In den letzten Jahren gibt
es kaum einen Begriff, der so fröhliche Urständ
feiert wie der des Neuen. Die Neuen Medien machen's
möglich. Es gibt sogar wieder ein
Avantgarde-Bewußtsein im Einzugsbereich digitaler
Ästhetik, ein Avantgarde-Bewußtsein, das in Stil,
Gestus und auch Aussage nicht selten an historische
Manifeste erinnert. Mit dem Focus auf Neue
Medientechnologien wird fragwürdigerweise der
aggressivste Zeitbegriff der Moderne wiederbelebt,
nämlich der des Fortschritts. Damit unterwirft man die
Medienkunst - und die digitale Poesie als ihren Teil -
ungeschützt der "Logik des ökonomischen Tauschs"
(Boris Groys). Jedenfalls handelt man sich mit dem Neuen
paradoxerweise das Älteste ein, was die Moderne zu
bieten hat. Ich meine dagegen: Kunst bzw. Literatur
schreiten nicht mehr fort, sie erweitern sich
beständig, und die Beschäftigung mit den digitalen
Medien hat da einige Impulse geliefert. Eine andere Frage ist das
Verhältnis zur Tradition. Das Avantgardebewusstsein
bringt mit sich, dass man sich von der Tradition deutlich
absetzen möchte. Wie aber wird diese Tradition
gezeichnet? Doch oftmals so grobschlächtig, dass das
Traditionelle ein wenig an Windmühlenflügel
erinnert: das Buch, Printliteratur, die Gutenberggalaxis,
damit verbunden: lineare Erzähltechniken,
Eindimensionalität, Auktorialität, Sinntiefe,
Finalität etc. Spätestens die Romantik hatte
hiermit recht weitgehend aufgeräumt, und seit
Mallarmé, Chlebnikov oder Ball sind bekanntlich auch
Buch und Druck keine poetisch verbindlichen
Größen mehr. Also muss die Frage der Tradition
positiver gestellt werden. Das aber macht die nächste
These nötig: Es gibt den verbreiteten
Glauben, im Computer sei die moderne bzw. postmoderne
Literatur sozusagen angekommen, habe das ihr adäquate
oder - dem Buchdruck gegenüber - bessere Medium
gefunden. Hypertextpapst Jay David Bolter spricht von der
"Redefinition" der Moderne. Und Philippe Castellin macht im
Editorial von Alire 10, einem französischen Journal zur
digitaler Dichtung, eine große Gleichung auf: Auf der
einen Seite des Gleichheitszeichens findet sich eine lange
Liste: die Poesie, das Individuelle, das Intermediale,
Collage, Cadavres exquis, Permutation, Poésie totale,
Synästhesie, Multisensorik, Queneau, Schwitters, Pound,
Joyce, Petronio, Hausmann, Zaum usw. Auf der anderen Seite
steht nur ein einziges französisches Wort:
"L'ordinateur": Mit dem Rechner hat man die ganze Moderne im
Sack! Ich halte dergleichen für technologisch borniert,
eine Anmaßung gegenüber den Leistungen der
Moderne. Moderne Schreibweisen lassen sich nicht medial
übersetzen, versucht man es, dann sind die Ergebnisse
enttäuschend flach und trivial, bestenfalls didaktisch.
Allerdings lassen sich Konzepte aufgreifen und unter
veränderten medialen Bedingungen durchspielen. Dann
kann es durchaus interessant werden. Poetische Programme - ich
ziehe diesen Begriff dem etwas angestaubten der Poetik vor -
poetische Programme bestehen aus bestimmten Konzepten,
Prinzipien, Werten, Arbeitshaltungen, Fragestellungen,
Zielvorstellungen, die einzelne künstlerische
Ereignisse poetologisch orientieren und steuern. Das Programm des
literarischen Experiments kommt meiner ersten These
entgegen: experimenteller Literatur ging es immer um die
Sprache bzw. die Zeichen selbst, ihre technischen,
materialen, semantischen und pragmatischen
Möglichkeiten, um die Grenzüberschreitung hin zur
bildenden Kunst und zur Musik, aber auch zur Wissenschaft,
um die Beobachtung der Abläufe bei Produzenten und
Rezipienten im Formulierungs- und Verstehensprozess.
Experimentelle Poesie war daher immer schon Medienpoesie. Es
gibt einfach kein literarisches Terrain, wo man sich seit
jeher so intensiv mit medientechnologischen Fragen
beschäftigt hat - das betrifft auch Tontechnik,
Rundfunk, Fotografie, Film, Video, Holografie. Von daher ist
es kein Wunder, dass die Anfänge der literarischen
Beschäftigung mit dem Computer in ihrem Dunstkreis
erfolgen: Ende der 50er erstmals im Kreis um Max Bense in
Stuttgart, dann in Canada und den Staaten, in den 70ern in
Frankreich mit OULIPO, der Werkstatt für potentielle
Literatur, oder auch mit einzelnen Persönlichkeiten wie
Jacques Roubaud, Richard Kostellanetz, Jim Rosenberg, John
Cayley, Reinhard Döhl oder auch Augusto de Campos,
einem der Väter der konkreten Poesie. Sie alle haben
sich im Rahmen ihrer literarischen Experimente früher
oder später mit den Möglichkeiten des Computers
beschäftigt. Nicht zu vergessen die theoretisch
weitsichtigen Entwürfe von Max Bense und Oswald Wiener.
Vor diesem Hintergrund entstand auch die Sammlung Vom experimentellen'
Programm her muss bei digitaler Poesie insbesondere mit
solchen Verfahren gerechnet werden, die Quellcodes,
Programmierungen und Schnittstellen selbstreferentiell
inszenieren. Eine solche Exemplifizierung liegt - auch
augenfällig - zum Beispiel in wünschenswerter
Deutlichkeit vor, wenn etwa im "Discoder" der japanischen
Gruppe Räumliche Erweiterungen
betreffen z.B. den Sprung von der weißen Buchseite -
Ausgangssituation etwa der modernen visuellen Poesie - in
den auf dem Bildschirm simulierten dreidimensionalen Raum,
der von Schrift und Bild bevölkert wird - erstmals
schon Ende der 60er in den Cybernetic Landscapes von Aaron
Marcus. Sie betreffen raumgreifende Hardware in
Installationen - etwa in der erwähnten Arbeit von
Fietzek oder in der legendären Legible City von Jeffery
Shaw. In beiden Fällen erscheint der Benutzer sowohl
repräsentiert als auch real verkörpert auf der
Schrift- und Bildfläche. Und natürlich finden
sich räumliche Erweiterungen im Zusammenhang mit
Computernetzwerken, etwa wenn der Die Franzosen waren es auch,
die sich früh mit der Zeit in digitalen Texten
beschäftigt haben. Etwa mit dem Verhältnis von
Bewegung auf dem Bildschirm bzw.Textanimationen einerseits
und Wahrnehmungs- wie auch interaktiven
Eingriffsmöglichkeiten in diesen Bewegungsablauf
andererseits. Auch ging es darum, die Spannung zwischen den
Zeitgrößen des programmierten Textes, des
wahrgenommen und des gelesenen Textes zu erkunden - als
Beispiel wäre z.B. die langjährige Arbeit von
Philippe Bootz an "Passage", einem 'poème à
lecture unique' wo die Aktivität irreversible Folgen in
der Textgenerierung zeitigt, zu nennen (existiert nur
offline). Von diesem Zeit- und
Bewegungsverständnis her interessiert man sich in
jüngerer Zeit besonders für die Inszenierung von
Datenverabeitungsprozessen, etwa für die digitale
Umrechnung von durch die Nutzer eingegebenem Text in Bilder
im Dieses Konzept von Bewegung
zwischen Animation und kybernetischem Prozess findet sich
übrigens schon explizit im "Pilot-Plan für
Konkrete Poesie" der brasilianischen Noigandres-Gruppe aus
dem Jahr 1958. Das Attribut "digital", die
Definition digitaler Poesie und die Beispiele zeigen: es
geht hier vor allem um die Erprobung technischer
Möglichkeiten und Bedingungen unter literarischen
Vorzeichen. Aber hier ist Vorsicht geboten: man verliert
sich allzu leicht in der kalten Faszination an sich
ständig verändernden Entwicklungen - und nicht
zuletzt auch in ihrer Kompliziertheit. Ich erinnere an das
Avantgardebewusstsein. Die Folge ist ein
Technik-Positivismus, dem keine aktuelle ästhetische
Ideologiekritik des Technischen entgegensteht. Das
Cebit-Syndrom. Deute man Technik, auch die
Werkzeuge der Hard- und Software, im Sinne schon des antiken
Techne-Gedankens dynamisch, prozessual und symbolisch
(Techne als Wirken, Schaffen und Schöpfen bzw. als
Kunst), dann wird deutlich, dass sich der ästhetische
Gewinn digitaler Literatur nicht auf Technologie reduzieren
lässt. Interessant wird es, wenn
dieses dynamisch Technische nicht nur dem Computer
zugeschrieben wird, sondern auch denen, die damit umgehen,
und die dabei immer auch mit sich selbst umgehen. Das meint
all die Techniken, die wir hier mental und physisch
einzubringen haben. Interessant wird es, wenn dies dann
sozusagen kurzgeschlossen wird. Die künstlerisch
mutwillige und häufig ironische, ja komische
Analogiebildung von Mensch und Maschine im ästhetischen
Prozess: Das gilt etwa für eine Reihe von
Textgeneratoren, die vielleicht ebenso sinnvolle oder
unsinnige Sätze oder Gedichte hervorbringen wie ich:
das war seinerzeit schon der Ansatz in den 50ern mit
automatischen Texten. Ich denke aber auch daran, dass der
Betrachter oder Leser buchstäblich in den Text versetzt
und sein Handeln im Datenraum ihm selbst und einem Publikum
beobachtbar wird: exemplarisch in der schon legendären
Legible City. Oder ich denke daran, dass das Lesen zum
Kraftakt werden kann wie in der erwähnten Arbeit
Fietzeks, wo ich zum Modul für anstrengenden Textaufruf
degradiert werde, um mit ein paar ironisch-pornografischen
Fetzen belohnt zu werden. Ich erhoffe mir, dass die
Mode, sich für die neuen Technologien zu interessieren,
das theoretische Gespräch über ihre Bedeutung
für Kunst und Literatur anregt - und damit das
poetologische Gespräch über das Herstellen und
Wahrnehmen von Literatur überhaupt. Ehrlich gesagt,
mache ich mir da aber nicht allzu viel Hoffnungen: Denn auch
wenn kaum irgendwo so ambitioniert theoretisiert worden ist
wie im Programm experimenteller Dichtung: diese Angebote
finden ansonsten im Verhältnis zum literarischen
Mainstream kaum Beachtung. Sie werden nach wie vor eine
Nischenexistenz fristen - wie sich voraussichtlich auch die
digitale Poesie auf lange Sicht allenfalls als Episode und
als ein weiterer Strang im weitverzweigten Geäst
avancierter Textbildung erweisen wird.
p0es1s.
Exonemo
die Differenz zwischen HTML-Code und Browser-Interpretation
inszeniert wird (klassisch hier auch die Gruppe "Jodi"),
wenn verschiedene Symbolformate kontaminiert werden wie beim
ASCII-Art-Ensemble,
das mit dem "American Standart Code for Information
Interchange" experimentiert, oder wenn mit Perl-Scripten
gedichtet wird (zugleich als Rekonstruktion historischer
Sprachmaschinen: vgl. Florian Cramers
permutations).
Aber natürlich gehören hierher auch alle anderen
Vorführungen computerbasierter Features wie
hypermediale Vernetzung, Animation, Interaktivität oder
auch schlicht die Differenz von Hard- und Software wie z.B.
in Frank Fietzeks
Bodybuilding
-Installation, die
als Schnittstelle zur Textproduktion und -rezeption eine
Kraftmaschine verwendet.
Webstalker
Datenströme im Internet visualisiert, besonders aber
auch in kollaborativen Schreibprojekten, die im Frankreich
der frühen 80er ihren Anfang nahmen und für die
hierzulande besonders
Heiko
Idensen (
interview)
avanciert und vielfältig verantwortlich
zeichnet.
Verbarium
von Christa Sommerer und Laurent Mignonneau (
review)
oder für kollaborativen Eingaben in ein kollektives
Gedächtnis mit strengem Zeitfenster im Rahmen von
23:40
von Guido Grigat (
review).
