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Weltwissen Wissenswelt.
Das globale Netz von Text und Bild

Beat Mazenauer

"Ich weiss, dass ich nichts weiss." Die sokratische Erkenntnisformel gelangt zu neuen Ehren. Mit Hilfe der digitalen Technologien stürmen heute Informationen und Daten auf die Menschen ein, dass einzig die Flucht in die Unwissenheit Rettung zu versprechen scheint. Zugleich belegen neueste neurophysiologische Forschungen, dass das alte Wissen vom Wissen überholt ist. Wir wissen nicht mehr, was wir wissen (sollen).

Ungeachtet dieses doppelten Angriffs wird unserem Wissen in absehbarer Zukunft aber eine nie gekannte Bedeutung zukommen, wenn den Trendforschern zu glauben ist. Die sogenannte "Wissensgesellschaft" ist keine Mär, vielmehr wird sie sich zu einem Quartärsektor neben Landwirtschaft, Produktion und Dienstleistung entwickeln. Was davon zu erwarten ist, welche Implikationen dieser Wandel mit sich bringt, welcher Wissensbegriff ihm zugrunde liegt, solchen Fragen hat sich im Februar 1999 die Tagung "Envisioning Knowledge" der Akademie 3000 gewidmet. Der Sammelband "Weltwissen Wissenswelt. Das globale Netz von Text und Bild" dokumentiert ihre Beiträge.

"Es ist schwer, sich am Anfang eines neuen Milleniums nicht von der Vorstellung faszinieren zu lassen, dass wir in ein aufregendes neues Universum menschlicher Möglichkeiten katapultiert werden." Ironischerweise findet sich dieses Zitat, das den Grundton des Buches wiedergibt, in einem - dem einzigen - Aufsatz, der sich kritisch mit den neuesten Entwicklungen auseinandersetzt. Geschult an Walter Benjamins Kunstwerk-Essay beleuchtet William J.T. Mitchell die Ambivalenz des von ihm selbst postulierten "Pictorial Turn". Am Beispiel des Sauriers, von dem wir spätestens seit "Jurassic Parc" unbesehen ein präzises Bild besitzen, weist er auf die verführerische Suggestionskraft von Bildern hin. Neu sei dies im Grunde nicht, von Adam und Eva bis zu Frankensteins Monstern sind schon in analoger Zeit "Cyborgs" in die Welt gesetzt worden, allein ihr Bild kristallisierte sich aus sprachlichen Beschreibungen und verdichtete sich erst in der menschlichen Imagination. Ohne sprachliche Vermittlung gaukeln die Geschöpfe der neuen Techniken jedoch Lebhaftigkeit und Realität vor, wodurch sie gleichermassen faszinieren wie ängstigen.

Mitchells besorgte Fragen werden in diesem Band höchstens noch von Bruce Maus Manifest zum kreativen Umgang mit den neuen Medien geteilt: "Reduziere dein Tempo" und "Erinnere dich". Ansonsten herrscht überwiegend Optimismus, insbesondere in den beiden Kapiteln, die sich mit Ökonomie und Design auseinandersetzen. Ohne nennenswerte Bedenken wird da von optimierten Kontakten zu Kunden geschwärmt und von den Möglichkeiten, deren Bedürfnisse aus der elektronischen Datenspur herauszufiltern.

Interessant an dieser euphorischen Grundstimmung ist immerhin, dass dabei der Mensch wieder ins Zentrum rücken soll und zwar nicht nur als Kunde. "Hire and fire" ist out, "Hire and retain" heisst die neue Losung, weil Wissen und Kompetenz der Mitarbeiterschaft unschätzbar lohnend geworden sind. "Wissen ist im Informationszeitalter die Basis für die Wettbewerbsfähigkeit" (Hubert Österle).

Mögen solche Befunde befremden und ängstigen, sie sind bezeichnend für die aktuelle Diskussion. In dem Sinne gibt dieser Aufsatzband hervorragend Aufschluss über die (erträumte) Macht des Wissens aus gesellschaftlicher, ästhetischer und theoretischer, insbesondere aber unter wirtschaftlicher Perspektive.

Nähe zum Effizienzstreben scheint auch der Begriff "Wissensmanagement" zu verraten, den der Soziologe Armin Nassehi aufwirft. Doch der Eindruck täuscht. Nassehi geht es um die Vorstellungen, die wir uns vom Wissen machen. Max Weber definierte es einst als Glauben, dass wir Wissen solange kumulieren, bis wir dereinst einmal die "geheimnisvollen unberechenbaren Mächte" bannen und "alle Dinge - im Prinzip - durch Berechnen beherrschen" können. Die neuen Technologien lassen diesen Glauben als naiv erscheinen. Die neue Fragestellung lautet viel mehr: Wie generieren wir Wissen aus all den wuchernden Informationen? Wissen begriffen als "eine Repräsentationsform der Welt, die eng mit unserer Kultur verbunden ist". Daraus abgeleitet bezeichnet Wissensmanagement den reflexiven, differenzierten Umgang mit Information, damit Wissen stabilisiert und fallweise mit anderen Menschen geteilt werden kann. Die rhizomatische Struktur des Hypertexts und das weltumspannende Datennetz stehen für das Ende des hierarchisch strukturierten Wissens, der gesellschaftlichen Zentralperspektive.

Diesen Erkenntnissen assistieren die durchwegs anschaulich geschriebenen Beiträge der Neurophysiologen Ernst Pöppel, Wolf Singer und Francisco J. Varela. Aus ihnen lässt sich ersehen, dass sich das Wissen über das Wissen respektive das Bewusstsein verändert hat. Pöppel bestimmt drei Formen: Begriffs-, Handlungs- und Anschauungswissen, die notwendigerweise zusammenwirken und demnach nicht von Emotion, Erinnerung und Erfahrung zu trennen sind. Die daraus resultierende Komplexität der neuronalen "Systemzustände" lässt sich nur schwer fassen, doch einig sind sich die Forscher, dass Wissen und Bewusstsein nicht in unserem Kopf stecken. Sie "verkörpern" sich im Raum, durch Interaktionen zwischen dem Ich und seiner Umwelt. Varela formuliert prägnant: "Der Stoff, aus dem die Welt besteht, ist Imagination und Fantasie." Im Prozess der Bewusstseinsentstehung dekoriert die Vernunft bloss "wie ein Zuckerguss" die fundamentalen Affekte und Gefühle.

Die prozesshafte Sicht aufs Wissen impliziert eine Weiterentwicklung unserer Wahrnehmung, etwa in Richtung Bildlektüre, die im Zuge der boomenden Visualisierung von Informationen an Bedeutung gewinnt. Derrick de Kerckhove zeigt, wie mit "Virtual Reality" sich die Informationsverarbeitung veräussert und "objektiviert". Die Visualisierung von Wissen wird "Teil eines objektiven Erfahrungsprozesses, der von allen Menschen geteilt werden kann wie das Lesen von Büchern." Doch gilt es festzuhalten, dass das Individuum dabei seinen Stellenwert behält. Auch vernetztes Wissen entsteht in einem Zwischenraum, an der Schnittstelle zwischen Netz und Individuum. Deshalb, so de Kerckhove, ist individuelle Intelligenz unabdingbar, um "vernetzte Intelligenz" und somit ein "höheres Kommunikatiosniveau" zu erreichen: "hire and retain" auch hier, aller Technik zum Trotz.

Ein paar Zweifel mehr und ein paar Gewissheiten weniger hätten der Intelligenz dieses wissenswerten Bandes allerdings nichts geschadet.

Weltwissen Wissenswelt. Das globale Netz von Text und Bild.
Hg. von Christa Maar, Hans Ulrich Obrist und Ernst Pöppel.
DuMont Verlag, Köln 2000. 392 S., 48 DM.


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