gibt dem Blick Halt: Man blickt
nicht durchs Fenster, man schaut in einen Raum mit einem
Fenster.
Ästhetik des
Sinnlichen
Auf die Frage, was der
Betrachter in diesem Projekt sehen soll, antworten Squid S o
u p: "A feeling of being somewhere", wenn das Publikum es
faszinierend findet, haben wir unsere Arbeit gut getan. Es
geht offenbar nicht um einen tieferen Sinn, verborgen
zwischen den Zeilen, erkennbar nur nach langem Studium und
wiederholter Lektüre. Es geht um Faszination an
sich.
Diese Faszination ist
letzlich eine der Technik. Viele unserer Ideen, so Squid S u
o p, sind von der Technologie bestimmt. Den möglichen
Einwand, man sollte seine Ideen nicht zu Sklaven der
Technologie machen, kontern sie damit, dass sie die
Technologie als Ausgangspunkt für Brainstorming nutzen,
für die Frage, wie man suggestive Raumgefühle
vermitteln kann. Wie auch immer, Suggestion bleibt das
Ziel.
Das erinnert an Andrew
Darleys Feststellung vom Vormarsch einer Ästhetik des
Sinnlichen: "a shift away from prior modes of spectator
experience based on symbolic concerns (and
interpretative models) towards recipients who
are seeking intensities of direct sensual stimulation."
(Visual Digital Culture, Routledge 2000, S. 3) Es
geht um das Ornament, um den Effekt, um die Oberfläche.
Ganz in diesem Sinne haben die Texte hier keine andere
Funktion als die des Hintergrundgemurmels und der
Wandgestaltung.
Ist Text sonst die
Übertragung von Sound (d.h. gesprochener Sprache) ins
Visuelle, aus dem wiederum Sound (Sprache mit ihren
Aussagen) entsteht, so ist die Beziehung bei Squid S u o p
eine entsemantisierte, entrationalisierte. Die Buchstaben
sind ganz visuelle und akustische Materialität ohne
semantische Tiefe. Und vielleicht wirken sie gerade deswegen
wie ein Abgrund.