www.dichtung-digital.de/2001/Coover-01-Feb


Literarischer Hypertext

Abschied vom Goldenen Zeitalter

Von Robert Coover

(Übersetzung Roberto Simanowski)

1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6

Vor etwa einer Dekade, in der Prä-Web-Ära der digitalen Revolution, entwickelte sich eine neue Literarurform, die möglich wurde durch die Fähigkeit des Computers, dem für das Buch spezifischen Mechanismus des linearen Seitenumblättern zu entkommen und verschiedene Links zwischen Textsegmenten in einem nichtlinearen narrativen oder poetischen Web-Werk einzusetzen. Die frühen Experimental-Autoren jener Zeit arbeiteten fast ausschließlich mit Text, so wie auch die Studenten in unseren wegbereitenden Hypertext-Workshops an der Brown University. Sie taten dies zum Teil aus freier Wahl (es handelte sich um Schriftsteller aus dem Printbereich, die vorsichtig in diese völlig neue Sphäre vordrangen und das mitbrachten, was sie am besten kannten), zum anderen, größeren Teil aber infolge der sehr beschränkten Kapazitäten von Computer und Diskette in jenen Tagen. Hier und da wurde eine Schwarz-Weiß-Graphik gezeichnet (oder, später, gescannt), vielleicht als Teil der "Titel-Seite" oder als Navigations-Karte, aber Audio- und Animations-Dateien existierten praktisch nicht. Diese frühen Hypertexte waren zumeist abgeschlossene Objekte, wie Bücher, umgewandelt in Low-Density-Floppy-Disketten (dies war vor dem Web und den Browsern und sogar vor der CD-ROM), vertrieben durch kleine Start-up-Unternehmen wie Eastgate Systems und Voyager oder per Hand und Snailmail unter Freunden herumgereicht. 

Jene Zeit erscheint in der Rückschau als das Goldene Zeitalter des literarischen Hypertextes. Denn mit dem Auftauchen des World Wide Web geschah etwas völlig neues. Für jene, die erst kürzlich den Halt verloren haben und in die Flut der Hypertexte, literarisch oder nicht, gefallen sind, mag es bestürzend sein zu erfahren, dass sie ankommen, da das Goldene Zeitalter bereits vorbei ist. Aber dies liegt in der Natur der Goldenen Zeitalter: Es existiert nicht, bevor es nicht von den nachfolgenden Generationen so gesehen wird.  

Es heisst, Silberne Zeitalter folgen den Goldenen - wie Heirat und Familie der Romance folgen - und dauern länger, wenn auch nicht ewig. Sie sind gekennzeichnet durch einen Rückzug von radikalen Visionen und einer Rückkehr zu den Hauptelementen der vorausgehenden Tradition (wobei eine Faszination für die auffälligsten Innovationen des Goldenen Zeitalters zurückbleibt), sie sind gekennzeichnet durch eine große Diffusion und Popularisierung der verdünnten Prinzipien des Goldenen Zeitalters, durch die institutionelle Verkörperung dieser Prinzipien und durch eine fruchtbare Weiterverbreitung ihrer Ergebnisse im Namen dessen, was zuvor war, obgleich es sich davon unterscheidet. Dies scheint genau die Art von Zeit zu sein, in der wir uns im Hinblick auf literarische Hypertexte befinden.

1 > 2 - 3 - 4 - 5 - 6