dd:
Mit deinem Interviewband [Net.Art] hast du
1999 als einer der ersten die ästhetischen Prozesse in
den neuen Medien, ihre Vertreter und Projekte einem
breiteren Publikum vorgestellt. Dass im September 1999 auch
das ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) in
Karlsruhe seine große Ausstellung zur Netzkunst
eröffnete und dass im Folgejahr der
Net
Art Guide
des Fraunhofer Instituts erschien, belegt das Interesse, das
diese neue Kunstform inzwischen auf sich zog. Zeitgleich
erlebte das WWW den Durchbruch zum Massenmedium.
Würdest du von einer Geburt der Netzkunst aus dem
Siegeszugs des WWW sprechen?
TB: Von einer Geburt
wohl nicht, weil es schon vor dem Web und vor dem Internet
Künstler gab, die mit Telekommunikationsmedien
gearbeitet haben. Durch die Gespräche mit Robert Adrian
X, Wolfgang Staehle, Rena Tangens und padeluun im ersten,
Nam June Paik und Douglas Davis im zweiten Buch habe ich das
stark betont. Aber je mehr Leute als Akteure und als
Zuschauer beteiligt sind, desto interessanter wird es
natürlich, und ich glaube, dass die Netzkunst durch das
leicht zu bedienende WWW erst die nötige kritische
Masse erreicht hat.
dd:
[Net.Art] versteht sich als Bestandsaufnahme
und will eine Oral History der Netzkunst sein. Gleichwohl
nimmst du in der Einleitung eine gewisse Systematisierung
vor und nennst als allgemeine Kennzeichen der Netzkunst
Konnektivität, Globalität, Multimedialität,
Immaterialität, Interaktivität und Egalität.
Was genau verbirgt sich dahinter und was wäre dem
heute, zwei Jahre später, hinzuzufügen?
TB: Das, was im
Vorwort zum zweiten Buch steht. ;-)
Im Ernst: die wichtigste
Funktion meiner beiden Bücher (und des dritten Teils,
den ich gerne noch machen möchte), ist die Produktion
von Dokumenten, für die Gegenwart und die Nachwelt.
Gleichzeitig kann man natürlich nicht anders, als
über ein Thema nachzudenken, wenn man sich damit
beschäftigt, und die Resultate dieser Reflexion wollte
ich nicht aus dem Buch heraushalten. Dass das in einer
Kritik dann als "theoretisch ambitioniert" bezeichnet wurde,
hat mich zwar gefreut, aber so war es gar nicht
gemeint.
Ich wollte einfach nur die
Gedanken aufschreiben, die mir bei der Recherche zu dem Buch
gekommen sind.
Inzwischen sehe ich die
Entwicklung der Netzkunst viel stärker im Zusammenhang
mit den Entwicklungen in den anderen Künsten, die
ebenfalls mit digitalen Medien in Berührung gekommen
sind - vor allem mit der Musik, für die diese Begegnung
am tiefgehensten und umwälzendsten war. Diesem Thema
würde ich in Zukunft gerne verstärkt nachgehen.
Ich finde, dass wir die Quantensprünge, die in der
Kultur gerade stattfinden, inzwischen schon wieder für
recht selbstverständlich nehmen. Das war vor ein paar
Jahren noch anders, und dahin solle man wieder zurück.
Denn der Übergang von der Industrie- zur
Informationsgesellschaft, den wir zur Zeit erleben, hat zu
einer Blüte der Künste geführt, wie es sie
nur sehr selten gibt. Diese Periode ist noch nicht vorbei,
aber sie scheint sich ihrem Ende zu näheren. Die Kunst
hat in dieser Periode - wie immer in Zeiten des
Übergangs und der grundlegenden Veränderung -
keine "ewigen Meisterwerke" hervorgebracht. Es ist eher eine
Zeit des produktiven Durcheinanders und einer unglaublichen
Intensität. Das hat so was Monte-Verita-haftes, und ich
bin gespannt, was sich daraus entwickelt.
dd:
Robert Adrian X sagt im Interview in
[Net.Art]: "Bei der Kunst im 20. Jahrhundert
geht es mehr um Ideen, weniger um Praxis und Handarbeit."
Der Vorrang der Idee gilt sicher auch für die
Netzkunst, die ja zum Großteil in der Tradition der
Konzeptkunst steht. Andererseits verlangt Netzkunst
natürlich Kompetenz im Hinblick auf Data- und
Screen-Design und schließt so wieder die artes
mechanicae in den Kunstbegriff ein, wie es noch im
Mittelalter der Fall war. Manche meinen gar, dass der
Programmierer nun der eigentliche Künstler ist, denn
was sei schon ein Projektemacher, der nicht weiß, wie
er seine Idee umsetzen soll. Bringt die Netzkunst die lang
ersehnte Versöhnung von Dichter und Ingenieur? Oder
sollte der Programmierer gleichermaßen im Hintergrund
bleiben wie der Metallbearbeiter bei Claes
Oldenburg?
TB: So weit ich es
überblicken kann, gibt es diese Unterteilung zwischen
Künstler und Programmierer so nicht. Die meisten
Künstler schreiben ihre Programme und ihren Code
selbst. Das hat zunächst schlicht materielle
Gründe: fast niemand, der sich mit Kunst im Internet
beschäftigt, kann davon leben, geschweige denn andere
bezahlen.
Gleichzeitig glaube ich,
dass man in Netzkunst auch aus inhaltlichen Gründen
nicht darum herum kommt, sich praktisch-handwerklich mit
Code zu beschäftigen. Wer den HTML-Code nicht kennt,
weiss auch nicht, was man mit ihm jenseits der üblichen
Anwendung machen kann. Es macht zum Beispiel die
Qualität der Arbeit von Jodi aus, sich mit so etwas
ausführlich beschäftigt zu haben. Deren Ideen
kommen aus dem künstlerischen Material, deswegen
müssen sie sich mit diesem Material auch intensiv
auseinandersetzen. Im Grunde ist das dasselbe wie bei
Bildhauern der alten Schule...
dd:
Aus dem historischen Umfeld des Oppositionspaars
Dichter-Ingenieur stammt auch die Metapher des
Gesamtkunstwerks. Läuft die Intermedialität der
digitalen Medien auf ein solches hinaus? Auf ein
Gesamtkunstwerk, das - durch die Interaktivität -
zugleich die traditionellen Positionen im Kunstbetrieb -
Autor, Vermittler, Publikum - neu
mischt?
TB: Solche Ideen
standen dabei natürlich immer im Raum. Bei
Gesamtkunstwerk denke ich aber immer auch an Wagner, und an
eine Kunst, die die Zuschauer überwältigen soll.
Das ist bei der Netzkunst zum Glück anders, weil sie
keine Kunst der Überwältigung ist, sondern eine
sehr kleine, nicht-einschüchternde. Das macht sie
natürlich offen für Partizipation und
Kollaboration.
dd:
Vielleicht verkörpert sich die Überwältigung
oder Einschüchterung im Reich des Digitalen eher im
Hinblick auf die zugrundeliegende Programmierung.
Könnte man nicht sogar von einer Wiederkehr des
Erhabenen sprechen, als Angstlust ganz im traditionellen
Sinne Edmund Burkes? Vor der unbegreiflichen
Monumentalität des Programmcodes, die die Fassungskraft
des Betrachters übersteigt, der eingeschüchtert
zugleich sich ganz im suggestiven Effekt der Oberfläche
verliert.
TB: Dann müssten
die Betrachter auch vor Microsoft Word oder Netscape in
Ehrfurcht erstarren. Tun sie aber nicht, weil derartige
Programme zum selbstverständlichen Teil des normalen
Arbeitsalltags der meisten Menschen in der Ersten Welt
geworden sind. Das Problem ist nicht, dass die Leute zuviel
Respekt vor Software haben, sondern eher, dass sie diese
für zu selbstverständlich nehmen und sie nicht
hinterfragen. Die Funktionen von einzelnen Programmen wird
als gottgegeben genommen, dabei sind viele von ihnen
förmlich von einer unausgesprochenen Ideologie
durchdrungen.
Die aufzuzeigen und ein
bisschen wider den Stachel zu löcken ist die
interessanteste Aufgabe von künstlerischer Software.
Künstlerische Programme wie
Auto-Shop
von Adrian Ward sind clevere Parodien von existierenden
Programmen, in diesem Fall Photoshop. Jeder, der Photoshop
bedienen kann, versteht auch dieses Projekt. Das ist zwar
nicht die Mehrheit der Weltbevölkerung, aber der Rest
ist davon wohl auch nicht eingeschüchert. Er
interessiert sich eben nicht für die Arbeit. Die, die
sich mit dem Projekt beschäftigen, dürften aber
nicht an der Oberfläche hängenbleiben, weil
Auto-Shop auch eine dezidierte Kritik an dieser
Oberfläche und an bestimmten Aspekten des Graphical
User Interface ist.
2.
Differenzierungen
dd:
Olia Lailina drängt auf eine klare Unterscheidung
zwischen net art und web art, der
HTML-Variante, die man mit Browsern betrachtet. Eine weitere
Differenzierung wäre zwischen einerseits Produktions-,
andererseits Präsentations- bzw- Distributionsaspekten
zu treffen, also zwischen einer Kunst, die das Netz
tatsächlich braucht, um sich zu verwirklichen, und
einer Kunst, die ebenso offline funktioniert. Der
andere Ort bringt bringt freilich auch eine andere
Ästhetik mit sich, eine, die zwangsläufig weniger
auf vernetzte, progressive Kommunikationsskulpturen zielt,
als auf das abgeschlossene Werk. In welchen personalen und
konzeptionellen Verhältnissen steht die digitale
offline Kunst zur Netzkunst?
TB:
Interessanterweise hat in letzter Zeit das Interesse an
Offline-Arbeiten wieder zugenommen, seit es eine Reihe von
Werken gibt, die sich als künstlerische Software
verstehen, wie zum Beispiel Adrian Wards
Auto-Illustrator,
Jodis
Modifikationen
von dem Ballerspiel Wolfenstein oder Kunst-Browser wie der
WebStalker
von I/O/D oder
Reconnoitre
von Corby &Baily. Solche Arbeiten kann natürlich
nicht jeder schaffen, weil man dafür schon ziemlich gut
programmieren können muss, und es kann auch nicht jeder
mitmachen. Trotzdem sind es valide und interessante
Arbeiten. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob
Partizipation von jedermann wirklich der höchste Wert
in der Netzkunst ist.
dd:
Das wäre eine Verschiebung der Prioritäten, denn
meiner Beobachtung nach wurde Interaktion und Partizipation
sowohl im Bereich der digitalen Literatur wie der digitalen
Kunst favorisiert: Christiane Heibach entwickelt daraus ihre
Theorie und Praxis der kooperativen Ästhetik, die das
abgeschlossene Werk eines Autors - als Modell der
""elitären" Ästhetik" - ablöst, und somit den
"ästh-ethischen Charakter des Netzes" manifestiert
(
Literatur
im Internet. Theorie und Praxis einer kooperativen
Ästhetik
und
"Creamus,
ergo sumus" Ansätze zu einer
Netz-Ästhetik).
Hans Dieter Huber gründet seine Typologie der Netzkunst
auf Interaktivität und sieht in den partizipativen
Werken die anspruchsvollsten und interessantesten Projekte
im WWW (
Internet)
Siehst du eine Rehabilitierung des abgeschlossernen
Werks?
TB: Ich will bestimmt
nicht das Abgeschlossene endgültige Meisterwerk
rehabilitieren. Aber es ist andererseits auch sehr fraglich,
wie "kooperativ" Webprojekte sind, bei denen die Interaktion
darin besteht, sich über Links durch eine Website zu
klicken. Netzprojekte, bei denen wirklich zusammengearbeitet
wird, sind doch eher selten, die meisten von ihnen sind
Mitschreibprojekte, von denen mir immer noch Douglas Davis'
"World Longest Sentence" am besten gefällt. Das hat
durchaus seine Meriten und arbeitet mit genuinen
Eigenschaften des Internets. Wenn es darum geht, Code zu
schreiben, kann zwar nicht mehr jeder mitmachen. Aber die
fertigen Programme anschließend zu bedienen ist
mindestens genauso "interaktiv" wie sich durch eine Website
zu klicken.
dd:
Eine weitere Differenzierung wäre schließlich
zwischen Netzkunst und Netzliteratur zu machen, wobei hier
wiederum noch einmal zwischen offline und online zu
unterscheiden ist. Da Netzliteratur auch im Zeichen der
Multimedialität steht, fragt sich freilich oft,
inwiefern das Vorgefundene noch Literatur ist. Manche
versuchen die Frage über die Proportionalität zu
lösen, wonach ein bestimmter Wortanteil vorhanden sein
muss. Phänomene wie die konkrete Poesie oder das in
einem Wettbewerb für Netz-Literatur ausgezeichnete
Text-Spiel
Dominoa
und das unter internet-art geführte, wortbasierte
Now
Here/Nowhere
von Brighid Lowe lassen ahnen, wie problematisch das sein
kann. Nach welchen Differenzierungskriterien gehst du vor,
wenn du von Netzkunst sprichst?
TB: Diese
Kategorisierungsversuche sind mir ehrlich gesagt recht
gleichgültig. Ich habe den Begriff "net.art" als Titel
für die Bücher gewählt, weil ich unter diesem
Titel Arbeiten und Künstler vorgestellen kann, die aus
der bildenden Kunst, der Literatur, den Massenmedien, der
Musik oder vom Programmieren her kommen. Die alten
Genre-Grenzen greifen bei der Arbeit am Computer nicht mehr,
weil die "universale Maschine" die meisten Medientypen
integrieren kann. Netzkunst (im Sinne von bildender Kunst),
Netzliteratur etc sind darum nur zweifelhafte Hilfsbegriffe.
Was mich interessiert, ist Kunst, die sich mit Computern und
Netzwerken in ihrer Eigengesetzlichkeit beschäftigt,
nicht Kunst, die die Paradigmen aus anderen
künstlerischen Feldern auf den Computer
überträgt.
Bei meinem neuen Buch
"net.art 2.0" können viele Leute nicht bei allen
erwähnten Projekten noch den Bezug zum Internet zu
erkennen. Das Musikprogramm für den Gameboy von
Christoph Kummerer oder die Skulpturen aus recycelten
Schrott-Computern von Redundant Technology Initiative (RTI),
die in "net.art 2.0" vorkommen, sind tatsächlich keine
Netzkunst im engeren Sinne mehr. Aber gleichzeitig sind sie
genau die Art von dem kreativen Missbrauch von Technologie,
wegen dem ich mich ursprünglich für Netzkunst
interessiert habe. Darum hätte ich sie ungern
weggelassen, nur weil das Label nicht mehr hundertprozentig
stimmt.
Vielleicht wäre es aber
gut, wenn es einen neuen Oberbegriff für diese ganzen
künstlerischen Aktivitäten gäbe.
Computerkunst, digitale Kunst, Software-Kunst - das ist
alles nicht so besonders sexy. Vielleicht sollte man ein
Preisausschreiben veranstalten, um einen neuen Begriff zu
finden... ;-)
3. Formalismus,
Stagnation und Vermittlung
dd:
Oder man lebt halt mit seinen "taxonomischen Skandalen", wie
die Literaturwissenschaft im Hinblick auf Gattungsbestimmung
und -zuordnung ja auch. - Bleiben wir bei deinem neuen
Buch, das sich schon im Titel als Fortsetzung zu erkennen
gibt. In welcher Form schließt es an das erste an?
Befragt es die Interviewten aus Band 1 nach neuen Projekten
und Einsichten oder macht es eher mit neuen Personen
bekannt?
TB: Die einzigen
Künstler, die im ersten und zweiten Band vorkommen,
sind Jodi, weil die seit der Veröffentlichung von
"net.art" so viele neue Arbeiten produziert haben, dass es
viel neuen Gesprächsstoff gab. Ansonsten habe ich
versucht, neuere Entwicklungen zu dokumentieren, was dazu
geführt hat, dass ich mit Leute gesprochen habe, die im
ersten Buch nicht vorkommen.
dd:
Heißt dies, dass bei keinem Künstler außer
Jodi spannende Weiterentwicklungen zu erkennen
sind?
TB: Ich will keine
Noten verteilen. Picasso hatte eine Reihe von "Perioden",
die zum Teil ein Jahrzehnt und länger dauerten, ohne
dass von anderen moniert wurde, es gäbe keine
"spannenden Weiterentwicklungen". Die meisten Künstler,
die im ersten "net.art" vorkamen, arbeiten an Themen weiter,
die sie damals bereits formuliert hatten. Leider ist es
für Künstler, die mit Neuen Medien arbeiten, auch
verhältnismäßig schwer, über
längere Zeit kontinuierlich und unabgelenkt zu arbeiten
und ein Oeuvre aufzubauen. Leider muss man sagen, dass
einige der Künstler aus meinem ersten Buch die
Kunstproduktion mehr oder weniger eingestellt haben - aus
Gründen, die ichnicht ganz verstehe.
Aber wenn man sich wichtige
Periodenausstellungen wie zum Beispiel "When attitudes
become form" ansieht, ist die Hälfte der Künstler,
die damals bedeutend waren, heute auch vergessen. Die andere
Hälfte ist zu Klassikern geworden. Wenn von zehn der
Künstler, die ich in meinen Buch vorstelle, in zehn
Jahren noch die Rede ist, bin ich sehr zufrieden.
dd:
In der Einleitung deines neuen Buches gehst du dem Verdacht
nach, Netzkunst sei L'art pour l'art. Worin genau besteht
der Formalismusvorwurf und wie ist er zu
entkräften?
TB: Den Vorwurf, das
Netzkunst formalistisch ist, will ich gar nicht
entkräften. Netzkunst - das kann man gar nicht oft
genug betonen - handelt von ihrem eigenen Medium. Sie ist
darum aber kein leerer Formalismus, der sich bloss
selbstgenügsam mit seinem eigenen künstlerischen
Medium beschäftigt. Das Medium der Netzkunst, das
Internet, hat nämlich gigantische ökonomische,
politische und soziale Konsequenzen. Wenn man sich mit so
einem Medium künstlerisch beschäftigt, ist das
zwar immer noch selbst-referentiell, aber eben nicht mehr
reinen Kunstthemen verhaftet. Im Gegenteil: durch das
formalistische Kleben am Medium kann man die genauesten
Kommentare zu dessen wirtschaftlichen, politischen und
sozialen Auswirkungen formulieren.
dd:
Das hieße dann also auch: Wenn man sich mit einer
solchen künstlerischen Auseinandersetzung
beschäftigt, verstärkt man zugleich die
Sensibilität für all jene Aspekte der digitalen
Medien. Insofern gehört Netzkunst in die Lehrpläne
der Schulen und Universitäten nicht nur unter
ästhetischer Perspektive, sondern auch im Hinblick auf
Medienkompetenz insgesamt?
TB: Netzkunst ist
keine didaktische Angelegenheit. Die Einsichten, die sie
vermittelt, sind intuitiv, vor-verbal. Damit trägt sie
zwar auch zu einer Form der Medienkompetenz bei, aber
für eine systematische Ausbildung zur Medienkompetenz
ist sie nur bedingt zu gebrauchen. Das ist auch in Ordnung
so, schließlich sie ist ja Kunst. Trotzdem finde ich
natürlich auch, dass an Universitäten und Schulen
digitale Medien stärker als bisher thematisiert werden
müssen. Die digitalen Medien sind der wichtigste Motor
der Veränderung in unserer Zeit, und eigentlich hat man
noch nicht viel vom Charakter dieser Veränderungen
verstanden. Leider heisst an deutschen Universitäten
die Beschäftigung mit Medien immer noch, sich
Literaturverfilmungen anzusehen.
dd:
Eine komplizierte, recht komplexe Frage zum Abschluss. Mit
deinem ersten Buch wolltest du, wie du schreibst, "eine Art
Ausstellung auf Papier" schaffen. Wie siehst du die
Ausstellungsaussichten der Netzkunst darüber hinaus: in
Online-Galerien (im Grass Roots Verfahren oder finanzstark
kuratiert) oder in den Realräumen der üblichen
Kunstinstitutionen? Und wie - diese Frage folgt daraus -
verhält sich Netzkunst zum Kommerz?
TB: Das
Verhältnis zwischen Kunstbetrieb und Netzkunst war von
Anfang an gespannt. Die Netzkunst hat ja das Internet als
Distributionsmedium, und ist deswegen nicht auf die
traditionellen Kunst-Vermittlungsinstitutionen wie Museum,
Galerie etc angewiesen. Zumindest glaubte man das und hat
sich immer wieder mit dem Old-School-Kunstbetrieb angelegt,
was der begreiflicherweise nicht besonders gut aufgenommen
hat. Umgekehrt hat sich die Kunstszene immer mit Arbeiten
schwer getan, die mit Technologie oder Medien
umgehen.
Jetzt herrscht so eine Art
gespanntes Schweigen zwischen Kunstbetrieb und Netzkunst.
Der Kunstbetrieb glaubt immer noch, dass diese ganze Kunst
mit digitalen Medien schon wieder verschwindet, wenn man sie
nur ausdauernd genug ignoriert; die Netzkunst hat sich in so
eine Isolation hinein manövriert, aus der sie mit
eigener Kraft nicht wieder herauszukommen scheint. Sehr
produktiv ist das nicht.
Ich finde diese ganze
Debatte nicht besonders spannend. Sich mit dem Kunstbetrieb
anzulegen ist vor allem für die Künstler
interessant, die dabei ihren Freiraum oder ihre
künstlerische Autonomie austesten. Ich finde, sie
sollten sich in Bezug auf den traditionellen Kunstbetrieb
mal ein bisschen locker machen. Man kann auch über das
Museum und die Galerie Leute erreichen, und zwar gerade die
Leute, die man über das Internet nicht bekommt. Und
darum geht es meiner Ansicht nach vor allem.
Das Museum ist auch ein
Massenmedium. Damit erreicht man vielleicht nicht so viele
Menschen wie über das Fernsehen, aber man sollte das
auch nicht unterschätzen. Natürlich ist eine
Kampagne oder Performance, die - wie der "Toywar" von etoy -
nur im Internet stattfindet, interessanter als eine
Ausstellung in einer Galerie. Aber meiner Meinung nach kann
man so eine Aktion sehr wohl nochmal im Museum dokumentieren
und aufbereiten. Dann erfahren vielleicht auch Leute davon,
die keine Netz-Hardcore-User sind.
Dass soll nicht heissen,
dass autonome Strukturen nicht wichtig sind. Die
Netzkunst-Szene kann stolz darauf sein, dass sie sich eigene
Institutionen aufgebaut und eine eigene Infrastruktur
geschaffen hat. Aber die Gefahr bei solchen
selbstorganisierten Strukturen besteht darin, dass es
irgendwann zu gemütlich wird. Um das zu vermeiden, ist
die Konfrontation mit dem Rest der Welt sehr nützlich.
dd:
Man darf also gespannt bleiben, wie sich die Netzkunst und
ihr 'literarisches' Feld weiterentwickeln und wo wer wann
davon künden wird. Vielen Dank für das
Interview.
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