"Es ist
schwer, sich am Anfang eines neuen Milleniums nicht von der
Vorstellung faszinieren zu lassen, dass wir in ein
aufregendes neues Universum menschlicher Möglichkeiten
katapultiert werden." Ironischerweise findet sich dieses
Zitat, das den Grundton des Buches wiedergibt, in einem -
dem einzigen - Aufsatz, der sich kritisch mit den neuesten
Entwicklungen auseinandersetzt. Geschult an Walter Benjamins
Kunstwerk-Essay beleuchtet William J.T. Mitchell die
Ambivalenz des von ihm selbst postulierten "Pictorial Turn".
Am Beispiel des Sauriers, von dem wir spätestens seit
"Jurassic Parc" unbesehen ein präzises Bild besitzen,
weist er auf die verführerische Suggestionskraft von
Bildern hin. Neu sei dies im Grunde nicht, von Adam und Eva
bis zu Frankensteins Monstern sind schon in analoger Zeit
"Cyborgs" in die Welt gesetzt worden, allein ihr Bild
kristallisierte sich aus sprachlichen Beschreibungen und
verdichtete sich erst in der menschlichen Imagination. Ohne
sprachliche Vermittlung gaukeln die Geschöpfe der neuen
Techniken jedoch Lebhaftigkeit und Realität vor,
wodurch sie gleichermassen faszinieren wie ängstigen.
Mitchells besorgte Fragen
werden in diesem Band höchstens noch von Bruce Maus
Manifest zum kreativen Umgang mit den neuen Medien geteilt:
"Reduziere dein Tempo" und "Erinnere dich". Ansonsten
herrscht überwiegend Optimismus, insbesondere in den
beiden Kapiteln, die sich mit Ökonomie und Design
auseinandersetzen. Ohne nennenswerte Bedenken wird da von
optimierten Kontakten zu Kunden geschwärmt und von den
Möglichkeiten, deren Bedürfnisse aus der
elektronischen Datenspur herauszufiltern.
Interessant an dieser
euphorischen Grundstimmung ist immerhin, dass dabei der
Mensch wieder ins Zentrum rücken soll und zwar nicht
nur als Kunde. "Hire and fire" ist out, "Hire and retain"
heisst die neue Losung, weil Wissen und Kompetenz der
Mitarbeiterschaft unschätzbar lohnend geworden sind.
"Wissen ist im Informationszeitalter die Basis für die
Wettbewerbsfähigkeit" (Hubert Österle).
Mögen solche Befunde
befremden und ängstigen, sie sind bezeichnend für
die aktuelle Diskussion. In dem Sinne gibt dieser
Aufsatzband hervorragend Aufschluss über die
(erträumte) Macht des Wissens aus gesellschaftlicher,
ästhetischer und theoretischer, insbesondere aber unter
wirtschaftlicher Perspektive.
Nähe zum
Effizienzstreben scheint auch der Begriff
"Wissensmanagement" zu verraten, den der Soziologe Armin
Nassehi aufwirft. Doch der Eindruck täuscht. Nassehi
geht es um die Vorstellungen, die wir uns vom Wissen machen.
Max Weber definierte es einst als Glauben, dass wir Wissen
solange kumulieren, bis wir dereinst einmal die
"geheimnisvollen unberechenbaren Mächte" bannen und
"alle Dinge - im Prinzip - durch Berechnen beherrschen"
können. Die neuen Technologien lassen diesen Glauben
als naiv erscheinen. Die neue Fragestellung lautet viel
mehr: Wie generieren wir Wissen aus all den wuchernden
Informationen? Wissen begriffen als "eine
Repräsentationsform der Welt, die eng mit unserer
Kultur verbunden ist". Daraus abgeleitet bezeichnet
Wissensmanagement den reflexiven, differenzierten Umgang mit
Information, damit Wissen stabilisiert und fallweise mit
anderen Menschen geteilt werden kann. Die rhizomatische
Struktur des Hypertexts und das weltumspannende Datennetz
stehen für das Ende des hierarchisch strukturierten
Wissens, der gesellschaftlichen Zentralperspektive.
Diesen Erkenntnissen
assistieren die durchwegs anschaulich geschriebenen
Beiträge der Neurophysiologen Ernst Pöppel, Wolf
Singer und Francisco J. Varela. Aus ihnen lässt sich
ersehen, dass sich das Wissen über das Wissen
respektive das Bewusstsein verändert hat. Pöppel
bestimmt drei Formen: Begriffs-, Handlungs- und
Anschauungswissen, die notwendigerweise zusammenwirken und
demnach nicht von Emotion, Erinnerung und Erfahrung zu
trennen sind. Die daraus resultierende Komplexität der
neuronalen "Systemzustände" lässt sich nur schwer
fassen, doch einig sind sich die Forscher, dass Wissen und
Bewusstsein nicht in unserem Kopf stecken. Sie
"verkörpern" sich im Raum, durch Interaktionen zwischen
dem Ich und seiner Umwelt. Varela formuliert prägnant:
"Der Stoff, aus dem die Welt besteht, ist Imagination und
Fantasie." Im Prozess der Bewusstseinsentstehung dekoriert
die Vernunft bloss "wie ein Zuckerguss" die fundamentalen
Affekte und Gefühle.
Die prozesshafte Sicht aufs
Wissen impliziert eine Weiterentwicklung unserer
Wahrnehmung, etwa in Richtung Bildlektüre, die im Zuge
der boomenden Visualisierung von Informationen an Bedeutung
gewinnt. Derrick de Kerckhove zeigt, wie mit "Virtual
Reality" sich die Informationsverarbeitung veräussert
und "objektiviert". Die Visualisierung von Wissen wird "Teil
eines objektiven Erfahrungsprozesses, der von allen Menschen
geteilt werden kann wie das Lesen von Büchern." Doch
gilt es festzuhalten, dass das Individuum dabei seinen
Stellenwert behält. Auch vernetztes Wissen entsteht in
einem Zwischenraum, an der Schnittstelle zwischen Netz und
Individuum. Deshalb, so de Kerckhove, ist individuelle
Intelligenz unabdingbar, um "vernetzte Intelligenz" und
somit ein "höheres Kommunikatiosniveau" zu erreichen:
"hire and retain" auch hier, aller Technik zum Trotz.